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KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing : Den Opfern der Gräueltaten ein Gesicht geben

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Von der Ausstellung über den Bau eines Besucherzentrums bis hin zum Lotsen-System: Die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing soll auf allen Ebenen attraktiver werden.

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erstellt am 04.Okt.2015 | 17:00 Uhr

„Es gibt keinen, dem die Geschichte nicht etwas Wichtiges zu sagen hätte.“ Ein Zitat von Friedrich Schiller – entstanden 1789, als der große deutsche Dichter seine Professur an der Universität Jena antrat, die heute seinen Namen trägt. Die weisen Worte des berühmten Philosophen haben nichts an Aktualität eingebüßt. Zwei Jahrhunderte später hat die Geschichte daraus längst mehr als einmal eine eindringlich mahnende Formel gemacht: Nur wer die Geschichte kennt, begreift die Gegenwart – und kann die Zukunft gestalten. Ein zeitloser Dreisatz, dem umso kräftiger Nachdruck verleiht, wer im öffentlichen Raum einer lehrreichen Schnittstelle zur Vergangenheit mit der Zeit geht.

Auf die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing trifft genau das zu. Dort dreht man gerade an den nötigen Stellschrauben, um noch mehr Zeitgenossen für die Einrichtung zu interessieren – über ein sehr gutes Vermittlungskonzept und eine einfache, aber zweckmäßige Ausstattung. Die Stiftung Nordfriesland hat dazu als Trägerin in den vergangenen drei Jahren bereits rund 250.000 Euro in die Hand genommen.

Im Zuge der Weiterentwicklung konnte denn auch 2013 endlich ein Zustand beseitigt werden, der lange Anlass zur Klage gab: die Anonymität der Opfer auf dem Stelenfeld – hervorgerufen durch das Problem, dass deren Namen auf den frei stehenden Cortenstahl-Pfeilern nur noch schwer zu lesen waren. Für 55.000 Euro hat die Stiftung Nordfriesland im Eingangsbereich der Gedenkstätte zusätzlich 15 Edelstahl-Tafeln aufstellen lassen. Darin eingraviert finden sich die Lebensdaten, Nationalitäten und Berufe der 297 Ermordeten, die namentlich bekannt sind. Zur besseren Orientierung und Vermittlung der schrecklichen Geschehnisse dienen auch Hinweisschilder an den wichtigsten Stellen des ehemaligen Konzentrationslagers. Einige von ihnen sind, da im Hinblick auf weitere Entwicklungen nur für eine Übergangszeit gedacht, sehr einfach gehalten, andere dagegen hochwertig. Diese Tafeln, für die eine längere zeitliche Perspektive vorgesehen ist, fügen sich in das künstlerische Konzept ein und sind in enger Zusammenarbeit mit Ulrich Lindow entstanden. Der im Husumer Ortsteil Schobüll lebende Bildhauer hinterlässt seit längerem seine künstlerische Handschrift in der Gedenkstätte.

Eine andere prägende Figur in Schwesing ist neuerdings Nina Holsten. Die Hamburger Historikerin hat seit Anfang dieses Jahres den Auftrag, eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung für den Außenbereich zu konzipieren. Ermöglicht hat dies Geschäftsmann Uwe Carstensen mit einer Spende in Höhe von 100.000 Euro. Vermittelt wurde der Geldgeber durch Fundraising-Managerin Karin Penno-Burmeister, die das Modernisierungsprojekt „pro Gedenkstätten“ leitet und vor Ort die weitere Umsetzung betreut. Dazu wird die Planung der Ausstellung von einer Lenkungsgruppe begleitet – bestehend aus Gary Funck, dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung Nordfriesland, Stiftungs-Geschäftsführerin Johanna Jürgensen, einem Vertreter der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund sowie den Experten Prof. Dr. Karl Heinrich Pohl und Dr. Ulrike Jureit. Dazu kommt die Vorsitzende des neu gegründeten Förderkreises KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing, Maria Jepsen.

Alle Beteiligten gehen gesamtheitlich zu Werke. So steht neben besagter Außenausstellung, die im Detail bis März 2016 geplant werden soll, auch der Bau eines Besucherzentrums auf der Agenda. Dahinter steckt die von Trägerin und Freundeskreis gemeinsam entwickelte Idee, eine Sanitäranlage nebst Gruppen- und Schulungsraum zu errichten. „Dieser Bau soll eine zentrale Rolle im Vermittlungskonzept einnehmen, da er die Möglichkeiten schafft, auf der Gedenkstätte selbst – aber in einem geschützten Raum – mit Gruppen zu diskutieren und einen gewissen Medien- und Materialbestand vorhalten zu können“, heißt es dazu in einem Papier, das Johanna Jürgensen zur Weiterentwicklung der KZ-Gedenkstätte verfasst hat. Hinzu kämen die sanitären Anlagen, die bisher komplett fehlen, jedoch Voraussetzung für eine stärkere Nutzung und offensivere Angebotspolitik seien.

