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Immer wichtiger: Hilfe zur Erziehung : Der Ausnahmezustand ist menschlich

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Psychologin Susanne Baum vom Diakonischen Werk Husum berät Eltern. Sie weiß, dass es durch Überforderung in Familien zu Ausnahmezuständen kommen kann.

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erstellt am 23.Jun.2015 | 16:00 Uhr

Trauer um das tote Kind und um die Eltern, deren Möglichkeiten so begrenzt waren, empfindet Susanne Baum. Die Leiterin des Bereichs „Beratung und Therapie für Familien“ im Diakonischen Werk Husum ist wie alle betroffen von dem Fund eines toten Babys vor gut zwei Wochen in einem Mehrfamilienhaus in der Ludwig-Ohlsen-Straße (wir berichteten). Zu Trauer gehört für die Diplom-Psychologin „das Anerkennen, dass man etwas nicht verhindern konnte“. In einem Gespräch mit unserer Zeitung macht Susanne Baum deutlich, dass es immer wieder passieren wird, dass Menschen in Ausnahmezustände geraten. „Auch diejenigen, die wir betreuen. Dann kann es passieren, dass ein Vater sein Kind aus einem Anfall von Frust schüttelt.  .  .“

Im jüngsten Husumer Fall hatte es Hinweise aus dem Freundeskreis der 29-jährigen Mutter gegeben – der zwei Jahre ältere Kindsvater soll in der Nähe leben. Das Paar arbeitet in einer Husumer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Dort war die Schwangerschaft der als korpulent beschriebenen Frau nicht aufgefallen. Dies kann Susanne Baum nachvollziehen – sie weiß von Frauen, die ihre Schwangerschaft selbst nicht einmal bemerkt haben – „sie sind mit Bauchweh in die Klinik gegangen und mit einem Baby wieder herausgekommen“.

Das Kind des Paares war als Frühgeburt etwa einen Monat vor dem Stichtag zur Welt gekommen und hatte gelebt. Auf Anfrage erklärte gestern die Flensburger Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt, dass das endgültige Obduktionsergebnis erst in einigen Wochen vorliegen könnte. Hinweise auf eine Gewalteinwirkung soll es nicht geben. Gegen die Eltern ist kein Haftbefehl erlassen worden, sie befinden sich auf freiem Fuß.

Die Psychologin mutmaßt, dass eine Situation eingetreten sein muss, die Mutter und Vater dermaßen überfordert hat, dass ihnen nur die „Kopf-in-den-Sand-Strategie“ geblieben war. „Unsere Biologie gibt es uns vor: entweder wegrennen, kämpfen oder tot stellen.“ Baum: „Wir haben es wahrscheinlich mit zwei Menschen zu tun, die etwas wollten, was sie nicht konnten und die in seelische Not geraten sind.“

Mit welchem körperlichen und/oder geistigen Handicap die beiden leben müssen, ist nicht bekannt. Susanne Baum hofft inständig, dass diese Tragödie nicht dazu führt, dass das Thema „Behinderte Menschen, die Kinder bekommen“ unqualifiziert behandelt wird. „Es gibt behinderte Eltern, die eine Betreuung erhalten und so ihre Kinder sehr gut groß ziehen können.“ (Fünf behinderte Paare mit Kindern werden zurzeit im Rahmen der Eingliederungshilfe über den Kreis betreut.) Neben allem, was zur Versorgung eines Säuglings einfach gelernt werden muss, verweist die Psychologin darauf, dass es auch einen intuitiv richtigen Umgang mit einem Baby gibt, der nicht unterschätzt werden sollte. Grundsätzlich weiß die Fachfrau aus ihrer Beratungsarbeit: „Fast alle wollen gute Eltern sein. Es ist selten, dass ein Kind extrem abgelehnt wird.“

Extrem war jedoch auch für Baum die Tragödie einer Mutter aus Husum, die zwischen 2006 und 2012 fünf Babys kurz nach der Geburt getötet hatte, um den bescheidenen Wohlstand der Familie nicht zu gefährden; 2013 ist die Hotelfachfrau wegen Totschlags zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Die Leiterin der Beratungsstelle weiß von einer Aussage der Frau, in der diese beteuert haben soll, dass sie keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte, auch wenn sie gewusst hat, wohin sie hätte gehen können.

Dann nützt natürlich auch ein noch so gut ausgebautes Netzwerk nichts, wie es nach dem Lob der Psychologin in Nordfriesland vorhanden ist – angefangen bei der Schwangerschaftskonfliktberatung (Diakonie, Pro Familia, Gesundheitsamt) über die Frauenberatung mit Notruf in Husum und Niebüll und das Psychologische Beratungszentrum im Diakonischen Werk Husum, dessen Chefin Susanne Baum ist. Für behinderte Menschen ist die „Lebenshilfe“ eine gute Adresse: Der Verein kooperiert mit dem Diakonischen Werk beim Projekt „Familie leben“, über das Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern unterstützt werden.

Susanne Baum verweist darauf, dass im Kinder- und Jugendhilfegesetz ein Anspruch auf Hilfe zur Erziehung verankert ist. Und der wird glücklicherweise ernst genommen, wie gestiegene Zahlen in den entsprechenden Beratungsstellen belegen. Aber auch das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung ist Gesetz: seit 15 Jahren.

Fest steht für Susanne Baum: Was einem selbst nicht beigebracht worden ist, ist nicht abrufbar, wenn es gebraucht wird. Eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit erhöhen, so Baum, jedoch das Risiko, später selbst zuzuschlagen. Doch es gibt nach ihren Worten keine Persönlichkeitsmerkmale für „schlechte Eltern“.

Nach ihrer Einschätzung sind die Rahmenbedingungen für Mütter und Väter heute schwieriger – dafür fallen Susanne Baum verschiedene Stichworte ein: die zunehmende Belastung in der Arbeitswelt – es gebe wenig gemeinsame Zeit für Eltern und Kinder – und fehlende soziale Netzwerke; dazu kommen immer mehr Alleinerziehende, da sich Trennungen und Scheidungen auf einem hohem Niveau bewegen.

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