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Geburtshilfe in Nordfriesland : „Das war erniedrigend und traurig“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Über die Erfahrungen werdender Mütter und Bemühungen, die Situation der Geburtshilfe in Nordfriesland zu verbessern.

von
erstellt am 07.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Ihre Schilderung ging unter die Haut: Mit bewegenden Worten erzählte die Sylterin Sinje Petersen in großer Runde im Husumer Kreishaus von ihren Erlebnissen und Gefühlen am Ende ihrer Schwangerschaft. Zwar gibt es in Flensburg wie in Husum Möglichkeiten, schwangere Insulanerinnen und ihre Familien vor der Geburt am gewählten Klinik-Standort unterzubringen, aber das sogenannte Boarding-Konzept hatte in ihrem Fall nicht reibungslos funktioniert. In Husum hatte sie sich erst abgewiegelt gefühlt, später dann musste sie den 112-Notruf wählen – „obwohl man sich nicht als Notfall fühlt“. Schließlich war sie konfrontiert mit Helfern, die offenkundig auf die Situation nicht ausreichend vorbereitet waren – und der eigenen Angst, ausgeflogen werden zu müssen. Sie fühlte sich alleingelassen: „Das war erniedrigend und traurig“, sagte sie.

„Boarding erzeugt Druck“, sagte ihre Begleiterin, die junge Mutter Christine Lunk. Sie überreichte dem Kreis Nordfriesland 20 Berichte von Schwangeren, von denen einige nicht eben die besten Erfahrungen gemacht hatten. Die Schilderungen der beiden jungen Mütter führten eindrucksvoll vor Augen, woran es seit der Schließung der Geburtshilfen auf Sylt und in Wyk – und zumindest temporär auch in Niebüll – hapert. Dass Handlungsbedarf in Sachen „Verbesserung der Geburtshilfe in Nordfriesland“ besteht, hat neben dem Kreis auch das Kieler Sozialministerium erkannt und deshalb bei der Optimedis AG ein Gutachten in Auftrag gegeben, das in einer dreistündigen Veranstaltung vorgestellt und diskutiert wurde.

„Das macht uns schon betroffen“, ging Christian von der Becke auf die Kritik der beiden Sylterinnen ein. Die Abläufe müssten deutlich verbessert und werdende Mütter stärker betreut werden, sagte er: „Da muss man noch mal ran an das Konzept.“ Frauen von den Inseln müssten intensiver von Hebammen und dem Rettungsdienst betreut werden als jene auf dem Festland, betonte Landrat Dieter Harrsen. Und: „Es tut mir leid, dass es vielen Frauen so gegangen ist – aber wir sind mit Nachdruck dabei, das zu verbessern“, versprach er den beiden Sylterinnen.

Angesichts steigender Geburtenzahlen werden in Husum laut Christian von der Becke im Rahmen des Boarding-Konzeptes ganzjährig zwei Appartements im Schwesternwohnheim vorgehalten. Ferner gibt es eine Kooperation mit dem Hotel am Schlosspark sowie im Bedarfsfall auch noch ein „Wehenzimmer“ in der Klinik selbst. Belegungs-Engpässe habe es bislang nicht gegeben: „Wir haben da noch sehr viel Potenzial nach oben.“

Da viele Schwangere von Sylt und Föhr auch zur Entbindung in die Diako nach Flensburg gehen, gibt es dort ebenfalls ein Boarding-Angebot im Gästehaus Pniel und Betreuungsangebote, berichtete die Oberin, Schwester Hannelore Balg. In diesem Jahr sei es bereits von 27 Familien genutzt worden – bei insgesamt 45 Entbindungen von Insulanerinnen im Kreißsaal.

„Die Situation der Geburtshilfe ist auch politisch unbefriedigend“, hatte Nordfrieslands Kreispräsident Heinz Maurus eingangs deutlich gemacht. Angesichts der großen Herausforderungen wie Qualitätssicherung, rückläufigen Geburtenzahlen und Fachkräftemangel müsse die Diskussion darüber auch auf Landes- und Bundesebene geführt werden. Und mit Blick auf die gemeinsamen Bemühungen um regionale Verbesserungen sagte er: „Wir werden es heute nicht schaffen, abschließend eine Lösung aller Probleme herbeizuführen“. Dazu sei noch sehr viel Arbeit nötig. Seinen Hinweis „Geburt ist keine Krankheit“ griff Ulf Werner (Optimedis AG) auf und bekräftigte: „Leitbild ist die natürliche Geburt.“ In seinem einstündigen Vortrag skizzierte er Ansatzpunkte, wie sich die Situation der Geburtshilfe in Nordfriesland und darüber hinaus verbessern ließe. Als zentrale Versorgungsprobleme, die zu Notfällen und problematischen medizinischen Ergebnissen in der Geburtshilfe führen können, nannte er sechs Faktoren: eine vorgeburtliche Unterversorgung bei Risikogruppen, Verunsicherungen bei den handelnden Akteuren, mangelnde finanzielle Anreize zur Kooperation, unabgestimmte Versorgungsstrukturen sowie fehlende Vernetzung, Kommunikation und Qualitätssicherung des Gesamtprozesses. Die Autoren des Gutachtens schlagen deshalb ein Mutter-Hebamme-Arzt-Partnerschaftsmodell vor sowie eine Vernetzungsagentur Geburtshilfe, individuell und dem Risiko angepasste vorgeburtliche Versorgungsangebote, eine umfangreiche professionelle Hebammen-Begleitung mit Rufbereitschaft sowie Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Schwangere sollen besser informiert und Mitarbeiter des Rettungsdienstes geschult werden.

Deutlich wurde in der Runde, welche zentrale Rolle der frühzeitigen Begleitung Schwangerer durch Hebammen zukommt. Als einziger Kreis in Deutschland unterstützt Nordfriesland diese deshalb mit Zuschüssen zur Haftpflichtversicherung und für die Rufbereitschaft. Da agiere der Landkreis vorbildlich, lobte die Vorsitzende des Hebammenverbandes SH, Anke Bertram. Aber: Bundesweit laufe die Zentralisierung, würden Kreißsäle „aus wirtschaftlichen Gründen“ geschlossen, beklagte sie. Ihr gesellschaftliches Anliegen: „Ich möchte eine Lanze brechen für die wohnortnahe Versorgung mit Hebammen, Geburtshilfe und Ärzten.“

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