In diesem Zusammenhang ist auch ein didaktisches Konzept zu sehen, für das die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten bereits 7000 Euro bewilligt hat. Von der ursprünglichen Idee, den Auftrag dafür an eine Lehrkraft zu vergeben, hat man sich mittlerweile verabschiedet. Stattdessen sollen das nun Oberstufenschüler an den Gymnasien oder Beruflichen Schulen – mit gesellschaftspolitischem Profil – erledigen. Als Anreiz locken Geldprämien (siehe unten). Vorteil dieser Lösung laut Jürgensen: Auf diese Weise werde Kontakt zu den Schulen aufgebaut und „durch die frühe Einbeziehung möglicherweise eine Identifikation mit der Gedenkstätte und dem pädagogischen Konzept angestoßen“. Das macht auch insofern Sinn, als Jugendliche über ein Lotsen-System für Führungen gewonnen werden sollen. Dabei stehe diese Altersgruppe besonders im Fokus, weil junge Leute auf die historischen Geschehnisse einen gänzlich anderen Blick hätten als ältere Generationen. „Auch ist die Akzeptanz von nahezu Gleichaltrigen insbesondere bei Schülergruppen höher, was die Nutzung der Gedenkstätte als außerschulischer Lernort befördern könnte“, so Jürgensen.

Der Kostenplan weist für die Jahre 2015 und 2016 unter dem Strich 332.000 Euro aus. Die Finanzierung ist gesichert: Neben der erwähnten Privatspende kommen aus dem Landes-Topf „Kulturelles Erbe“ 180.000 Euro; die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten ist mit 17.000 Euro dabei, und die Nospa-Kulturstiftung Nordfriesland mit 5000 Euro; der Eigenanteil der Stiftung Nordfriesland beträgt 30.000 Euro.

Pädagogisches Konzept gesucht

Interessierte Oberstufenschüler, bitte melden: Gesucht wird ein auf Schulklassen abgestimmtes, didaktisch aufbereitetes, attraktives pädagogisches Konzept für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing. Angesprochen fühlen darf sich der komplette zwölfte Jahrgang (bei G  8 der elfte) mit gesellschaftswissenschaftlichem Profil im Kreisgebiet. Für die Umsetzung stellt Nina Holsten, wissenschaftliche Mitarbeiterin, die Ergebnisse ihrer Beschäftigung mit der Ausstellung zur Verfügung, so dass sich niemand mehr die Inhalte wissenschaftlich erschließen muss. Die besten drei Vorschläge werden belohnt: Der erste Preis ist mit 500, der zweite mit 300 und der dritte mit 200 Euro dotiert. Schriftliche Anmeldungen nimmt die Stiftung Nordfriesland, die sich vorbehält, nur Einzelteile aus den prämierten Konzepten umzusetzen, bis zum 16. Oktober entgegen. Abgabetermin ist der 31. Mai 2016. Die Ausstellung selbst soll dann im Oktober kommenden Jahres eröffnet werden.

Noch einige Informationen zur Herangehensweise. Gegliedert werden soll die Ausstellung in sechs Themenblöcke: Grundinformationen, Blick von innen – die Stimmen der KZ-Häftlinge, Blick von außen – die Perspektive der Lagerorganisation, Wahrnehmung durch die Umgebung, Rückblick – Juristen und Historiker sowie Empörung – Bürger und Politik. Inhaltlich wird ein pädagogisches Konzept erwartet, das folgende Gesichtspunkte berücksichtigt: Lehrerinformationen, Hinweise für die Lotsen, Material zur Vor- und Nachbereitung des Besuchs, Arbeitsbögen für die Schüler während des Aufenthalts sowie Kostenplan für die Umsetzung. Daneben sollte das Ganze auf dem Gelände und im Schulungsraum einsetzbar sein – und dazu adressatengerecht, aber dennoch einer Gedenkstätte würdig.

Thematisch passt der Wettbewerb in den Kontext des Lehrplans für den zwölften Jahrgang. Denn es werden die Kernaspekte „Grundwerte“ und „Partizipation“ behandelt. Außerdem wächst dadurch bei den Teilnehmern nicht nur die Fähigkeit zur methodischen Arbeit, sondern auch die Selbst- und Sozialkompetenz.

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