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24 Stunden Husum: 17 bis 18 Uhr : Der Tod ist allgegenwärtig

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sie müssen jeden Tag ebenso feinfühlig wie handwerklich geschickt sein: Anna Baldun und Philipp Gerlach begleiten Trauernde, bereiten Verstorbene vor und richten Särge her. Die Bestatter stehen heute im Mittelpunkt unserer Serie „24 Stunden Husum“.

In der Serie „24 Stunden Husum“ begeben wir uns an verschiedenste Orte der Stadt – jeweils für eine Stunde. Heute Teil 13: Hinter den Kulissen eines Bestattungsunternehmens.

 

Wenn Anna Baldun und Philipp Gerlach um 17 Uhr ihr Büro verschließen, ist der Tag für die beiden Jungunternehmer noch lange nicht vorbei. Dann beginnt der handwerkliche Teil ihres Berufes. Die gelernte Tischlerin und der Bestatter haben vor knapp einem Jahr das Husumer Traditionsunternehmen Dawartz Bestattungen übernommen und arbeiten seither meist bis in die Abendstunden. Nach 17 Uhr begleiten sie entweder Trauernde bei Abschiednahmen, bereiten Verstorbene vor oder richten Särge ein. Ihr Beruf verlangt ihnen dabei jede Menge Feinfühligkeit, Empathie und handwerkliches Geschick ab.

Heute ist die Büroarbeit um 17 Uhr noch nicht ganz geschafft. Bei Dawartz sind die Handwerker unterwegs. Das zum Teil sehr altmodische Interieur wird nach und nach durch eine modernere Einrichtung ersetzt. Jetzt sind gerade die Büros dran. Mit einem Kollegen besprechen die beiden den aktuellen Stand der Renovierungsarbeiten, für morgen müssen noch Termine gefunden werden. „Die Renovierungen dürfen unsere Besucher natürlich nicht stören“, erklärt Philipp Gerlach. „Sie erwarten zurecht eine ruhige, angemessene Atmosphäre.“ Derweil macht sich Anna Baldun Gedanken über die kommenden Tage: „Es gibt derzeit sehr viele Beerdigungen und unser Sarglager ist fast leer.“ Morgen muss eine Großbestellung raus.

Die Stunden nach 17 Uhr gehören bei Dawartz oft den Trauernden. Die Menschen kämen nach der Arbeit, um Abschied von Familienmitgliedern oder Freunden zu nehmen, erklärt die 30-Jährige. „Und wir legen viel Wert auf eine Abschiednahme. Sie erleichtert die Trauer und kann die Trauerzeit um Jahre verkürzen.“ Heute stehen keine Abschiednahmen an. Stattdessen wollen Baldun und Gerlach einen Sarg für eine Trauerfeier in zwei Tagen vorbereiten. Die Verstorbene liegt bereits in den Räumen des Unternehmens.

Schnell ziehen sich die zwei für die zum Teil recht staubige Arbeit in der Werkstatt um. Richtige Handwerker-Klamotten sind aber nicht drin. „Oft stehen Trauernde vor der Tür und dann müssen wir ganz schnell wieder schick aussehen“, erklärt der 29-jährige Firmenchef. Dennoch hat er dunklen Schlips und schwarzes Jacket gegen ein braunes, dickeres Sakko eingetauscht. Als wir das Gebäude für die Abschiednahmen betreten, wird klar warum. Es ist kühl in den Räumen. „Die Toten brauchen eine solche Umgebung.“

Vorbei an den Räumen für die Abschiednahmen gelangen wir in die Garage und Werkstatt des Unternehmens. Hier stehen die Leichenwagen und einen Raum weiter lagern einige Särge. Viele sind es, wie gesagt, nicht mehr. Mit geübten Handgriffen ziehen Baldun und Gerlach einen Kiefernsarg hervor („Wir empfehlen schlichte Särge“) und schieben ihn auf einem Scherenwagen zur Werkbank. Jetzt sieht der Sarg eher wie eine schlichte Holztruhe aus.

Plötzlich dröhnt es laut durch die Werkstatt. Anna Baldun hat den Kompressor angeworfen. Schnell werden mit seiner Hilfe die schweren Metallgriffe angebaut, wird die Truhe zunächst mit einer Folie, anschließend mit Holzwolle und einem Tuch aus Satin ausgekleidet. Anschließend tackert Gerlach noch eine Bordüre fest. Zwischendrin schaut immer mal wieder einer der Kollegen vorbei oder das Telefon klingelt. „Bei uns ist immer ein Kommen und Gehen“, sagt Gerlach schmunzelnd.

Der fertige Sarg wird in den so genannten Versorgungsraum geschoben. Dort wird die Verstorbene morgen eingebettet und für die Trauerfeier zurechtgemacht. „Wir fälschen keine Tatsachen“, betont Gerlach jedoch. Und Baldun ergänzt: „Es ist erstaunlich, wie oft sich Menschen im Tod noch entspannen und verändern.“ Deshalb werden die Toten in der Regel nur rasiert, gekämmt und zum Beispiel von einem „verschwitzten Krankenhaushemd“ befreit. Stattdessen tragen sie dann Kleidung, die die Hinterbliebenen von ihnen kennen. „Oft sind es das Licht, der Geruch oder die Möbel, die die Trauernden stören“, so Gerlach. „Unsere Aufgabe ist es, diese Rahmenbedingungen zu regeln.“

Berührungsängste, was den Tod angeht, haben Baldun und Gerlach nicht. Nur sehr viel Respekt. Und auch die meisten Trauernden wollten ihre verstorbenen Lieben noch einmal berühren, berichten die beiden Bestatter. Wenngleich die Husumer meist eher verhalten trauern würden. „Da sind die russischen Familien hier ganz anders“, so Baldun. „Sie stehen dem Tod doch offener gegenüber. Oft sitzen sie bis kurz vor Mitternacht bei den Toten.“

 

Teil 14 morgen: Bei Thomas Mill sind kranke Tiere in guten Händen.

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erstellt am 16.Sep.2013 | 12:00 Uhr

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