Essensausgabe der Tafel : Den Überfluss umverteilen

Jeden Dienstag öffnet die Niebüller Südtondern Tafel für Bedürftige ihre Tür. Einblick in die Lebensmittelausgabe.

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09. April 2013, 07:58 Uhr

Niebüll | Es ist kurz vor 10 Uhr. Draußen haben sich etwa 40 Menschen am Seiteneingang des ehemaligen Gerätehauses der Feuerwehr Niebüll-Deezbüll im Osterweg versammelt. Sie warten plaudernd und rauchend, denn drinnen, im Gebäude, findet in wenigen Minuten wie jeden Dienstag die Essensausgabe der Südtondern Tafel statt. "Wir wollen den bestehenden Überfluss an Lebensmitteln umverteilen", erklärt Klaus Meyer-Lovis, Vorstandsvorsitzender der Südtondern Tafel, das Konzept der Tafeln. Dazu sammeln die ehrenamtlichen Helfer gespendete Ware von Supermärkten, Bäckereien, Landwirten oder dem Einzelhandel ein, die dann in den Ausgabestellen sortiert und an bedürftige Bürger verteilt wird.

Um punkt 10 Uhr öffnet Klaus Meyer-Lovis die Tür und ruft die ersten Nummern auf, die auf den Kundenausweisen der Tafel vermerkt sind und die Reihenfolge des Einlasses vorgeben. Immer fünf oder sechs Menschen werden gleichzeitig in das Gebäude gelassen, die anderen müssen draußen warten. Ein bisschen erinnert die Ausgabestelle an einen zu groß geratenen Kinder-Kaufmannsladen - vorne rechts die provisorische Kasse, auf der gegenüberliegenden Seite die Theke und die Regale, in denen sich allerlei Köstliches stapelt. An der Kasse sitzt Helga Hansen-Rathmann und überprüft die Kundenausweise. "Mein Büro" nennt sie den kleinen Tisch mit den Kundenkarteikarten und der weißen Geldkassette scherzhaft. Gerade überreicht ihr ein schüchterner junger Mann den obligatorischen Betrag von zwei Euro, den jeder zahlt, egal, ob er Lebensmittel für sich allein oder für die ganze Familie erhält.

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, geht er an der etwa vier Meter langen Theke entlang. Gut sortiert findet sich auf dem Tisch und in den dahinter aufgebauten Regalen alles, was es zum Leben braucht. "Wir können keine Grundversorgung leisten, aber eine gute Ergänzung zum täglichen Bedarf", erklärt Meyer-Lovis.

Ganz links liegt sauber verpacktes Fleisch, daneben stapeln sich Croissants und anderes Gebäck, rechts befinden sich Salate und Früchte - was eben gerade von den Geschäften gespendet wurde, und alles in tadellosem Zustand. Die Kaufhäuser sortieren nur Waren aus, die aus organisatorischen Gründen überschüssig sind, etwa weil die Verpackung leicht beschädigt ist oder das Produkt sich nicht verkauft hat. Einzige Ausnahme: Direkt neben der Tür steht eine Kiste mit Molkereiprodukten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Diese gibt die Tafel nicht selbst aus - die Kunden können sich die Waren nehmen und entscheiden somit selbst, ob sie das Risiko eingehen wollen. "Für drei Personen", sagt ein Familienvater an der Theke und bekommt daraufhin, was er braucht: eine Flasche Duschgel, frisches Fladenbrot, ein Glas Honig, eine Flasche Mirabellensaft. Die vier Frauen mit den orangefarbenen Schürzen hinter der Theke geben die Ware aus und müssen dabei darauf achten, dass für alle, die noch kommen, genug übrig bleibt. Insgesamt sind etwa 45 ausschließlich ehrenamtliche Helfer bei der Südtondern Tafel beschäftigt, die die Ware abholen, sortieren und in den zwei Ausgabestellen in Niebüll und Leck an die Bedürftigen verteilen.

"Ist noch Milch da?" fragt eine Frau mit graumelierten Haaren. "Klar, wir haben hier fast eine ganze Kuh stehen!", scherzt eine der Ausgabedamen zur allgemeinen Erheiterung. Der Umgangston ist locker und freundlich.

Es ist unmöglich, die Menschen, die mit ihren Körben und Tüten an der Theke stehen, einer bestimmten Gruppe oder Schicht zuzuordnen. Eine ältere Dame mit Designerbrille steht neben einem Mann in den mittleren Jahren, der komplett in den Farben seines Fußballclubs gekleidet ist. Es sind viele junge Menschen unter den Besuchern der Tafel, ein Großteil davon arbeitslos, aber auch Alleinerziehende, Geringverdiener, Asylbewerber und Rentner. Kommen kann jeder, der seine Bedürftigkeit nachweisen kann: Ein Bescheid vom Amt über den Erhalt von Arbeitslosengeld, Wohnungsgeld, Asyl oder Ähnlichem reicht hierfür.

Gegründet wurde der durch Spenden finanzierte Verein als eine der 56 Schleswig-Holsteinischen Tafeln vor anderthalb Jahren. Damals nahmen etwa 40 Kunden pro Tag und Ausgabestelle das Angebot wahr, doch seitdem wächst diese Zahl stetig. Heute sind es im Durchschnitt etwa 55 Besucher.Eigentlich ist die Tafel zwar nur für die Ausgabe von Lebensmitteln zuständig, viele sprechen jedoch auch ihre alltäglichen Sorgen an. So manches Mal gibt es Ärger mit den Behörden. Dabei hilft Hans Schröder, der ehrenamtliche "Ämterlotse" vom Diakonischen Werk, der bei Behördengängen begleitet, bei der Antragstellung hilft und Mut machen will.

Offiziell schließt die Tafel um 11.30 Uhr, aber so früh werden die Ehrenamtlichen nie fertig - auch wegen der steigenden Nachfrage. "Wir hatten schon wieder einige Neuaufnahmen", sagt Helga Hansen-Rhatmann.

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