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Westküstentrasse in Bordelum : Die Angst vor der Höchstspannung

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Bordelumer Erhard Müller trägt einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator. Sorgen bereitet ihm deswegen die geplante Westküsten-Trasse, die unweit seines Hauses verlaufen soll.

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2015 | 09:30 Uhr

36 Mal innerhalb nur eines Jahres mussten Krankenwagen oder Rettungshubschrauber in den Mönkebüller Weg kommen: 2011 war das bislang schwerste Jahr in der langen Krankheitsgeschichte von Erhard Müller. Seitdem der heute 63-Jährige vor neun Jahren zwei Herzinfarkte innerhalb von zehn Wochen erlitt, trägt er einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator – doch Probleme bereitet sein Herz ihm bis heute. „Es arbeitet nur noch zu etwa 20 bis 25 Prozent“, sagt er. „Wenn ich 50 Meter gehe, werden die Beine lahm und ich bekomme keinen Sauerstoff mehr. Dann muss ich mich erstmal setzen.“ Ein Thema, das Erhard Müller und seiner Ehefrau Karin deswegen zusätzliche schlaflose Nächte bereitet, ist die geplante 380-Kilovolt-Höchstspannungstrasse, die laut aktuellem Planungsstand rund 200 Meter von seinem Haus im Bordelumer Ortsteil Dörpum entfernt verlaufen soll.

Der Niederländische Stromnetzbetreiber Tennet beabsichtigt dort eine Freileitung zu bauen, über die der an der Nordseeküste erzeugte regenerative Strom in den Süden transportiert werden soll (wir berichteten). Schon jetzt verläuft eine 110-kV-Leitung nördlich vom Haus der Müllers – doch sind die Masten nicht ganz so hoch, außerdem ist diese ungefähr doppelt so weit entfernt. An den bis zu 60 Meter hohen Masten der neuen Trasse sollen in Zukunft beide Systeme hängen.

Gerhard Müller fürchtet sich vor den Auswirkungen der Leitung auf seine Implantate. Laut einem Attest vom Herzzentrum Husum leidet er unter einer „Ischämischen Kardiomyopathie“, einer Verengung der Herzkranzadern. Deswegen wurde ihm 2007 der Defibrillator eingesetzt. Das lebensnotwendige Gerät ist „hoch empfindlich und interferiert mit magnetischen Wellen und Hochspannungsströmen. Es ist dem Patienten deshalb nicht möglich, sich in der Nähe von Hochspannungslagen oder Anlagen mit großen Magnetfeldern aufzuhalten“, heißt es im Attest. Handys oder Mikrowellen hat die Familie mittlerweile aus ihrem Haushalt verbannt. „Wir leben in ständiger Angst“, sagt Karin Müller. „Ich traue mich nicht einmal mehr, zur Arbeit zu fahren und meinen Mann allein zu lassen.“ Er habe zudem von mehreren Kardiologen die Information, dass eine Gefahr für ihn nur dann ausgeschlossen werden könne, wenn die geplante Leitung mindestens 400 Meter von seinem Haus entfernt verlaufe.

Gesetzliche Richtlinien zu einem solchen Mindestabstand gibt es laut Tennet in Schleswig-Holstein allerdings nicht. Während in Niedersachsen eine Entfernung von mindestens 400 Metern zu Wohnbebauungen vorgeschrieben sei, habe sich der Stromnetzbetreiber in Schleswig-Holstein die Grenze von 200 Metern selbst gesetzt. Alle Richtlinien würden so eingehalten.

Das Unternehmen bezieht sich dabei auf eine Studie von Dr. Sarah Drießen, Diplom-Biologin und Expertin zum Wohnumfeldschutz vom Forschungszentrum für Elektromagnetische Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Aachen. Bei einem Energie-Fachdialog zur Westküstenleitung erklärte sie, dass umfangreiche Untersuchungen zu elektronischen Implantaten im 50- bis 60-Hertz-Bereich (der auf die 380-kV-Leitung zutrifft) an 200 Probanden vorgenommen wurden. „Alle Kardioverter-Defibrillator-Träger und Herzschrittmacher-Träger waren in diesem Bereich völlig sicher“, wird Drießen im Protokoll der Veranstaltung durch die Deutsche Umwelthilfe zitiert. Auch Müller hat das Angebot bekommen, auf Kosten der Tennet nach Aachen zu fahren und sich dort untersuchen zu lassen. „Das hätte er nie geschafft“, sagt aber seine Frau. Der Weg nach Hamburg sei für ihn bereits beschwerlich genug. Auch ein Telefonat mit den Experten konnte ihn nicht beruhigen. „Wir haben absolutes Verständnis dafür und bedauern, dass wir Herrn Müller die Sorgen und Ängste noch nicht nehmen konnten“, sagt Peter Hilffert von der Tennet – und betont, dass man diese nach der Studie aber auch nicht teile.

Doch die Müllers sind nicht die Einzigen, die sich gegen den Verlauf der neuen Höchstpannungs-Trasse wehren. Rund 60 Anwohner aus der Gegend haben sich zusammengeschlossen und wollen gegen die Pläne vorgehen. „Man hat sich gar keine Mühe gegeben, andere Lösungen zu finden“, sagt Johann Haß, der etwas weiter im Ortsinneren wohnt. Man habe das Gefühl, vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein.

Dem widerspricht das Unternehmen. Von einer ursprünglich geplanten Trasse sei man im Dialog mit Bürgern abgewichen, nachdem es auch dort Veränderungsvorschläge gegeben habe. „Im Dorf ist man sich leider nicht einig. Es gibt zwei Gruppen. Jede will eine andere Trasse“, sagt Peter Hilffert. „Für Tennet ist unter anderem wichtig, dass unsere Planung einer rechtlichen Prüfung standhält. Das ist beim jetzt geplanten Verlauf gewährleistet. Bei der ursprünglichen Variante hätten Klagen gedroht. Das gefährdet den Planfeststellungsbeschluss, also die Baugenehmigung durch die Behörde, und führt dadurch zu Bauverzögerungen.“

Noch ist aber nichts endgültig. Wie die Tennet mitteilt, werden die Planungsunterlagen wahrscheinlich Mitte Dezember bis Mitte Januar 2016 öffentlich ausgelegt. Zeitgleich sollen auch zwei weitere Infomärkte stattfinden – voraussichtlich in Niebüll und Bredstedt. Sowohl dort als auch bei der Planfeststellungsbehörde bestehe dann die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen.

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