Westehever im Fokus : „Das kann hier schon einsam sein“

Bürgermeister Olaf Dircks ist in Westerhever aufgewachsen und lebt immer noch gerne mitten in der Natur.
Bürgermeister Olaf Dircks ist in Westerhever aufgewachsen und lebt immer noch gerne mitten in der Natur.

Von der Hallig mit kleinen Bauernhöfen und Räuber-Burg hat sich Westerhever zum beliebten Ferienort gewandelt. Hier erlebt man Natur pur.

shz.de von
27. Januar 2018, 14:00 Uhr

Meer im Norden, Meer im Süden, Meer im Westen. „Für das Leben hier muss man schon gemacht sein“, sagt Bürgermeister Olaf Dircks (51) mit einem Augenzwinkern. „So mit der Natur zu leben und in der Natur zu wirtschaften ist etwas Besonderes.“ Die florierende Landwirtschaft ist in dem Dorf jedoch Geschichte, stattdessen ist der Tourismus zu einer festen Größe geworden.

In unserer Dorfserie werfen wir einen genauen Blick in drei Ortschaften. Im Norden Ockholm, im Süden Westerhever und in der Mitte Viöl. Wie gestaltet sich das Dorfleben, war früher alles besser und was machen die Bewohner in ihrer Freizeit? Heute: Westerhevers Bürgermeister Olaf Dircks und Gemeindevertreter Karsten Alberts.

In der 13,32 Quadratkilometer großen Gemeinde leben heute rund 100 Einwohner, das sind acht pro Quadratkilometer. Vor rund 200 Jahren waren in dem Dorf über 600 Menschen beheimatet. Die Häuser stehen in kleinen Gruppen über das gesamte Gemeindegebiet verteilt. Neun davon sind Haubarge, die auf den Warften thronen. Die Bauweise stammt aus dem späten 16. Jahrhundert und ist besonders stabil: Selbst wenn das Meer die Mauern eindrückt, bleibt das Grundgerüst stehen. Von den Haubargen wird nur noch einer landwirtschaftlich genutzt. „Das ist meiner“, sagt Karsten Alberts (55), Gemeindevertreter. „Ich habe 66 Hektar Land, rund 80 Schafe, 88 Rinder und ein wenig Ackerbau.“ Neben ihm gibt es heute nur noch sechs weitere Landwirte im Ort.

Um die Kirche herum liegt das alte Dorfzentrum Westerhevers.
Screenshot: Google Maps

Um die Kirche herum liegt das alte Dorfzentrum Westerhevers.

 

Die meisten anderen Haushalte in Westerhever leben mittlerweile vom Tourismus; es gibt viele Ferienwohnungen. „Der Trend in diese Richtung zeichnet sich seit Ende der 1960er Jahre ab, als die Stuben der Knechte und Mägde frei wurden“, erzählt Dircks. Sie mussten Maschinen weichen, die zu dem Zeitpunkt den Menschen immer mehr Arbeit abnahmen.

Fakten und besondere Geschichten des Dorfes

Woher stammt der Name Westerhever?

Die ersten Siedler, die sich auf der damaligen Insel niederließen, nannten ihr Kirchspiel Heuere oder Hevere in Anlehnung an den Heverstrom, der sie umgab. Der Heverstrom ist ein Gezeitenstrom, der nördlich von Eiderstedt durch das nordfriesische Wattenmeer verläuft. Später unterschieden die Eiderstedter die beiden am Heverstrom gelegenen Gemeinden nach ihrer Lage auf dem Kompass.

100 statt 600 Bewohner - ist das dieser demografische Wandel?

Das Verzeichnis der Eingesessenen 1597: 136 Haushaltsvorstände.

Volkszahlregister 1803: 510 Einwohner, 110 Haushaltsvorstände, davon zehn alleinstehende Frauen. 24 Familien lebten von ihren Ländereien.

1835: 599 Einwohner, 18 Haubarge.

1845: 697 Einwohner.

