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Jobcenter Nordfriesland : „Daumenschrauben wieder öffnen“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Jobcenter Nordfriesland wünscht sich vom Bund mehr Spielraum, um Zusatzjobs akquirieren zu können. Im Vorjahr konnte es 1821 Langzeit-Arbeitslose vermitteln.

Um die anstehenden Herausforderungen bewältigen zu können, muss der soziale Arbeitsmarkt ausgeweitet werden. Dies forderten Landrat Dieter Harrsen und der Leiter des Jobcenters Nordfriesland, Axel Scholz, vor dem Hintergrund des aktuellen Eingliederungsberichts mit den Vermittlungszahlen des Vorjahres. Angebote für Langzeitarbeitslose müssten zurzeit zusätzlich, im öffentlichen Interesse und wettbewerbsneutral sein – „das sind Ausschlusskriterien, so dass es nur sehr schwer gelingt, Zusatzjobs einzurichten“, machte Harrsen die Problematik deutlich.

Gab es allein in Nordfriesland früher mehr als 900 Zusatzjobs, so waren es zuletzt gerade noch 109. Landrat Harrsen forderte daher, gesetzliche Hemmnisse abzubauen, um auf diesem Wege mehr Menschen nicht nur einen Bewilligungsbescheid in die Hand zu drücken, sondern soziale Teilhabe, eine Tagesstruktur und langfristig auch Vermittlungschancen zu eröffnen. „Menschen ganz alleine zu lassen, ist für niemanden eine Lösung“,sagte er. Und Axel Scholz betonte: „Die Daumenschrauben sollten ein Stück weit geöffnet werden, weil nicht jeder für den ersten Arbeitsmarkt geeignet ist.“

Auch wenn es insgesamt deutlich mehr sein müsste, freuen sich beide denn auch, dass das Jobcenter 645  000 Euro aus dem Bundesprogramm „Soziale Teilhabe“ bewilligt bekommen hat und nun bald niederschwellige Arbeitsangebote für zumindest 25 Menschen machen kann. Personen, die älter als 35 Jahre sind, länger als vier Jahre Arbeitslosengeld II beziehen und gesundheitliche Einschränkungen haben oder in einer Bedarfsgemeinschaft mit mindestens einem minderjährigen Kind leben, erhalten dann die Möglichkeit, sich zu bewerben. Parallel dazu sollen für Menschen mit aussichtsreicheren Eingliederungschancen wieder Zusatzjobs eingerichtet werden, etwa in Radstationen oder Gebrauchtmöbellagern. „Wir machen mit Zusatzjobs bessere Erfahrungen als der Bundesdurchschnitt“, bekräftigte Axel Scholz.

Der Bund sollte den Jobcentern eine hohe Flexibilität einräumen, ausreichende Mittel zur Verfügung stellen und die bürokratischen Vorgaben verringern, wünscht sich Dieter Harrsen. Das gelte nicht nur für Nordfriesland, sondern werde vom Deutschen Landkreistag für alle Kreise bundesweit gefordert: „Die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen ist eine höchst anspruchsvolle Tätigkeit, bei der kein Fall genau wie der andere ist. Sie kann nur gelingen, wenn wir vor Ort größtmögliche Freiheiten bekommen.“

Dem druckfrischen Eingliederungsbericht zufolge konnte das Jobcenter Nordfriesland zuletzt 1821, überwiegend deutsche Langzeit-Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. „2016 war insofern ein gutes Jahr, weil wir den Wert über Jahre halten konnten“, bilanziert Axel Scholz auch mit Blick auf andere Regionen. Landrat Harrsen zeigte sich ebenfalls „durchaus zufrieden“ und würdigte die Zusammenarbeit zwischen dem Kreis und den von den Kommunen betriebenen sieben nordfriesischen Sozialzentren.

Allerdings gab es parallel dazu von Anfang 2016 bis heute 1294 Neuzugänge aus fremden Ländern, von denen, wenn man Kinder und junge Mütter abziehe, „rund 75 Prozent grundsätzlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“, so Axel Scholz. Denn Flüchtlinge würden nach dem Asylverfahren zu Kunden der Jobcenter, was die vermittelten Fallmanager angesichts von mangelnden Sprachkenntnisssen der Betroffenen, fehlenden oder nicht dokumentierten Abschlüssen und kulturellen Unterschieden vor besondere Herausforderungen stelle. Positiv würdigte der Chef des Jobcenters in diesem Zusammenhang das Vorzeigeprojekt „Festmachen auf Sylt“, in dem 22 Flüchtlinge auf eine Ausbildung in gastronomischen Berufen vorbereitet werden.

Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften im Kreisgebiet ist denn auch – „fast ausschließlich aufgrund der Zuwanderungswelle“ – bis zum Jahreswechsel von 5241 auf 5431 gestiegen – und im ersten Halbjahr kamen rund 170 weitere hinzu. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher – also Langzeitarbeitslose, neu Zugewanderte und sogenannte Aufstocker – bewegt sich in Nordfriesland momentan bei rund 7750 Personen.

Dabei liegt die Quote jener Menschen, die Leistungen vom Jobcenter beziehen, aber nicht arbeitslos sind, sondern schlichtweg zu wenig verdienen, um davon leben zu können, in Nordfriesland inzwischen bei immerhin 28 Prozent. An den Gründen dafür – das geringe Lohnniveau im Kreisgebiet und der hohe Anteil an Teilzeitarbeit – kann das Jobcenter selbst freilich kaum etwas ändern.

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erstellt am 28.Jun.2017 | 10:00 Uhr

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