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Herausforderung auch für Nordfriesland : Der gute Wille allein wird nicht reichen

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Den Folgen des Klimawandels zu begegnen und damit den Nationalpark Wattenmeer zu retten, gleicht einer Herkulesaufgabe – und geht nur gemeinsam.

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erstellt am 05.Jan.2016 | 18:10 Uhr

Der Bestand an Seehunden ist auf eine stattliche Größe angewachsen, die lange Zeit ausgerottete Kegelrobbe wieder da. Zahlreiche Salzwiesen sind geschützt, die Jagd gehört der Vergangenheit an und Millionen von Küstenvögeln finden genug Ruhe zum Rasten und Brüten. Und dann gab es da 2009 sogar noch die Anerkennung als Weltnaturerbe.

Sie können sich schon sehen lassen, jene Errungenschaften des Naturschutzes, die zum 30-jährigen Bestehen des Nationalparks vor drei Monaten einmal besonders hervorgehoben werden durften. Doch das Wattenmeer zu feiern, ist eine Sache. Die andere mündet unweigerlich in der Erkenntnis, dass es noch eine Menge zu tun gibt, um das wertvolle Ökosystem an der Nordseeküste ins Gleichgewicht zu bringen. Und – dabei genauso wichtig: Den einzigartigen Lebensraum in Zukunft so behutsam zu behandeln, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine leere Worthülse bleibt. Eine ebenso konzertierte wie generationsübergreifende Herkulesaufgabe.

Sollte sie tatsächlich dauerhaft erfolgreich gelöst werden, bedarf es allerdings eines globalen Umdenkens in ganz großem Stil. Angefangen bei der europäischen Handelspolitik, die auf einer extrem exportorientierten Wirtschaft beruht – und die wiederum auf einem klimaschädlichen, fossile Energie verschwendenden Transportsystem. Laut Marie-Luise Abshagen, Referentin für Nachhaltige Entwicklung beim Forum Umwelt und Entwicklung mit Sitz in Berlin, ist der gesamte Logistik-Sektor für rund 23 Prozent der energiebezogenen CO2-Emissionen verantwortlich – und damit ein zentraler Treiber der Erderwärmung. Der daraus resultierende Klimawandel führt zum Anstieg des Meeresspiegels. Dies wiederum gefährdet die Existenz hunderter Millionen Menschen, liegen doch allein
13 von 20 Mega-Metropolen an Küsten, wo etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung leben. „Störungen des Ökosystems Meer mit all seinen Mikroorganismen, faszinierenden Kreaturen und unerforschten Tiefen wirken sich direkt auf die Menschen aus“, bohrt Expertin Abshagen in der immer wieder von ihnen selbst geschlagenen Wunde.

Zum Beispiel durch ihr Konsum- und Produktionsverhalten. So fielen im Jahr 2012 allein in der Bundesrepublik 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Jeder Deutsche verursacht 614 Kilogramm Müll pro Jahr – der Schnitt unter den 34 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) liegt gerade einmal bei 483 Kilo. Dieser Papier-, Kunststoff- oder Glasmüll findet allzu häufig seinen Weg ins Meer: Mehr als zehn Millionen Tonnen Abfälle landen jährlich in den Ozeanen. „Ein Großteil davon bleibt für immer dort“, so Abshagen. Vieles lasse sich – siehe Mikroplastik – nur schwer messen, so dass das wahre Ausmaß der Verschmutzung gar nicht abschätzbar sei.

Ebenfalls nicht wirklich absehbar ist der Zeitpunkt, da die Folgen des Klimawandels das Wattenmeer buchstäblich ertrinken lassen. Die Strategie 2100, die eben genau das verhindern soll, spielt dazu eine Reihe von Szenarien durch. Danach ist davon auszugehen, dass es bis zur nächsten Jahrhundertwende um ein bis vier Grad Celsius wärmer wird und der Meeresspiegel zwischen 20 und 80 Zentimeter ansteigt. Da liegt die Vorstellung nahe, dass einzigartige Marsch-Inseln wie die nicht oder nur wenig geschützten nordfriesischen Halligen eines Tages von der Landkarte verschwunden sein werden. Es kommt einzig und allein auf den Menschen an, diese erdgeschichtliche Entwicklung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Was das angeht, so ist die besagte Strategie für das Wattenmeer 2100, die unter anderem ein Sediment-Management vorsieht, ein Anfang – nicht mehr und nicht weniger. Eine der zentralen Botschaften des Konzeptes: Nur durch gemeinsames Handeln lässt sich der Nationalpark mit all seinen Funktionen für den Natur- und Küstenschutz erhalten.

Die Devise „Alle müssen an einem Strang ziehen“ klingt alternativlos, macht die Mission aber auch besonders schwierig – Beispiele dafür hat es in der Geschichte der Menschheit genug gegeben. So gilt es in diesem Fall natürlich auch, die Fischer mit ins Boot zu holen. Die legen schon längst nicht mehr zu freien Fangfahrten ab, haben stattdessen mit Verboten und Beschränkungen zu kämpfen. Reglementierungen beim Fischfang und bei der Muschelsaat und -ernte machen ihnen das Berufsleben ebenso schwer wie Sperrzonen in Offshore-Windparks und anderen Gebieten, wie in Bereichen von Kabeltrassen. Obwohl sie bei allem Unmut darüber weit davon entfernt sind, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen, werden Krabbenfischer vonseiten des Naturschutzes immer mal wieder als „Totengräber der Nordsee“ bezeichnet. Ein sachlicher und vernünftiger Umgang miteinander, um am Ende zielgerichtet zu einer gemeinschaftlichen Lösung zu kommen, klingt anders.

Alle, wie sie da sind, sollten sich schnellstens besinnen: Es gibt nur das eine Wattenmeer, das gerettet werden kann.

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