Schiffsgeschichten : Deutsche Wer(f)tarbeit aus Husum

Das Meer verschlingt die alte Fähre – wie geplant unweit von Fünen.
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Das Meer verschlingt die alte Fähre – wie geplant unweit von Fünen.

Der Mehrzweckfrachter „Mauritius Pride“ und die Fähre „Ærøsund II“ liefen einst in der früheren Husumer Werft vom Stapel. Die „Ærøsund“ wird nun in Dänemark zur Attraktion für Taucher.

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05. Januar 2015, 16:00 Uhr

Schon seit 1999 werden in der Husumer Werft keine Schiffe mehr gebaut. Für viele war es wie ein Fanal, als die HSW – mit zeitweilig bis zu 800 Mitarbeitern jahrelang größtes Unternehmen der Stadt – unmittelbar vor der Jahrtausendwende Insolvenz anmeldete. Dessen ungeachtet kehren viele der rund 400 Schiffe, die in 52 Jahren vom Stapel liefen, regelmäßig an ihren Ursprungsort zurück – zur Reparatur. Die Dock und Reparatur GmbH & Co. KG, ein Nachfolge-Unternehmen der HSW, hat bei Reedern einen guten Ruf.

Und was ist aus den Schiffen geworden, die in Husum gebaut wurden? Von einem Erlebnis der „dritten Art“ berichtete ein ehemaliger Werft-Mitarbeiter nach einer China-Reise. In der Mündung des Yangtsekiang stieß er auf eine ganze Armada von Frachtern, die frappierende Ähnlichkeit mit jenen Pötten hatten, die Ende der 1990er-Jahre in Husum vom Stapel liefen. Einmal mehr wurde dem Mann plastisch vor Augen geführt, warum die chinesischen Auftraggeber seinerzeit immer mit zwei bis drei Dutzend Leuten anreisten, von denen zwei, drei die Verträge aushandelten, während sich der Rest auf dem Werftgelände verlustierte.

Eines der vielseitigsten Schiffe, das jemals in Husum gebaut wurde, wurde jetzt verkauft. Was aus der „Mauritius Pride“ werden soll, ist noch offen. Zuletzt verkehrte der Mehrzweckfrachter im Auftrag der „Mauritius Shipping Corporation“ zwischen Mauritius und der 600 Kilometer entfernten Insel Rodrigues. Ein Schiff, das an Vielseitigkeit kaum zu überbieten ist: Neben 300 Passagieren kann es Temperatur-sensible Ladung, aber auch trockenes und nasses Massengut transportieren. Der 1990 gebaute, knapp 100 Meter lange und 17 Meter breite Frachter ist noch bestens gut in Schuss, und sein Kapitän Laval Lam Kai Leung weiß deutsche Wertarbeit zu schätzen. Rund 900.000 Seemeilen hat die „Mauritius Pride“ auf dem „Tacho“. Doch bevor die Millionengrenze überschritten wurde, trat ein neues Schiff an ihre Stelle.

Ein ganz anderes Schicksal ereilte eine Fähre, die 1960 in Husum vom Stapel lief und viele Jahre zwischen den dänischen Inseln Fünen und Ærø verkehrte. Sie wurde unweit der dänischen Insel Fünen versenkt, um Fischen und Tauchern als künstliches Riff zu dienen. Für Taucher ist es etwas ganz Besonderes, versunkene Schiffe zu erkunden. Aber die gibt es natürlich nicht wie Sand am Meer. Und viele liegen noch dazu in unerreichbarer Tiefe. Dessen ungeachtet erfreut sich das Sport- und Freizeit-Tauchen zunehmender Beliebtheit. Deshalb steigt der Bedarf an attraktiven Plätzen. Und so fand die ausgediente Roll-in-Roll-out-Auto- und Eisenbahn-Fähre ihre letzte Ruhestätte in 19 Metern Tiefe.

Eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde dieser ultimative Auftritt der „Ærøsund II“ von Experten einer Bergungsfirma. Zunächst fluteten diese Maschinenraum und Tanks des Schiffes. Als die Fähre dann auf Höhe des Ladedecks abgesunken war, ging es ganz schnell. Durch große Öffnungen, die in Rumpf und Deck geschnitten worden waren, lief die „Ærøsund II“ voll und sank binnen zwei Minuten auf die gewünschte Tiefe, wo sie auf dem eigenen Kiel liegen blieb.

Die Stelle hatten Vertreter des Tourismusverbandes und der Kommune Fünen mit Tauch-Firmen, dem Umweltministerium und dem Hydrografischen Dienst ausgesucht. Sie liegt rund 600 Meter von der Ortschaft Ballen entfernt vor der Südküste des Svendborgsundes.

Annähernd 40 Jahre lang verkehrte die „Ærøsund II“ zwischen Fünen und Ærø – genauer gesagt zwischen Svendborg und Ærøskøbing. Neben Passagieren transportierte sie vor allem bewegliche Güter, die per Lastkraftwagen oder Zug an Bord kamen. Schon zehn Jahre nach seiner Fertigstellung in Husum wurde das Schiff bei der Søby Motorfabrik & Skålskibsværft auf Ærø im Vorschiff überdeckt.

Viele Jahre lang war die „Ærøsund II“ die größte private Eisenbahnfähre Dänemarks: bis 1995. Dann wurde die Fährverbindung zwischen Ærøskøbing und Svendborg durch Det Ærøske Færgetrafikselskab übernommen und der Transport von Eisenbahnwagons nach Ærø eingestellt. 1999 wurde das Schiff dann außer Dienst gestellt und durch die „Ærøskøbing“ ersetzt. Danach diente es der Künstleragentur Danartist APS bis 2005 als Kulturschiff. Heimathafen war Odense. Fünf Jahre zuvor war die 55,75 Meter lange und 9,88 Meter breite Fähre in die Liste der erhaltenswerten dänischen Schiffe aufgenommen worden. Von 2005 bis 2009 lag sie – weitgehend im Originalzustand erhalten und gut gepflegt – im Hafen von Svendborg.

Auf Initiative des Unternehmens Naturturisme kamen im Jahr 2012 erste Pläne auf, die „Ærøsund II“ zu einem Eldorado für Taucher zu machen. Die Idee fand bei der dänischen Umweltministerin Kirsten Brosbøl allerdings wenig Gegenliebe. Und auch das Verkehrsministerium sprach sich gegen das Projekt aus. Später wurde alles revidiert. Bis es zu einer Tauchattraktion wird, dürften allerdings noch ein paar Jahre ins Land gehen.

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