Volkszahlregister 1860: 682 Einwohner, 131 Haushaltsvorstände, davon 22 Land- und Hofbesitzer, 71 Arbeitskräfte, 24 Hausbesitzer mit kleiner Landwirtschaft, 21 Handel- und Gewerbetreibende.

1930: 349 Einwohner bei 82 Wohnplätzen und 83 Haushalten.

Wie sah das Dorfzentrum vor 150 Jahren aus?

In der Dorfchronik wird Lehrer Schacht zitiert, der von Holstein nach Westerhever zog, und das Dorfzentrum beschrieb: „Mitten in Westerhever nun, im Kirchdorf, lag die Schule. Das Kirchdorf hatte aber vom Dorf nichts, als nur den Namen. Es bestand aus Pastorat, Schule, Kirche, Wirtshaus, Werkhaus, Schmieden und einem Hof.“

Räuber und Piraten: Wer waren die Wogemänner?

Nach dem Untergang der Insel Rungholt bei der Groote Mandränke im Januar 1362 taten sich viele der heimatlos gewordenen Fischer und Bauern zusammen, um gemeinsam ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Wogemänner verbreiteten Angst und Schrecken. Sie begangen Raubzüge und Überfälle auf kleine Gehöfte und holten sich durch das Entern kleiner Handelsschiffe unrechtmäßig das wieder, was ihnen der Blanke Hans zuvor genommen hatte. Hierzu ließen sie sich im Ort nieder.

Laut der Nacherzählung von Johannes Jaspers in der Dorfchronik von Westerhever erbauten sich die Wogemänner aus festem Gestein eine Burg, die einem stolzen, prächtigen Schloss glich. Die Burg war umgeben von Wällen und tiefen Gräben, über die eine Zugbrücke führte.

Die Wogemänner breiteten sich immer weiter aus und überzogen ganz Eiderstedt mit Brand, Mord, Plünderung und entführten der Geschichte nach die schönsten Jungfrauen. Sie sollen auch 14 Jungfrauen gestohlen, um sie ihren Knechten zur Ehefrau zu geben.

Doch das ließen sich die Eiderstedter nicht ewig gefallen: Am 20. Juli 1370 versammelte der Staller Ove Hering Männer um sich. Die Friesen versuchten mehrmals die Burg der Wogemänner zu Stürmen. Doch sie verteidigten die Burg mit jedem Mann und jeder Frau. Am Ende überwältigten die Eiderstedter die Wogemänner. Die Friesen versenkten etliche Seeräuberfrauen im Meer, die 60 Wogemänner wurden geköpft.

Warum hatte Westerhever eine Telegrafenverbindung nach England?

Als der Viehhandel zwischen dem Tönninger Hafen und Großbritannien florierte, wünschten sich die Bauern beider Seiten eine telegrafische Fernverbindung zur direkten Abwicklung ihrer Geschäfte. Die 1856 gestellte Konzession wurde genehmigt. So verlief das von Weybourn durch die Nordsee gezogene Seekabel vorbei an der späteren Nordseeschleuse und traf in Westerhever aufs Land. Von dort aus wurden die Kabel dann nach Tönning gelegt.

Die Bürger von Westerhever gingen im 19. Jahrhundert täglich am Strand spazieren, warum?

Am Meer fanden die Bürger immer etwas brauchbares, davon zeugten zahlreiche Schuppen am Deich und zum Trocknen und Entsalzen aufgeschichtete Holzstapel. Am Strand wurden immer wieder über Bord gefallene Güter oder verlorene Ladung und Teile versunkener Schiffe angespült. Dabei durften die Dorfbewohner nicht alles behalten, was sie fanden. Beispielsweise unterlagen alle Holzbretter über ein Meter Länge der Meldepflicht. Sie mussten vom Strandvogt registriert und danach vom Strandamt öffentlich versteigert werden.

Angeschwemmt wurden auch: Mastbäume, Rettungsboote, Anker, Körbe, Fischkisten, Wasserfässer, Tonnen gefüllt mit Teer, Harz, Schweinefett, Öl, Petroleum, Rollen von ungeglätteten Packpapier, eine Leiter, eine Schubkarre und eine Partie Baumwolle. 

