Husum : Die Eltern trinken, die Kinder leiden

Wer als Kind von alkoholkranken Eltern aufgewachsen ist, hat selbst keine normale Jugend gehabt - und muss oft noch als Erwachsener mit den Folgen kämpfen. In einer Selbsthilfegruppe tauschen Betroffene ihre Erfahrungen aus.

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19. April 2009, 06:25 Uhr

Husum | "Wie wir sind?" Darüber muss Sylvia nicht lange nachdenken: "Unsere Dunkelziffer ist groß. Viele von uns rennen von Therapeut zu Therapeut, ohne zu wissen warum. Wir haben gelernt, Verantwortung für unsere Eltern zu übernehmen, neigen zu Perfektionismus, Minderwertigkeitskomplexen und Beziehungsschwierigkeiten." Ein Teufelskreislauf, der vor langer Zeit, in Kindheit und Jugend, begann.

Sylvia - die Betroffenen nennen sich nur beim Vornamen - ist das "erwachsene Kind" alkoholkranker Eltern. Vor zwei Jahren hat sie aus diesem Anlass eine Al-Anon-Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen: "Um mich mit anderen auszutauschen und gemeinsam Wege aus dieser familiären Krise zu finden."
Die Co-Abhängigkeit kommt schleichend
Um eine familiäre Krise handelt es sich tatsächlich. Nicht nur der Alkoholiker ist krank, auch sein gesamtes Umfeld - vom Ehepartner und dem Freundeskreis bis hin zu den eigenen Kindern. Vor allem die Angehörigen versuchen den Konsum eines Trinkers einzudämmen, entschuldigen und decken ihn nach außen und begeben sich damit oft in ein so genanntes Co-Abhängigkeitsverhältnis. In ständiger Sorge um die krankheitsbedingten Bedürfnisse des Partners, der Mutter oder des Vaters stellen sie eigene Gefühle und Wunschvorstellungen zurück und entwickeln so ihrerseits krankhafte Verhaltensweisen.

"Viele von uns sind aufbrausend und haben ihre Gefühle nicht im Griff", nimmt Sylvia den Faden wieder auf. Und nicht selten kommen Folgeerscheinungen hinzu. "Das reicht von Bulimie über psychische Erkrankungen bis hin zu massiven Wahrnehmungsstörungen." Sie habe von Leuten gehört, die 20 Jahre lang anonyme Alkoholiker waren und dann plötzlich feststellten, dass sie selbst Kinder alkoholkranker Eltern sind.
Unerlebtes - ein ständiger Begleiter
"Erwachsene Kinder" alkoholkranker Eltern - dieser Begriff hat denn auch wenigstens zwei Dimensionen. Da ist zum einen die Erkenntnis, Kind eines Elternhauses zu sein, in dem der Alkohol alles andere in den Hintergrund drückte. Das bedeutet Entbehrungen: "Wir bekamen keine Zuwendung, niemand hat uns vorgelesen, und die Pubertät haben wir uns verkniffen, weil wir Angst hatten, unseren Eltern damit neuen Anlass zum Saufen zu geben", sagt Sylvia. All dies Unerfahrene, Ungelebte begleitet die Betroffenen durchs Leben, belastet sie auch dann noch, wenn sie eigene Familien gegründet und sich die Dinge anscheinend zum Guten gewendet haben. An diesem Punkt setzt die Gruppe an: "Indem wir unsere Geschichten erzählen und lernen, dass wir zwar unsere Eltern nicht ändern, aber etwas für uns selbst tun können."
Ein Anfang ist gemacht
Für diese Gespräche sind gewisse Regeln - die Gruppe spricht von "Traditionen" - unerlässlich. So redet immer nur einer zur Zeit. Niemand wird unterbrochen und alles, was gesagt wird, bleibt anonym. Insgesamt gibt es zwölf solcher "Traditionen" und jede von ihnen hilft, mit den Folgen einer Kindheit im alkoholkranken Elternhaus besser fertig zu werden, den Blick nach vorn zu richten - auf das eigene, auf ein selbstbestimmtes Leben. Das heißt nicht, dass sich alle Wunden schließen lassen, und erst recht nicht, dass keine neuen Opfer hinzukommen werden. Denn Alkohol ist und wird wohl noch lange Deutschlands Gesellschaftsdroge Nummer eins bleiben. Aber ein Anfang ist gemacht.

.Die Gruppe trifft sich jeden Mittwoch von 20 bis 22 Uhr im Gemeindehaus der Friedenskirche, Schobüller Straße.

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