"Mädelsache" in Husum : Deckmantel für die braune Ideologie

Andrea Röpke und Andreas Speit lasen aus ihrem Buch "Mädelsache". Ein Strategiewechsel in der Neonazi-Szene: "Weiblich, rassistisch, fanatisch". Mit Frauen raus aus der Schmuddelecke.

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14. Juli 2011, 11:26 Uhr

Husum | Ein Polizeifahrzeug vor dem Eingang - für eine Lesung mit Andrea Röpke und Andreas Speit aus ihrem neuen Buch "Mädelsache" ist das nicht ungewöhnlich. Die beiden Kenner des rechtsextremen Milieus waren auf Einladung des Speicher und der Frauen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) nach Husum gekommen, um ihre Recherchen über die Frauen in der Neonazi-Szene vorzustellen. Für Perke Heldt vom DGB waren die Neonazis bisher "männlich, dumpfbackig und gewaltbereit" - das gilt es nun um "weiblich, rassistisch und fanatisch" zu ergänzen.
"Für uns ist interessant, hinter die Kulissen der Neonazi-Szene zu blicken und aufzuklären", sagt Andreas Speit. Dort habe es einen Strategiewechsel gegeben, um das Klischee vom "dumpfen Nazi" durch ein volksnahes, bürgerliches Image zu ersetzen. Sie wollen raus aus der Schmuddelecke und dazu brauchen sie die Frauen. Denn die bekommen schneller Kontakt und knüpfen an die Alltagsthemen von Frauen an, ohne dass äußerlich gleich auf ihre Mitgliedschaft in der NPD geschlossen werden kann. Unter dem Deckmantel von Themen wie Naturheilkunde, Ökologie, Kindergeld und Hartz IV sind Frauen aktiv dabei, den Boden für die rechte Ideologie zu verbreitern. "Das fällt manchmal erst auf, wenn sie ein Müttergehalt fordern, aber nur für weiße, deutsche Frauen", erklärt Röpke.
Teilweise fanatischer und rassistischer als Männer
Fast ein Viertel der Mitglieder der NPD sind Frauen, mit zunehmender Tendenz. Auch wenn die Frauen als freundliche Nachbarin von nebenan oder hilfsbereite Vereinskollegin erscheinen, sind sie teilweise fanatischer und rassistischer als die Männer. Dabei wandeln sich auch die Rollenmuster für Frauen innerhalb der radikalen Rechten: Sie müssen optisch nicht mehr nur das klischeehafte Mütterbild erfüllen. Dennoch stabilisieren sie die Szene und auch rechtsextreme Familienverbünde mit vielen Kindern werden mehr. "Die tragen dann schon in der Kindertagesstätte ihre Gesinnung auf T-Shirts gedruckt", weiß Speit.
Die beiden Journalisten gingen auch auf die Lehrerin in Bredstedt ein, die ihren Job missbraucht hat, um Schülerinnen und Schüler für die Neonazi-Szene anzuwerben. "Wir waren erstaunt, dass die Behörden über den Fall schon lange informiert waren und nichts unternommen haben", so Röpke und Speit. Erst eine mutige Mutter habe den Stein ins Rollen gebracht. Das Verhalten der Lehrerin danach sei typisch für Frauen in der Neonazi-Szene gewesen: Sie streiten alles ab, verharmlosen und stellen sich als Opfer von Verleumdungen dar.
In der anschließenden Diskussion wurden Fragen nach den Ursachen sowie nach dem Verhalten des Verfassungsschutzes gestellt und wie sich soziale Verbände auf die Aktivitäten der Neonazis in ihrem Bereich einstellen. Deutlich wurde hier: Es braucht eine aufmerksame zivilisierte Gesellschaft, die sich mit den Mustern und Strategien Rechtsextremer aktiv auseinandersetzt und diese öffentlich macht.
(hn, shz)

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