 

Die Entwicklung zum Feriendorf

In den 1970er Jahren machten zunehmend mehr Menschen in Westerhever Urlaub. „Deshalb rückten viele Familien zusammen, um jedes mögliche Zimmer zu vermieten.“ Zu dem Zeitpunkt entwickelte sich der Tourismus nach und nach zum Standbein. Nach dem Mauerfall begannen einige Westerheveraner in den Bau weiterer Ferienwohnungen zu investieren.

Doch nicht nur Ferienwohnungen, auch zum Verkauf stehende Häuser ziehen Urlauber an. „Das sind meist gut situierte Familien, die in größeren Städten leben und an den Wochenenden oder in den Ferien hierher kommen“, sagt Dircks. Und Karsten Alberts ergänzt: „Vor zirka 30 Jahren hat mein Vater mal die Telefonanschlüsse im Dorf gezählt und kam auf 80 Stück. Allerdings sagten ihm die Hälfte der Namen nichts mehr.“

Sie hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass der Weg zum nächsten Nachbarn, der auch da ist, weit sein kann, schildert der Bürgermeister weiter. Er betont aber, dass die Zugezogenen alle sehr nett seien und ohne sie das Ortsbild nicht mehr das wäre, was es mal war. „Sie erhalten die Haubarge.“

Die Vereine und die Feuerwehr mussten sich jedoch aus Mitgliedermangel mit denen in den Nachbargemeinden zusammentun. „Die Wochenendler können und wollen da nicht viel aktiv mitwirken. Aber sie sind immer bereit zu spenden, wenn die Wehr etwas benötigt“, schildert Alberts.

Dementsprechend sitzen in der Gemeindevertretung auch sieben Personen, die ortsansässig in Westerhever sind. „Zwei davon sind aber zugezogen“, sagt Alberts und Dircks ergänzt schmunzelnd: „Die leben hier aber auch schon jahrzehntelang. Jeder, der in der Gemeinde lebt, kann bei uns mitwirken.“

Die Gemeinde sei politisch aktiv und relativ widerspenstig. „Wenn uns etwas nicht passt, dann stecken wir nicht den Kopf in den Sand, sondern wehren uns“, sagt der Bürgermeister. Ein gutes Beispiel dafür sei der Kampf um den Schafberg im Vorland der Gemeinde. Der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz will ihn abtragen. Das ist als Teil einer Ausgleichsmaßnahme für den Deichbau am Nordstrander Damm gedacht.

Die Gemeinde Westerhever kämpft um ihren Schafberg.
Olaf Dircks.

Die Gemeinde Westerhever kämpft um ihren Schafberg.

„Wir stecken den Kopf nicht in den Sand.“

Vielleicht hänge der Einsatz gegen höhere Gewalten auch mit der Geschichte des Dorfes zusammen, sinniert Dircks. Früher war das heutige Westerhever eine Hallig. Sie wurde im 12. Jahrhundert besiedelt. Die ersten Bewohner errichteten große Dorfwarften wie Sieversbüll, Leikenhusen und Stufhusen. Sie schützten das Ackerland mit einem Ringdeich. „Die Auseinandersetzung mit dem Wasser ist geblieben. Wir müssen aufpassen, dass das Wasser von der Nordsee nicht reinkommt und dass das Wasser aus dem Binnenland abläuft“, schildert der Bürgermeister. Teile des Dorfes liegen unter Normalnull. „Wir sind recht sensibel, was Wasser angeht. Das haben die Einheimischen quasi mit der Muttermilch aufgenommen.“

Karsten Alberts und Olaf Dircks sind in Westerhever aufgewachsen. „Das kann hier schon einsam sein. Man muss das Leben hier wollen“, sagt Alberts. Es sei etwas Besonderes, aber auch etwas besonders Schönes.

„Das hier ist Heimat: Bei Tageslicht in die Ferne blicken zu können und in unbewölkten Nächten die Sterne zu sehen“, schwärmt Dircks. Draußen in Westerhever ist es nachts noch tief dunkel und still. „Wir leben hier eben mit der Natur, und das macht es für mich aus.“

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