Bredstedt : Das Klassenzimmer wird zur Bühne

Robin Schneider spielt mitten im Klassenzimmer mit den Schülern das Stück „Alle da“.
Robin Schneider spielt mitten im Klassenzimmer mit den Schülern das Stück „Alle da“.

Robin Schneider vom Schleswig-Holsteinischen Landestheater bringt Kindern die Themen Krieg, Flucht und kulturelle Vielfalt näher.

shz.de von
06. März 2018, 08:00 Uhr

Erwartungsvolle Stille herrscht im Klassenraum. Gleich startet eine Unterrichtsstunde der besonderen Art. Robin Schneider, Schauspieler am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, kommt – bekleidet mit einer Astronauten-Uniform – herein. Wortlos und lässig setzt er sich an den Lehrertisch, schaut in die Weiten des imaginären Weltalls, manchmal auch in die Augen jedes einzelnen. Keine Miene verzieht er. Die Fragezeichen in den Gesichtern der Schüler sind fast sichtbar.

Völlig überraschend steht Schneider auf und beginnt laut, deutlich und eindringlich, vor allem interaktiv, zu agieren. In der Rolle des deutschen Astronauten Alexander Gerst macht er sich gerade so seine Gedanken über die Erde, mit der alle schonungslos umgehen, die unnötigen Kriege sowie über die Menschen mit ihrer Angst vor dem Anderen und Unbekannten.

45 Minuten lang spielt der junge Schauspieler authentisch verschiedene Rollen, schlüpft blitzartig vor den Schülern der Klasse 5a der Gemeinschaftsschule Bredstedt mit Klassenlehrerin Friederike Petersen in die eines Reporters, Kriegers oder Flüchtenden. Die Schüler hängen förmlich an den Lippen des Darstellers, und der lässt den Raum zum Handlungsort und die Zuschauer zu Handelnden werden.

Basis ist das Klassenzimmer-Stück „Alle da!“ von Göksen Güntel nach einem Kinderbuch von Anja Tuckermann. In der Ein-Personen-Inszenierung von André Becker geht es um die aktuellen Themen Krieg, Flucht, Migration, kulturelle Vielfalt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die oft mit Vorurteilen behaftet sind. „Die Angst vor anderen kann sich schnell in Luft auflösen. Am besten verschwindet Angst, wenn man sich kennenlernt und etwas voneinander weiß“, sagt Schneider unvermittelt und lädt die Schüler zu einer Tasse frisch zubereiteten Tee ein. Schnell wird die Geste der Gastfreundschaft und des friedlichen Miteinanders deutlich, in vielen Ländern ein Ritual und Auftakt für offene Gespräche.

Zwischen „Teemomenten“ sowie gegenseitigen Gedankenaustauschs driftet er wieder ab. Abstrakt, zugleich einfühlsam, gestaltet der Schauspieler die Augenblicke, in denen er zum personifizierten Krieg und zur Flucht wird. Er nimmt jeden quasi mit in das Dunkel der Angst und des Elends. Deutlich zeigt er auch Unterschiede von Flucht- und Migrationsgründen und wie viele Vorurteile noch herrschen.

Der anschließende Beifall in der Runde ist groß. Schauspielkunst hat einmal mehr als Mittel zum Zweck aktiver Präventionsarbeit gedient. In der Nachbesprechung der Theaterpädagogin Claudia Schmidt mit den Schülern wird deutlich, dass sie die Botschaften verstanden haben und selbst eigene Erfahrungen beisteuern konnten, wie Erzählungen von der Flucht ihrer Urgroßeltern aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg oder mit geflüchteten Familien in der direkten Nachbarschaft. Auf alle Fälle, da ist sich die Klassengemeinschaft einig, helfe man Schulkameraden, die geflüchtet sind, sei es beim Deutsch lernen oder dann, wenn auch sie vielleicht von anderen Mitschülern mit Vorurteilen oder dummen Sprüchen überhäuft werden würden – was der eine oder andere auch schon erlebt hat.

Christine Friedrichsen, Gleichstellungsbeauftragte des Amtes Mittleres Nordfriesland, hat aus ihrem Budget dafür gesorgt, dass das Theaterstück in den Klassenräumen aufgeführt wird. „Ich finde es toll, wie das Landestheater die Kinder direkt in den Klassen mit aktuellen Themen erreichen kann und so wichtige Aufklärungsarbeit unterstützt“, sagt sie.

„Ich bin froh, dass wir schon zum fünften Mal davon profitieren. Alle fünften Klassen werden in den Genuss der Vorstellung kommen“, so der stellvertretende Schulleiter Nis-Peter Nissen. Die vom Theater mitgelieferte Arbeitsmappe für die Schüler werde im Unterricht weiter vertieft.

Zur Person: Robin Schneider

Der gebürtige Berliner Robin Schneider absolvierte nach der Schule von 2013 bis 2016 ein Studium in der Schauspielschule Der Kreis Berlin (Fritz-Kirchhoff-Schule). In drei TV-Filmen des Hessischen Rundfunks wirkte er bereits mit und besetzte Rollen am ACUD Theater Berlin oder spielte im Rahmen der Schlossfestspiele Ribbeck in dem Klassiker „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Seit Herbst 2017 ist er festes Ensemble-Mitglied am Schleswig-Holsteinischen Landestheater.

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