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Milch-Bauern in grosser Sorge : Das Minus wächst von Tag zu Tag

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Zukunft zahlreicher Milchvieh-Betriebe ist ungewiss – auch das vom Bund versprochene Hilfspaket ändert daran nichts, sagen viele Bauern, darunter Bärbel und Arno Feddersen aus Immenstedt.

„Wenn ich morgens aus dem Melkstand komme, weiß ich, dass ich gerade wieder 300 Euro Minus gemacht habe“, sagt Sven Jürgensen (Name geändert). Der Eiderstedter Landwirt ist einer von rund 75.000 Milchbauern in Deutschland, die seit Monaten mit den geringen Milchpreisen zu kämpfen haben. Aus Sorge, Schwierigkeiten mit seiner Bank zu bekommen, hat er darum gebeten, dass er an dieser Stelle anonymisiert wird. Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) prognostizierte gerade, dass in fünf Jahren die Hälfte der 4000 Milchbetriebe im Norden verschwunden sein würden, wenn nichts passiere. „Die Bauern melken sich zu Grunde“, so Habeck.

Vor Kurzem ist der Milchpreis für die Erzeuger im bundesweiten Durchschnitt auf knapp über 20 Cent pro Kilogramm abgerutscht. Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die Milchbauern in Deutschland aber einen Erzeugerpreis von etwa 40 Cent pro Liter. „Wir arbeiten seit rund zwei Jahren mit einem Minus“, sagt Jürgensen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte am Montag deswegen ein 100-Millionen-Euro-Paket für die Halter von Milchvieh angekündigt. Dieses soll Kredite, Bürgschaften oder steuerliche Entlastungen umfassen – aus Jürgensens Sicht keine große Hilfe. Der einzige Weg aus der Krise sei ein angemessener Milchpreis, sagt er. Da zu viel Milch auf dem Markt ist, werden die Preise weiter niedrig bleiben und Betriebe mittelfristig pleite gehen. „20 Cent mehr wären für den Verbraucher auch kein Handicap“, so Jürgensen.

Das sieht auch Bärbel Feddersen so. Die Immenstedterin betreibt seit Oktober vergangenen Jahres eine Milchtankstelle auf dem Hof der Familie. Ein Liter kostet bei den Feddersens einen Euro – und die Nachfrage steigt. „Die Menschen kommen ganz bewusst zu uns, weil sie den Landwirt in der Region unterstützen wollen“, sagt sie. „Vor allem, seitdem massiv über die Probleme der Milchbauern berichtet wird.“ Eine Kundin ist die Immenstedterin Karin Grün. „Wir haben schon immer von der Milch direkt vom Bauern geschwärmt. Es ist ein gutes Lebensmittel, für das wir auch gern bereit sind, einen Euro zu zahlen.“ Zudem wüssten viele Kunden nicht, was in der Milch vom Discounter ist, sagt Feddersen. „Bei uns ist sie drei Tage gut, anderswo ist sie acht Wochen haltbar. Da machen sich viele Menschen Gedanken“, sagt sie. Trotzdem machen diese aber nur einen geringen Teil unter den Konsumenten aus.

Die Ursache für den geringen Preis liegt in der Abschaffung der Milchquote durch die EU im April vergangenen Jahres. Nachdem den Landwirten zuvor 31 Jahre lang vorgeschrieben wurde, wie viel Milch im Umlauf sein darf, stieg die Produktion seitdem in die Höhe. Da weltweit eine steigende Nachfrage prognostiziert wurde, sollten auch die Landwirte in Europa wieder mehr produzieren können. Viele investierten daraufhin in ihre Höfe – so auch die Familien Jürgensen und Feddersen.

Dann aber drangen auch andere Anbieter auf die Wachstumsmärkte, und erschwerend hinzu kam das Handelsembargo gegen Russland. Jetzt sitzen viele Betriebe auf ihren Krediten. Die Landwirte müssen weitere Gelder aufnehmen, um Futter bezahlen zu können – wird ein Tier krank, geht es teilweise direkt zum Schlachter anstatt zum Tierarzt. „Wir arbeiten mit Lebewesen, die täglich ernährt werden müssen“, sagt Jürgensen. Zusätzlich zum Futter kommen Flächen, die bewirtschaftet werden müssen, Strom und Wasser. Auch Landmaschinenhersteller spüren den Druck inzwischen.

Wie es weitergeht, könne momentan niemand abschätzen. „Eine konsequente Milchquote wäre das Richtige“, sagt Ulrich Lembcke, Geschäftsführer der Meiereigenossenschaft Viöl. Man müsse aus den Fehlern der Vorjahre lernen. Allein im vergangenen Jahr gaben laut Statistischem Bundesamt 4,2 Prozent der Milchviehhalter auf. „Es gibt einen Witz unter Landwirten“, sagt Sven Jürgensen. „Was macht ein Bauer, wenn er eine Million Euro gewonnen hat? Er melkt so lange, bis das Geld wieder weg ist.“

 

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erstellt am 03.Jun.2016 | 15:00 Uhr

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