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Windkraft-Projekt in Bargum : Die Angst vor Trittbrettfahrern

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Offtec aus Enge-Sande möchte in Bargum neue Windkraftanlagen für Trainingszwecke errichten – ausgerechnet in einem geschützten Landschaftsraum. Der Kreis Nordfriesland meldet Bedenken an.

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erstellt am 07.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Es gilt eine harte Nuss zu knacken: Weil ein Großauftrag des Global Players Siemens winkt, möchte das in Enge-Sande ansässige Unternehmen Offtec – es bietet Sicherheitstraining und Ausbildung für die Windenergiebranche – ein weiteres Test- und Trainingsfeld mit vier Rotoren einrichten. Die Crux dabei: Das ausgewählte Areal liegt ausgerechnet in einem von fünf charakteristischen Landschaftsräumen in Nordfriesland, die eigentlich von Windkraftanlagen freigehalten werden sollen. Bei aller Sympathie für die Expansionswünsche meldet die Kreisverwaltung ernste Bedenken gegen das Offtec-Vorhaben an, und auch die Kreispolitik sieht sich zwischen Baum und Borke. Die große Sorge: Lässt man eine Ausnahme zu, dient diese womöglich als Blaupause für andere Investoren. Regionen wie Eiderstedt oder auch der Gotteskoogsee wären dann am Ende kaum mehr vor einer flächendeckenden Bebauung mit Windkraftanlagen zu schützen.

Als Standort für ihr zweites Trainingsfeld „Offtec Field II“ hat das Enge-Sander Unternehmen eine Fläche in der Gemeinde Bargum ins Auge gefasst. Sie liegt inmitten des charakteristischen Landschaftsraums „Hauke-Haien-Koog/Langenhorner und Störtewerker Koog/Niederung der Soholmer Au“. Mit dieser Problematik sahen sich die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses des nordfriesischen Kreistages in einer Sondersitzung im Husumer Kreishaus konfrontiert. Dabei versuchten die Offtec-Geschäftsführer Marten Jensen und Matthias Volmari zu vermitteln, „warum wir extrem alternativlos auf diesen Standort fokussiert sind“.

Danach gibt es innerhalb eines Fünf-Kilometer-Radius’ um die Offtec-Basis auf dem Konversions-Gelände in Enge-Sande keinen zweiten möglichen Standort. Kurze Wege sind aber nötig, um die international standardisierten und zertifizierten Trainingsabläufe sicherstellen zu können. Für diese Zwecke möchte Siemens Wind Power in dem Scheinmark genannten Areal Offshore-Windkraftanlagen neueren Typs errichten, darunter zwei Sieben-Megawatt-Anlagen. Dort sollen Mitarbeiter aus aller Welt qualifiziert sowie Rettungsabläufe in den Anlagen und mit Helikopter-Einsatz durchgespielt werden. Denn das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben bereits 33 Offshore-Windparks in sieben Ländern, zwölf weitere sind in Planung.

„Es gibt für Siemens noch zwei andere mögliche Standorte, aber wir würden schon gerne in Deutschland bleiben und investieren“, erläuterte Vertriebsdirektor Jan Vollrath dem Ausschuss. Und mit Blick auf Offtec: „Wir glauben hier in Nordfriesland das beste Training der Welt zu kriegen.“

Martin Degenhardt vom Windkraft-Projektierer Geo in Langenhorn strich heraus, dass Windkraftanlagen mit prägender Wirkung in einem charakteristischen Landschaftsraum im Abwägungsprozess nur dann möglich seien, wenn Ausnahmetatbestände vorliegen. „Wir wollen auch keinen Dammbruch“, sagte er. Im Falle des Offtec-Vorhabens sei ein Alleinstellungsmerkmal gegeben. Zudem könne der betroffene Landschaftsraum mit Vorbelastungen durch die Bundesstraße 5, die Marschbahn-Trasse und die geplante Höchstspannungs-Freileitung ohnehin als zweigeteilt betrachtet werden.

Dieser Argumentation vermag die Kreisverwaltung indes nicht zu folgen. Nach Aussagen von Burkhard Jansen, Fachbereichsleiter für Kreisentwicklung, Bauen, Umwelt und Kultur, zeichnen sich charakteristische Landschaftsräume gerade durch ihre fließenden Übergänge von Natur- und Kulturräumen aus. Zweifel formulierte er zudem hinsichtlich der für eine Ausnahme nötigen „Atypik“ des Vorhabens oder einer ungewollten Härte. Denn das Geschäftsmodell mit Test- und Trainingsanlagen, die als Bürgerwindpark betrieben werden sollen, sei in Nordfriesland eher als typisch einzustufen. Die ins Feld geführte zwingende räumliche Nähe zum Unternehmen in Enge-Sande sei nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. „Unser Problem ist: Wir wollen keine Situation schaffen, wo Trittbrettfahrer auf den Zug springen und in charakteristische Landschaftsräume eindringen können“, bekräftigte Burkhard Jansen.

Angesichts der Bedenken empfahl die Kreisverwaltung deshalb zunächst, ein landesweites Gutachten zu diesem Thema abzuwarten, ehe das Projekt befürwortet wird. Für Offtec drängt jedoch die Zeit: „Entweder wir bekommen die Baugenehmigung oder wir verlieren einen wesentlichen Teil unseres Kerngeschäftes und unseren Partner Siemens.“ Um die Kuh vielleicht doch noch vom Eis zu bringen, wollen alle Beteiligten sich jetzt noch einmal an einen Tisch setzen, um nach Lösungen zu suchen. Der Kreistag soll am 13. November entscheiden.

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