Thusnelda Kühl : Dichterin der Marschen

Hans Meeder, Prof. Dr. Arno Bammé, Dr. Ingrid Reschenberg, Uscha Töös-Stipanits und Bernd- F. Kraus (v. l.) mit Neuauflagen der Bücher von Thusnelda Kühl.
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Hans Meeder, Prof. Dr. Arno Bammé, Dr. Ingrid Reschenberg, Uscha Töös-Stipanits und Bernd- F. Kraus (v. l.) mit Neuauflagen der Bücher von Thusnelda Kühl.

Der Heimatbund der Landschaft Eiderstedt erinnert an die Schriftstellerin Thusnelda Kühl, die vor 80 Jahren starb. Sie hat sehr detailliert über die sozialen Verhältnisse im damaligen Eiderstedt geschrieben.

shz.de von
30. Juli 2015, 09:00 Uhr

„Obgleich Thusnelda Kühl ihre Romane bereits vor mehr als 100 Jahren geschrieben hat, sind sie auch heute noch aktuell.“ Denn in Zeiten des Internets und der Globalisierung bestehe bei vielen Menschen der Wunsch nach mehr persönlichen Kontakten und einem Leben in vertrauter Umgebung. Das sagte der Vorsitzende des Heimatbundes der Landschaft Eiderstedt, Hans Meeder, zur Eröffnung einer Feierstunde im Oldensworter Handelskrug. Dort wurde aus Anlass ihres 80. Todestages der Dichterin der Marschen gedacht. Das Dorf sei für sie stets ihre Heimat gewesen, weil sie hier als Tochter eines Pastors ihre Jugend erlebte und später als Lehrerin tätig war. In ihren 14 Romanen, Erzählungen und Novellen habe sie akribisch das traditionelle bäuerliche Leben in ihrer Umgebung beschrieben und dabei auch den gesellschaftlichen Wandel dargestellt. Dieser begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Umstellung vieler Höfe vom Ackerbau auf Weidewirtschaft, wodurch eine große Zahl von landwirtschaftlichen Arbeitskräften ihre Anstellungen verloren und abwanderten. Die Bauern hingegen wurden reicher und verpachteten ihre Höfe, um mit ihren Familien in Hamburg ein „standesgemäßes“ Leben zu führen.

Kostproben aus den Büchern Thusnelda Kühls trug Bernd-F. Kraus vom Bundesgaarder Archiv in Niebüll vor. Bei den Auszügen aus dem Buch der „Lehnsmann von Brösum“ ging es um einen Bauern, der vor dem Umzug in die Großstadt sein gesamtes Inventar versteigern ließ und hochmütig alle Warnungen vor dem neuen Leben in den Wind schlug. „Du warst es nie wert, ein Eiderstedter zu sein,“ schimpfte ein Nachbar. Bezeichnenderweise hieß sein Hof in Tating „ Sola Bona“ ( Das einzig Gute). Wie ein schüchterner Zwölfjähriger vom Knecht eines gutmütigen älteren Bauern zum Verwalter eines gepachteten Hofes aufsteigt, erfährt man in dem Buch „Um Ellwurth“. Doch der junge Mann ist mit seiner Situation angesichts schlechter wirtschaftlicher Perspektiven unzufrieden. Schließlich kann er die aus Hamburg zurückgekehrte Tochter des Eigentümers davon überzeugen, über einen jüdischen Vermittler mehrere Demat lehmiger Ackerflächen an eine Ziegelei zu verkaufen. Dadurch verbessert sich nicht nur seine finanzielle Situation, sondern er scheint auch die Frau seines Lebens gewonnen zu haben.

Gerade in den letzten Szenen werde deutlich, dass Thusnelda Kühl einen „soziologischen Blick“ für gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens habe, erklärte Prof. Dr. Arno Bammé in seinem Festvortrag. Während der alte Bauer mit seinen Helfern noch das Gemeinschaftsprinzip gepflegt habe, verkörpern der Landvermittler und der Ziegeleibesitzer als Vertreter des Handels- und des Industriekapitals das Gesellschaftsprinzip. Diese wissenschaftlichen Unterscheidungen traf in etwa zur gleichen Zeit ein anderer Oldensworter: Ferdinand Tönnies. Er lebte von 1855 bis 1936 und war in Europa und in den USA ein angesehener Soziologe, dessen Grundlagenwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ 1887 veröffentlicht wurde. Diesen Umbruch vom gemeinschaftlichen Handeln in der Familie und im Dorf zum unpersönlichen, zweckgerichteten Gesellschaftsleben beschreibe auch Thusnelda Kühl, die mit ihren Romanen diesen Vorgang in Form des poetischen Realismus „illustriere“, sagte der Professor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Österreich)mit einem Wohnsitz in Oldenswort. Tönnies hingegen bediene sich in seinen Arbeiten der wissenschaftlichen Prosa.

Die Veranstaltung wurden von Uscha Töös-Stipanits musikalisch abgerundet. Die gebürtige Wienerin intonierte zwischen den Wortbeiträgen auf der Geige Volksweisen zum Mitsingen, Serenaden und Sonaten von Haydn, Corelli und Gluck sowie die Partita Nr. 2 von Bach, wofür sie viel Applaus erhielt.

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