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Husumer Nachrichten

18. Dezember 2017 | 05:03 Uhr

Der Reiz des kaum Mitteilbaren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Lyrikerin Therese Chromik wird heute 70 – und spricht über Sehnsucht nach Heimat, ihre Liebe zum Meer und das Nadelkissen-Gleichnis

von
erstellt am 16.Okt.2013 | 21:00 Uhr

Seit 35 Jahren schreibt und publiziert sie: Therese Chromik, die von 2000 bis 2007 die Theodor-Storm-Schule leitete. Heute feiert sie ihren 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass erscheint ihr neuer Band „Mit meinen Armen teile ich das Meer“ mit ausgewählten Gedichten, der am Freitag, 18. Oktober, im Rittersaal des Schlosses vorgestellt wird. Ein Vortrag von Helmut Braun über die Lyrikerin und Musik von Dorothea Spielmann-Meyns und Ralf Kukowski rahmen Chromiks Lesung ein. Beginn: 17 Uhr.

Der Titel Ihres neuen Lyrikbandes heißt „Mit meinen Armen teile ich das Meer“. Hat das Meer eine besondere Bedeutung für Sie?

Chromik: Das Meer hat etwas Geheimnisvolles, Unergründliches, ja Mythisches für mich. Ich erlebe es so, wenn ich auf dem Deich bin und mich im Sturm kaum halten kann und die Flut kommt. Wie lebendig das Meer ist, wie wechselhaft in seiner Kraft – das ist faszinierend in Nordfriesland zu erleben. Kein Wunder, dass
es die Griechen besonders zur Mythenbildung anregte.

Sie wurden 1943 im schlesischen Liegnitz geboren, sind ein Flüchtlingskind. Welche Bedeutung hat „die alte Heimat“ heute für Sie? Immerhin haben Sie 2011 im polnischen Wroclaw, dem früheren Breslau, promoviert – in Germanistik?

Flüchtlingskind zu sein bedeutet, mit der Sehnsucht nach Heimat zu leben. An den Geburtsort habe ich keine Erinnerung mehr, aufgewachsen bin ich in der Lüneburger Heide, dann hat es mich nach Schleswig-Holstein verschlagen. Ich trage meine Heimat also ziemlich mobil mit mir herum und fühle mich da zuhause, wo ich tiefe einschneidende Erlebnisse gehabt habe. Husum ist da von besonderer Bedeutung für mich.

Die Promotion in Wroclaw hat sich aus den Kontakten mit dem Germanistischen Institut der dortigen Universität ergeben, wo meine Gedichtbände übersetzt wurden. Das war ein glücklicher Zufall, denn mein Doktorvater in Kiel war nach meiner Schulleiterzeit emeritiert und krank und konnte die früher begonnene Arbeit nicht weiter betreuen.

Verstehen Sie Ihre engen Beziehungen zu Polen auch als eine Art persönlicher Aussöhnung?

Ja. In Kiel hatte ich mit dieser Absicht schon mit einem Kollegen an zwei Schulen den Schüleraustausch mit Polen aufgebaut und fand nun in Husum an der Theodor-Storm-Schule beim ersten Betreten meines Amtszimmers den Stich der Stadt Legnica (Liegnitz) an der Wand – ein Gruß aus meiner Geburtsstadt – und unterstützte begeistert den vorhandenen Schülerchor-Austausch. Ressentiments wurden abgebaut, es sind viele deutsch-polnischen Freundschaften entstanden.

Sie haben Philosophie, Germanistik, Geografie und Kunst studiert. Warum gleich vier Studienfächer?

Philosophie war Pflicht bis zum „Philosophikum“ im sechsten Semester, wenn man das Lehramt für Gymnasien anstrebte. Ich habe es darüber hinaus etwas weiter intensiviert. Kunst war zunächst mein Wunschfach. In Niedersachsen musste man aber zwei Fächer für das Gymnasium studieren und das ließ sich zeitlich nebeneinander nicht bewerkstelligen. So wechselte ich im fünften Semester von Kunst zur Geografie, das war Liebe auf den zweiten Blick. Germanistik stand von vornherein fest. Ich lebte ja mit der Literatur.

Sie waren ja selbst Lehrerin, Schulleiterin sogar. Würden Sie jungen Menschen heute noch zu einer so – ich sage mal – bildungsbürgerlichen Fächerkombination raten?

Für meinen Beruf würde ich werben, wenn man junge Menschen mag und sich für die Fächer begeistern kann. Der Schuldienst fordert die ganze Person, man muss selbstständig lernbereit und selbstkritisch sein. Man bekommt viel zurück, wenn man alles gibt. Zur Fächerwahl: Ich plädiere dafür, die Fächer zu wählen, die einen begeistern. Alles andere geht schief.

Mit Blick auf die Bedürfnisse des Marktes scheinen die kreativen, künstlerischen Fächer an Bedeutung zu verlieren. Wie schätzen Sie das ein?

Das Studienfach ist wenig relevant heute. Der Arbeitsmarkt ist heute flexibler und legt nicht mehr nur Wert auf ein ganz bestimmtes Fach, sondern auf Flexibilität und Lernfähigkeit. Im Arbeitsleben kann man Zusatzqualifikationen erwerben. Kreativität ist nach wie vor gefragt. Der Übergang zur Kunst ist fließend.

Peter Rühmkorf hat einmal gesagt: „Wer Lyrik schreibt, ist verrückt, wer sie für wahr nimmt, wird es.“ Die Nachfrage sei geringer als für Nadelkissen. Warum schreiben Sie noch Lyrik?

Eine humorvolle und hintersinnige Äußerung. Aber: Wer die Reality Shows im Fernsehen für wahr nimmt, wird schneller verrückt. Und die Nadelkissen? Die Nachfrage steigt wieder, wie insgesamt das Handarbeiten laut Umfragen wieder modern wird, weil das individuell Angefertigte gefragt ist. Und weil das der Lyrik ähnlich ergeht, weil sie den persönlich individuellen Dialog anbietet, schreibe ich.

Aber es heißt ja auch, wer schreibt, der bleibt. Nur womit und für wen, wenn kaum noch einer Lyrik liest?

Das gilt bis jetzt; was in Zukunft gilt, ist ungewiss. In manchen Zeiten und Lebenssituationen wird Lyrik für notwendiger gehalten als in anderen. Ob wir heute, um Brecht zu zitieren, eine „schlechte Zeit für Lyrik“ haben, ist nicht an den Medien abzulesen und möglicherweise nicht einmal am Büchermarkt; großes Interesse zeigt sich zum Beispiel im Internet und Lesungen – unter anderem bei Poetry Slams.

Was ist Ihre Triebfeder, zu schreiben? Und welche tiefere Bedeutung hat das Schreiben für Sie?

Hilde Domin sagt: „Indem das Gedicht dem Menschen hilft, ( . . . ) die eigene Erfahrung zu benennen und mitzuteilen, hilft es ihm, der Wirklichkeit Herr zu werden.“ Mich reizt die Aufgabe, das „Nicht-oder Kaum Mitteilbare“ mitzuteilen. Lyrik hat meines Erachtens eine „Entlastungsfunktion“ auch für andere, denn sie spricht Erfahrungen, die letztlich Grunderfahrungen des Menschen sind, stellvertretend für andere aus. Insofern wird sie „gebraucht“ und ist für unsere nach materiellem Glück strebenden Gesellschaft eine gesellschaftliche – weil psychische – Notwendigkeit.

In Ihren Gedichten geht es um das Leben, die Liebe, unser Verhältnis zur Natur. Beziehen diese Themen einen Teil ihrer Aktualität daraus, dass wir uns viel zu wenig mit ihnen beschäftigen?

Das ist eine Frage, die der Leser beantworten muss. Die Naturgedichte, die sich mit dem Norden beschäftigen, sind eine Liebeserklärung an meine norddeutsche und nordfriesische Heimat, auch wenn es ein Kampf mit dem Wind auf dem Deich ist. Liebe zur Natur heißt für mich: die Vorgänge verstehen, so ist auch „Klima“ das Thema eines meiner Sonette , in dem Sorge zum Ausdruck kommt.

Zu Ihrem 70. Geburtstag erscheint ein neuer Gedichtband. Worum geht es darin, und was haben wir im Jubiläumsjahr noch von Ihnen zu erwarten?

Der neue im Liebe Verlag erschienene Gedichtband „Mit meinen Armen teile ich das Meer“ enthält auf 350 Seiten eine Auswahl der Gedichte aus allen früheren, zum Teil vergriffenen Bänden (seit 1983), und etwa 40 neuen Gedichte. Sie sind nach der Reihenfolge ihres Erscheinens abgedruckt. Ich arbeite an einem neuen Buch, einer kleinen Biografie.

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