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Glocken-Fachmann : Der Kirchgänger mit der Stimmgabel

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein klangvoller Job: Nordfrieslands Glockensachverständiger Volker Scheibe ist immer auf der Suche nach dem richtigen Ton.

von
erstellt am 22.Dez.2015 | 18:32 Uhr

„Süßer die Glocken nie klingen . . .“ Ein bekanntes Lied aus dem 19. Jahrhundert, das dieser Tage wieder Hochkonjunktur hat. Der Refrain ist Musik in Volker Scheibes Ohren – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Für den Niebüller sind die Töne, die diese Art von Klangkörper erzeugen, das ganze Jahr über süß: Scheibe ist selbstständiger Glockensachverständiger der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. In dieser Eigenschaft betreut der 61-Jährige für die Nordkirche den Landesteil Schleswig – von Hamburg bis zum Nord-Ostsee-Kanal.

An diesem Vormittag waltet der Musiklehrer an der Niebüller Friedrich-Paulsen-Schule, der in seiner Heimatstadt außerdem als Kirchenmusiker tätig ist, in einem mehr als 800 Jahre alten Backsteinbau seines Amtes. Der gebürtige Dortmunder klettert die enge Leiter in dem 1892 entstandenen Dachreiterturm hoch, um den Glockenboden des Humptruper Gotteshauses zu inspizieren. Dabei kann schon mal die eine oder andere Fledermaus die Flatter machen. Doch diesmal gibt es keine tierische Begegnung. Mit dabei hat Scheibe nicht nur den Hausherrn, Pastor Matthias Corves, sondern auch sein „Besteck“: einen Koffer mit zehn verschiedenen Stimmgabeln und einem Greifzirkel, um Maß zu nehmen.

Das Objekt der Begierde hängt an einem Stahljoch: eine 151 Jahre alte Bronzeglocke, erschaffen von Jacob Friedrich Beseler aus der berühmten Rendsburger Gießerfamilie, die es heute nicht mehr gibt. Viele Glocken in Schleswig-Holstein sind sein Werk. Etliche davon wurden eingeschmolzen. Das gute Humptruper Stück wiegt knapp eine Tonne – bei einem Durchmesser von 100 Zentimetern. Nicht selten findet Scheibe in den Türmen die alten Vorgänger-Joche aus Holz, die dann wieder aufgearbeitet und verwendet werden können. Im Gegensatz zu den stählernen Varianten betonen diese Aufhängungen die tieferen Teiltöne, während sie die hohen dämpfen – der Glockenklang wird dadurch als angenehmer empfunden.

In der friesischen Dorfkirche im Norden von Südtondern, die viel von ihrer romanischen Ursprünglichkeit bewahrt hat, beginnt der Sachverständige mit der üblichen Prozedur – und gerät ins Schwärmen. „Ein wunderbar harmonischer Klang mit einem sehr guten Nachhall“, sagt Scheibe, während seine Stimmgabeln die fünf wichtigsten Intervalle aus der Obertonreihe aufspüren: Unteroktave, Prime, Mollterz, Quinte, Oktave. „Elektronisch lassen sich sogar bis zu 50 Teiltöne messen – die sind dann aber nicht mehr zu hören“, erklärt er. Am Ende steht sein Experten-Urteil fest: „Die Glocke hat den Ton f’!“

Auch die Einheimischen scheinen das Geläut aus dem Turm der Kirche an der Hauptstraße gerne zu hören. „Die Leute lieben ihre Glocke“, sagt Pastor Corves, Seelsorger der Kirchengemeinde Süderlügum-Humptrup. „Wenn sie mal stumm bleibt, wie etwa bei einem Stromausfall, gibt es gleich Anrufe.“

Apropos: Scheibe, der vor 15 Jahren in Heidelberg durch den Ökumenischen Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen zum Sachverständigen ausgebildet wurde, stellt sein Fachwissen immer dann zur Verfügung, wenn eine Kirchengemeinde anruft. In Nordfriesland gibt es derer 66 – und etwa 100 Kirchen und Kapellen. Bei Bedarf wird eine Art Rundum-Sorglos-Paket geschnürt. Dabei umfasst die Beratung nicht nur die Ton-Disposition bei Geläute-Erweiterungen und Neugüssen. Der Experte arbeitet auch Läute-Ordnungen aus, prüft Angebote und macht Vorschläge zur Auftragsvergabe sowie Abnahme-Prüfungen. Dabei kooperiert Scheibe mit kirchlichen Institutionen, Architekten und dem Denkmalschutz.

Und was ein richtiger Sachverständiger ist, der kennt sich auch mit dem gelegentlich noch üblichen Beiern aus. Dabei wird mit einem Holzhammer auf die stehende Glocke geschlagen. Wenn es nicht zu kalt ist, denn Scheibe muss anschließend noch Orgel spielen, beiert er zu Weihnachten die drei Glocken im Niebüller Ortsteil Deezbüll. „Ich schlage dann das Anfangsmotiv von ,Es ist ein Ros’ entsprungen‘ an.“ Süßer die Glocken nie klingen . . .

 

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