Abfallvermeidung : Der goldene Mehrweg?

Ohne Abfall: Mitarbeiterin Gesine Schuldt reicht den Aufschnitt zum Mitnehmen über den Tresen.
Ohne Abfall: Mitarbeiterin Gesine Schuldt reicht den Aufschnitt zum Mitnehmen über den Tresen.

In einem Feldversuch nehmen die Husumer Nachrichten die Verwendungsmöglichkeiten von Mehrwegbehältern unter die Lupe .

shz.de von
11. Januar 2018, 06:00 Uhr

10 Uhr. Zeit für Brötchenhunger und Kaffeedurst, Zeit für einen Feldversuch der Husumer Nachrichten. Abfallvermeidung und ökologisch bewusstes Handeln ist in aller Munde – und so lautet der Anspruch an die Frühstückspause: Sie möge tunlichst wenig Müll (auf dem Schreibtisch) produzieren, aber gleichzeitig soll der Kaffee so lange warm bleiben wie möglich. Geht das überhaupt – in Husum?

Mit dem eigenen Thermosbecher geht es los zur ersten Bäckerei: zur Backstation des Bioladens Ebbe und Flut. „Das dürfen wir aus hygienischen Gründen nicht“, antwortet Mitarbeiterin Christina Freiherr, auf die Frage, ob der eigene Becher befüllt werden könne. „Wir würden es gern machen. Es kommt häufig vor, dass Kunden danach fragen“, erläutert Freiherr mit Bedauern.

Also weiter zur nächsten Station, dem Knusperbäcker. Gleiche Frage, gegensätzliche Antwort: „Natürlich geht das“, sagt Mitarbeiterin Silke Pauls. „Der Becher muss nur sauber sein.“

Misstrauisch diesem schnellen Erfolg gegenüber, geht es zu einer dritten Anlaufstelle: Der Bäckerei Lieblingsplatz. Hier haben die Mitarbeiter ihr eigenes Patent entwickelt, um den Wunsch der Kunden nach einem umweltschonenden Kaffeeverzehr möglich zu machen: Das Getränk wird zunächst in einen Einwegbecher und schließlich in den mitgebrachten Becher umgefüllt. Mitarbeiterin Vanessa Komarek: „Das hat mit den Hygiene-Vorschriften zu tun. Was einmal von außen über den Tresen gereicht wurde, darf nicht ohne weiteres wieder zurückgehen.“

Wie sieht es mit den Richtlinien genau aus? Das Kreisveterinäramt beruft sich auf die Handlungsempfehlung des Umweltministeriums, in der Richtlinien zum Befüllen von Mehrwegbehältnissen festgehalten sind. In acht Punkten ist unter anderem geregelt, dass ein „direkter Kontakt der Behältnisse mit den Abfüllstutzen auszuschließen ist“ und „eine geeignete Standortwahl zum Befüllen der Behältnisse“ gewählt werden muss.

Das erste Fazit des Feldversuches: Die Interpretation der Richtlinien sorgt offenbar für Verwirrung. Trotzdem müssen und wollen Lebensmittelverkäufer in Husum augenscheinlich auf die steigende Nachfrage nach einer Alternative zum Einwegbehältnis Antworten finden – und greifen daher in Bäckereien auf so etwas wie den „Transferbecher“ zurück: Sie befüllen den mitgebrachten Becher mit einem Einwegbehälter, der anschließend weggeworfen werden muss. An dieser Stelle sieht man in der Niebüller Backstube, die den hauseigenen Mehrwegbecher nach dem gleichen Prinzip befüllen, noch Verbesserungsbedarf. Auch für Dave Meesenburg, Geschäftsführer der Bäckerei Meesenburg, kann das nur eine Behelfslösung sein. „Wir arbeiten derzeit an einem neuen Konzept“, so der Geschäftsführer.

Dass im Verzicht auf Einweg unter den bestehenden Bedingungen auch bei sensiblen Lebensmitteln noch Luft nach oben ist, zeigt Annika Claußen-Eggers, Inhaberin der Stadtschlachterei Claußen. Von strengen Hygienevorschriften kann sie ein Lied singen: „Das ist unser täglich Brot“, sagt die Fleischermeisterin. Trotz strenger Richtlinien kann im Verkauf Abfall vermieden werden, sagt sie. Seit 30 Jahren verzichtet die Fleischerei auf Plastiktragetüten, seit einigen Jahren wird das Fleisch überdies nur in Pergamentpapier verpackt. Außerdem können Kunden vor beziehungsweise über dem Tresen ihre eigenen Behältnisse mit dem Fleisch befüllen lassen. Claußen-Eggers hält nichts von einem Aufweichen der Vorschriften zu Gunsten eigener Behältnisse: „Das würde für noch mehr Unsicherheit sorgen. Mit bloßem Auge lässt sich ja auch gar nicht erkennen, ob ein Behältnis hygienisch einwandfrei ist, oder nicht.“

Der Feldversuch zeigt: Der Wunsch nach Alternativen ist da, bei der Umsetzung mangelt es an klaren Vorschriften, der goldene Weg zwischen Einweg und Mehrweg ist noch nicht gefunden.

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