zur Navigation springen

Friesin mit Leib und Seele : Der Inbegriff von Heimat

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sylter Freiheit mit nach Kiel genommen: Die Vorsitzende des Vereins Nordfriesisches Institut, Inken Völpel-Krohn, arbeitet unter anderem als Deutschlands einzige Friesisch-Dolmetscherin.

Das gibt es selten: Ein Verein ist Träger eines wissenschaftlichen Instituts. In Bredstedt macht der Verein Nordfriesisches Institut seit 50 Jahren vor, wie diese spezielle Konstellation funktioniert. Der Verein, der 1948 gegründet wurde, ist Träger des Nordfriisk Instituut, der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung in Nordfriesland zur Pflege, Förderung und Erforschung der friesischen Sprache, Geschichte und Kultur. Unter den etwa 900 Mitgliedern sind viele Nordfriesen, die im Kreisgebiet wohnen. Aber auch Vereine und Freunde Nordfrieslands gehören dazu, genauso wie Wissenschaftler oder wissenschaftliche Institute, die in der ganzen Welt verstreut sind.

Dem Verein ist sehr daran gelegen, den Mitgliederbestand auszubauen. „Die Tausender-Marke wäre großartig“, sagt Professor Dr. Thomas Steensen. Der Institutsdirektor freut sich sehr darüber, dass der Verein auf engagierte Menschen zählen kann und die Zusammenarbeit von Ehrenamt und Hauptamt seit jeher gut läuft.

Den Vorsitz des Trägervereins hat seit Mai 2012 Inken Völpel-Krohn aus Kiel. Sie ist Nordfriesin durch und durch und spricht Friesisch, seit sie zwei Jahre alt ist. 1938 in Itzehoe geboren, zog es ihre Familie kurze Zeit später auf die Insel Sylt. Ihr Vater, Hugo Krohn, war zwischen den beiden Weltkriegen als Stipendiat der Carnegie Foundation zur Friedensforschung in London und Paris. Die Version des Stiftungsgründers Andrew Carnegie von Frieden in Europa war in der Familie Krohn Bildungs- und Erziehungsprinzip. Das Streben nach Völkerverständigung, Aussöhnung und Sühne in der Erziehung der nächsten Generation sollte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Meinung des Vaters umgesetzt werden – unter anderem in Auslandsreisen.

Völpel-Krohn war daher seit ihrer Kindheit viel unterwegs. Anfangs bei Verwandten und im Sportaustausch, später – während ihrer Studienzeiten – mit Fokus auf Sprachen, Rechts- und Staatswissenschaften überwiegend in Frankreich und Deutschland. Anschließend folgten erste Einsätze als Übersetzerin und Dolmetscherin bei der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in Paris sowie den Kommissionen der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel.

Während ihrer freiberuflichen Tätigkeit hatte sie genügend Zeit, eine eigene Familie zu gründen. Nach Brüssel folgte Kiel, wo sie mit ihrem Ehemann, dem Juristen Peter Völpel, lebt. Ihr Wohnhaus ist gleichzeitig das Büro für die Eheleute. Hohe Decken, knarrende Holzdielen und ein großer Schreibtisch, auf dem viel Arbeit wartet. Völpel-Krohn steht nach wie vor mitten im Arbeitsleben – ihr Übersetzungs- und Dolmetschbüro ist gerichtlicherseits öffentlich bestellt, vereidigt und fachkundig für die Sprachen Englisch, Französisch und Friesisch in Bezug auf die Bereiche Recht und Wirtschaft.

Ihre Sylter Freiheit hat sie mit in die Landeshauptstadt genommen, wie sie erzählt – und blickt dabei fast ein bisschen wehmütig aus dem Fenster. Sylt ist für sie der Inbegriff von Heimat. So sehr, dass sie schon zu Lebzeiten eine Grabstelle in Morsum ihr Eigen nennt. Für sie kein Tabuthema, genauso wie viele weitere Bereiche in ihrem Leben, die reichlich gefüllt sind mit Geschichten. In ihrem Berufsfeld war und ist sie sehr gefragt – auch international. Sie dolmetschte unter anderem im Zuge von NS-Prozessen, in der Gerichtsverhandlung um den betrügerischen Untergang der MS „Lucona“ mit strahlendem Material an Bord und bei Wirtschaftsdelikten mit amerikanischen Prozessbeteiligten. Dazu übersetzte sie Verträge für den Schiffbau (etwa, wenn es um U-Boote für Israel und Indien ging) sowie Länderberichte für das Institut für Weltwirtschaft.

Zurück zum Friesischen, wenngleich sie noch so viel anderes Interessantes aus ihrer Berufswelt erzählen kann: In Kiel nahm Völpel-Krohn ein Anglistikstudium mit dem Spezialgebiet Amerikanistik (Auswanderung, Filmphilologie) auf und erwarb Grundlagen für ein neu eingerichtetes Fach: Frisistik. Sie arbeitete mit an einem zweisprachigen Söl’ring-Wörterbuch, engagierte sich für die Sprache ihrer Kindheit und wurde die bislang einzige Friesisch-Dolmetscherin in Deutschland. Die friesische Kultur gehörte zu ihrem Vater – und was der auf diesem Gebiet erarbeitet hatte, führte seine Tochter fort.

Fündig wurde sie im Nordfriisk Instituut. Daraus entstand die Mitgliedschaft im Beirat des Trägervereins – und als man sie fragte, ob sie die neue Vorsitzende werden wollte, sagte sie nach einer Bedenkzeit zu. „Ich wünsche mir, dass die Friesen erkennen, was sie an Kulturgut haben, dass sie es annehmen und mit anderen teilen“, so Völpel-Krohn. Der Wechsel an der Spitze des Vereins fiel seinerzeit in eine schwierige Zeit, da die finanzielle Situation der wissenschaftlichen Einrichtung nach Zuschuss-Kürzungen des Landes sehr angespannt war. Der finanzielle Druck ist inzwischen gewichen, „wir haben eine Zusage vom Land bis 2017“.

In den Erweiterungs-Anbau des Nordfriisk Instituut, der am 5. Dezember eingeweiht wird, setzt die Vorsitzende viel Hoffnung. Vor allem darauf, dass das Friesentum greifbarer wird. „Es soll ein Ort werden, wo man etwas für sich findet – ein Ort der Begegnung“, meint sie und kommt auf die friesischen Vorfahren zu sprechen. Bei dem Gedanken daran fühlt sie sich geborgen, wie sie sagt. Bis 2018 ist Völpel-Krohn als Vorsitzende gewählt. Und hat noch jede Menge vor: „Friesisch ist nicht nur eine Sprache, es gibt viele friesische Aufgaben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen