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Menschlichkeit im zweiten weltkrieg : Das Wunder des Schweigens

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein kleines Städtchen im Südosten Frankreichs rettete einst 1000 Vertriebene: Eine Ausstellung, die am 1. September im Husumer Rathaus eröffnet wird, erinnert an den „Rettungswiderstand“ in Dieulefit im Zweiten Weltkrieg.

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erstellt am 27.Aug.2013 | 17:56 Uhr

Eine Szene wie aus einem Film. 1939: Vier Flüchtlinge aus dem Elsass – ein älteres Ehepaar und zwei Kinder – sitzen im schummrigen Licht eines Eisenbahnabteils. Sie kennen sich nicht. Aber sie haben ein gemeinsames Ziel: Dieulefit, ein kleines Städtchen im Südosten Frankreichs. Dort hoffen sie unterschlüpfen, den Nachstellungen des faschistischen Vichy-Regimes entkommen zu können. Der Schaffner fragt nach den Fahrausweisen. Die beiden Alten schauen in die Gesichter der Kinder, erkennen sofort die Gefahr: „Das sind unsere Enkel“, sagen sie und dürfen weiterfahren.

„Dieulefit war während des Zweiten Weltkriegs ein besonderer Ort“, erklärt Siegfried Schulze-Kölln, Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DGF) Husum. Obgleich in der Region nur etwa 5500 Menschen lebten, nahmen diese mehr als 1000 Vertriebenen und Flüchtlinge auf, versorgten sie mit falschen Papieren, Essen und Unterkunft. Das Besondere daran: In den Jahren bis zum Kriegsende gab es keine Denunzianten. Alle machten mit, und so überlebten die Flüchtlinge, während Millionen andere starben.

Eine Wanderausstellung, die vom 1. bis 27. September im Rathaus zu sehen ist, soll an dieses „Wunder“ erinnern, das Anna Tüne für die Nachwelt aufbereitet hat. Tüne kam 1953 als junges Mädchen nach Dieulefit. Wie andere Vertriebene und Flüchtlinge sollte sie mithelfen, die verlassene ländliche Region wiederzubeleben. Ihre Erinnerungen hat sie in dem Buch „Von der Wiederherstellung des Glücks“ zusammengefasst. Bei ihren Recherchen stieß sie auch auf die Geschichte des „Rettungswiderstandes“, also auf jene Bürger Dieulefits, die andere in ihrer Not nicht einfach stehen ließen, sondern aufnahmen und ihnen halfen.

Tüne war fasziniert von diesen „liebenswerten, eigensinnigen und nonkonformistischen Menschen“ und beschloss ihnen ein Denkmal zu setzen. Sie wurden Protagonisten ihrer Projektreihe „Topographien der Menschheit“. Die Ausstellung über den „Rettungswiderstand in Dieulefit“ wurde im hessischen Lich, der Partnerstadt des Örtchens eröffnet und wandert seither durchs Land.

Um sie auch nach Husum holen zu können – „so einen Etat haben wir dann doch nicht“ – tat sich Schulze-Kölln mit dem Kunstverein und der Universitätsgesellschaft zusammen. Wie Tüne will er darauf hinweisen, dass hier „stille Helden“ am Werk waren, Helden, um die es aber leider schnell still wurde. Die Haltung der Retter sollte jedoch über den Status eines historischen Spotligths hinauswirken, findet er. Dieulefit heißt übersetzt zwar „Gott hat das gemacht“, aber „es waren Menschen, die dieses Wunder bewirkt haben und damit bis in die Gegenwart Beispiel geben. Sie erinnern aber auch daran, was wir an der Demokratie haben und was jeder von uns tun kann, ja muss, wenn diese in Gefahr gerät“, findet Schulze-Kölln. Als pensionierter Lehrer hofft er, dass sich vor allem Jugendliche die Ausstellung anschauen. „Das Risiko war groß damals, aber sie sind es eingegangen, im Dienst der Menschlichkeit.“ Die Retter von Dieulefit stellten einer schweigenden Mehrheit das „Wunder des Schweigens“ gegenüber.

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 1. September, um 11.30 Uhr im Rathaus. Sie bildet zugleich den Abschluss der Husumer Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrages. Vorausgegangen waren im Januar ein französischer Lesewettbewerb und eine große Festveranstaltung zum Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages.

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