Rollkur dauert an : Der „Bahnsinn“ in Nordfriesland nimmt kein Ende

Pendler blockieren im Oktober in Klanxbüll die Marschbahn-Züge: Protest gegen dauerhaft schlechte Zustände – wie Verspätungen, Ausfälle und Überfüllung.
Foto:
Pendler blockieren im Oktober in Klanxbüll die Marschbahn-Züge: Protest gegen dauerhaft schlechte Zustände – wie Verspätungen, Ausfälle und Überfüllung.

Massive Zug-Probleme auf der Strecke zwischen Hamburg und Westerland entwickelten sich zum unsäglichen Dauerbrenner.

shz.de von
04. Januar 2018, 08:00 Uhr

Husum | Was haben sich nicht alles für negative Schlagworte Bahn gebrochen, um die verfahrene Situation zu beschreiben. Nahverkehrs-Desaster und Bahn-Chaos gehörten denn auch im vergangenen Jahr gefühlt zu den am häufigsten verwendeten Begriffen in der Region – genauso wie Kupplungsschaden. Kein Thema, in dem 2017 mehr Zug drin war, als beim Trauerspiel um die Marschbahn. Auf der Strecke zwischen Hamburg und Sylt brauchten Tausende Pendler in unschöner Regelmäßigkeit jede Menge Geduld und starke Nerven – nur, um sich am Ende immer wieder mit ihren ganz normalen Bedürfnissen ganz normaler Bahnkunden aufs Abstellgleis geschoben zu fühlen.

Der Stillstand an der Westküste hat einen langen Aufenthalt: Wegen defekter Kupplungen zieht die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) bereits im November 2016 alle 90 Waggons auf der Marschbahn-Strecke aus dem Verkehr. Es stehen zwar Ersatzzüge bereit, aber mit weniger Kapazitäten. Die sind schnell mal überfüllt und nehmen auch schon mal schnell niemanden mehr mit – eben weil sie so voll sind. Versprechungen aus dem Unternehmen, man wolle die Probleme ganz schnell in den Griff bekommen, entpuppen sich – obwohl Dampflokomotiven längst ausrangiert sind – nur als heiße Luft. Auch die Deutsche Bahn, die Mitte Dezember die Strecke übernimmt und vollmundig ankündigt, alle in Deutschland verfügbaren Waggons an der Westküste einzusetzen, kriegt die Kurve nicht. Niemand vermag die Weichen wirklich auf Besserung zu stellen.

Die Politik hat natürlich längst den Bahnsteig betreten, dringt in einem Brandbrief aus Nordfriesland auf sofortige Abhilfe der „unzumutbaren Zustände“ und thematisiert das Schienen-Debakel im Kieler Landtag. Der damalige SPD-Minister Reinhard Meyer nimmt den Zug nach Westerland – und kommt zu einem Schlichtungsgespräch mit Sylter Geschäftsleuten und Pendlern 20 Minuten zu spät. Der erste Bahn-Gipfel in Niebüll mit allen Beteiligten verpufft.

Hin und wieder kommen zwar immer mehr Waggons, die keine defekten Kupplungen mehr haben, nach und nach zurück. Doch am 26. September muss die Bahn mehr als 14 Verbindungen in Richtung Westerland ersatzlos streichen: Von 15 Zügen sind angeblich bis zu acht in der Werkstatt. Einen Monat später hindern Sylt-Pendler am Bahnhof in Klanxbüll aus Protest einen Zug an der Weiterfahrt nach Westerland. Derweil haut der Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (Nah.SH) die nächste Hiobsbotschaft raus: Bei den Loks ist wegen einer sogenannten Rollkur weiter mit Ausfällen zu rechnen – wohl bis September diesen Jahres. Auch wenn sich die Lage durchaus ein wenig entspannt hat: Der „Bahnsinn“ geht also weiter . . .

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen