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Seine letzten Touren : Der Hallig-Postschiffer sagt Tschüss

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Fiede Nissen geht nach 37 Jahren in Rente und hat am 30. September seinen letzten Arbeitstag, um Briefe und Pakete nach Oland, Langeneß und Gröde zu bringen. Nachfolger wird Johann Petersen.

Nordfriesland | „Oh, ein neues Kleid für Hannelore“, schmunzelt Friedrich – genannt Fiede – Nissen, als ihm ein kleines Päckchen gereicht wird. Es ist traumhaftes Wetter an der Nordmole des Hafens Schlüttsiel – blauer Himmel, Sonnenschein und kaum Wind. Das Schiff von Fiede Nissen dümpelt im seichten Wasser der Nordsee und wird mit Paketen und gelben Post-Boxen beladen.

Sechs Tage in der Woche bringt der 64-Jährige Briefe und Größeres zu den Halligen Oland, Langeneß und Gröde. Im Sommer fährt er zweimal wöchentlich auch Habel an, im Winter wird dort niemand mit Post versorgt. Dann ist ohnehin keiner da. Wenn vormittags Ebbe herrscht, muss der Postschiffer, der auf Langeneß lebt, mit seiner Lore entlang des Damms auf Schienen zum Festland nach Dagebüll fahren, um die Fracht abzuholen. Ist Flut, kommt sein Schiff „Störtebekker“ zum Einsatz. Das mit den zwei „k“ im Namen soll so sein, weil Fiede Nissen es so will. Er ist es auch, der aufhören will mit seiner Arbeit als Postschiffer.

Schließlich wird er im November 65 Jahre alt, dann ist es Zeit, in Rente zu gehen. Nein, ein Beamter ist der Nordfriese nicht. Weit gefehlt, denn er ist selbstständig, hat seine Verträge Jahr für Jahr erneuern müssen. Ging es um eine Gehaltserhöhung, musste Fiede Nissen das Schriftstück kündigen und zwar lange vor Ablauf. Dann wurde verhandelt und neu unterschrieben. 37,5 Jahre lang: Am 30. September ist sein letzter Arbeitstag. „Es war eine schöne Zeit“, meint Fiede Nissen. Er ist ein Hallig-Mann durch und durch: Auf Langeneß geboren – und nicht mehr dort weggekommen. Das hätte er auch nicht gewollt; seine Lehrzeit als Schlosser und die Bundeswehrzeit verbrachte er auf dem Festland. Das reichte dann auch für ihn. Ob er im Alter aufs Festland zieht, lässt sich Nissen offen. „Ich will niemandem zur Last fallen – und wenn es nicht anders geht, dann ist das so.“ Er erzählt von Sohn Thies, Schwiegertochter Jasmin und Enkelin Jonna, die auf Langeness mit ihm und seiner Ehefrau Hannelore leben. Wenn er krank war, sprang meistens die Familie, zu der auch Tochter Kerstin gehört, ein. Auch dann, wenn er mit seiner Frau in Urlaub fuhr. Beides kam selten vor.

Seinen Dienst hat Fiede Nissen immer gewissenhaft ausgeführt. Die Zusammenarbeit sei gut gewesen – „kein Wunder, denn ich habe sie kaum gemerkt“. Nach  25 Jahren im Dienst hatte er einige Post-Chefs auf seine Hallig eingeladen. „Denen war nicht wirklich bewusst, dass ich schon so lange für sie arbeite.“ Als Geschenk erhielten er und seine Frau damals eine Woche Urlaub in den Bergen – Öffentlichkeitsarbeit inbegriffen. Denn der Postschiffer traf sich mit dem Kollegen von der Zugspitze: umringt von Medienleuten. Der Nordfriese hat alles mitgemacht: So war er in Fernseh-Talkshows und bundesweit in sämtlichen größeren Zeitungen. Irgendwann sprang sogar Showmaster Rudi Carell (1934 bis 2006) aus einem großen Paket – und Fiede Nissen fand sich in dessen Sendung „Lass’ Dich überraschen“ wieder. Der Nordfriese war immer der beste Werbebotschafter für Langeneß.

In seinem Arbeitsleben hat Fiede Nissen gute und schlechte Botschaften überbringen müssen. Was genau in den gelben Boxen steckt, weiß er natürlich nicht, denn er übergibt sie den jeweiligen Postzustellern auf den kleinen Eilanden. Bei Paketen sieht die Welt anders aus, da weiß er, welcher Empfänger was von welchem Absender bekommt. Aber für den Hallig-Postboten gilt Diskretion – darauf hat er einen Eid geschworen. Das neue Kleid für Hannelore durfte er aber öffentlich kundtun – denn sie ja seine Frau.

43 Jahre sind die beiden verheiratet. Als er beispielsweise hohes Fieber hatte, lag er vorn im Boot und seine Hannelore steuerte es durch die Nordsee. Fiede Nissen legte nur an, weil seine Frau das nicht so gut kann. Teamwork, ein Arbeitsleben lang. Ab und an musste Hannelore Nissen um ihren Fiede bangen. So wäre er einmal beinahe bei einer Sturmflut ertrunken, ein anderes Mal geriet sein Schiff in Seenot.

Fiede Nissen wünscht sich nun vor allem eines: „Gesundheit.“ An Ruhestand ist allerdings nicht zu denken. Familie Nissen hat Ferienwohnungen, Ländereien – und die 18 Ammenkühe wollen versorgt sein. Außerdem ist der Postschiffer im Gemeinderat und fährt raus zum Fischen.

Sein Nachfolger ist Johann Petersen (47), ein Landwirt von Langeneß. „Ich wünsche ihm, dass er immer gut hin und her kommt“, sagt Fiede Nissen und legt jetzt ganz schnell ab, denn die Halligleute sollen ihre Post pünktlich bekommen.

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erstellt am 20.Sep.2014 | 07:30 Uhr

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