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Ein Gebäude verschwindet : Der Mann, der Mauern niederreißt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Kongresshalle gibt es nicht mehr: Nur knapp drei Wochen benötigte Stephan Nietschke für sein gut geplantes Zerstörungswerk. Mit seinem 50 Tonnen schweren Bagger brachte er die Wände zu Fall, pulverisierte den Beton und räumt auch noch den Schutt zur Seite.

Es sieht aus wie nach einer Bombenexplosion: Nach nicht einmal drei Wochen der Abrissarbeiten ist von der ehemaligen Irene-Thordsen-Kongresshalle fast nichts mehr übriggeblieben. Kein Stein mehr auf dem anderen – lediglich ein großer Schutthaufen zeugt vom früheren Veranstaltungszentrum der Storm-Stadt. Selbst dieser wird in den nächsten Tagen verschwunden sein. Und verantwortlich für das alles ist Stephan Nietschke.

Nachdem der Baggerführer aus Lübeck am 8. April mit seinem 50 Tonnen schweren Arbeitsgerät angereist war, hat er zunächst einmal das mächtige Gebäude inspiziert. Und zwar sehr gründlich: „Man kann nicht einfach loslegen und mit dem Abriss beginnen“, sagt der erfahrene Vorarbeiter. Seit 22 Jahren arbeitet er mit den riesigen Geräten. Heute müsse man dafür einen Baumaschinenschein machen, der mit einem entsprechenden Führerschein vergleichbar sei. „Ich musste dieses Handwerk noch von der Pieke auf erlernen.“ Was Vorteile hat, denn bei solch einem Auftrag dürfe man keine Anfänger ans Werk gehen lassen, wie er betont.

Als er die Halle damals begutachtete, um sich ein genaues Bild zu machen, habe er insbesondere deren großen Innenraum inspiziert. „Es kommt immer wieder vor, dass übersehene Kellerlöcher oder Treppenabgänge zu schweren Unfällen führen.“ Bei der Inspektion nützten ihm die langjährige Erfahrung und der dadurch geschulte Blick. Die gute Vorbereitung sei entscheidend für eine erfolgreiche Arbeit: „Wenn ich eine Mauer abreiße oder ein Dachgebälk aus der Verankerung hebe, habe ich nur einen Versuch. Und geht der schief, habe ich ein gewaltiges Problem.“ Ein Maurer könne eine schief gemauerte Wand wieder abtragen und neu aufbauen. „Diese Möglichkeit habe ich nicht, für mich gibt es nur einen einzigen Anlauf und der muss sitzen.“

Mit seinem Bagger, der durch seinen vollhydraulischen Schnellwechlser rasch mit neuen Endstücken am Ausleger bestückt werden kann, hat er eine ausgezeichnete Ausrüstung. „Früher war das Ansetzen einer Schaufel eine aufwändige Prozedur“, erinnert sich der 45-jährige. Heute steuert er den Vorgang von seinem Führerhaus mit mit zwei Handgriffen in Sekunden – eine enorme Arbeitserleichterung. Neben einer tonnenschweren Schaufel stehen ihm ein Sortiergreifer und ein Hydraulikhammer als Werkzeuge am Bagger zur Verfügung. Allein der Hammer wiegt über fünf Tonnen. Und dann ist da noch der Pulverisierer, mit dem er Betonteile zerkleinern kann. Was so ein komplett ausgerüsteter Bagger kostet, will er nicht genau beziffern. „Aber dafür kann man sich schon eine exklusive Villa in Hamburg-Blankenese kaufen.“

Wenn der Hydraulikhammer zum Einsatz kommt, sind die Schläge noch einige Straßenzüge weiter zu spüren. Damit diese nicht zu stark werden, hat das Abbruchunternehmen aus Bremen auf der Baustelle an vier Stellen Seismographen aufgestellt, die auch geringste Erschütterungen wahrnehmen. Ab einer bestimmten Stärke sendet das Gerät eine Warnung als SMS an Nietschkes Handy. „Es ist schon vorgekommen, dass ich meine Arbeit abbrechen musste“, sagt er. In einem solchen Fall muss eine andere Herangehensweise überlegt werden.

Bei der Kongresshalle war der Abriss der Holzdeckenkonstruktion am leichtesten. Mit dem Greifer konnte er die mächtigen Träger problemlos herunterholen. Am Ende mussten 15 Container Holz abtransportiert werden.

Für Nietschke gehört dieser Auftrag in Husum nicht zum spektakulärsten, was er je gemacht hat. „Der Abriss der Siloanlage in Eckernförde war noch eine ganz andere Hausnummer“, erzählt er. Seine Arbeit macht ihm selbst nach zwei Jahrzehnten immer noch viel Spaß. In Husum allerdings wird er regelmäßig mit einem Ärgernis ganz anderer Art konfrontiert: Freitagnachmittag fährt er zu seiner Familie nach Bremen und am Sonntagabend wieder zurück nach Husum. Warum man die Autobahn 23 aber nicht weiter nach Norden durchgezogen hat, wo doch schließlich jede Menge Ziele für Touristen liegen, das kann er nicht verstehen. „Die Bundesstraße 5 ab Heide ist eine Zumutung für jeden Autofahrer“, schimpft er. „Und wenn ein Lkw vor einem fährt, hat man verloren.“


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