zur Navigation springen

Zehn Maschinen im Einsatz : Das große Aufräumen in den Wäldern

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Riesige Vollholzernter sind zurzeit dabei, die bei den Orkanen umgestürzten Bäume aus den Wäldern zu holen. Eile ist geboten, denn sonst droht im Frühjahr eine Borkenkäfer-Plage. Die legen mit Vorliebe ihre Eier auf Bruchholz ab.

von
erstellt am 04.Feb.2014 | 11:00 Uhr

Ein Bild des Jammers bieten die Wälder in Nordfriesland. Der Orkan „Christian“ hat im wahrsten Sinne des Wortes Tabularasa gemacht – und nun müssen alle Verantwortlichen sehen, wie sie damit klar kommen. „Das ist eine Mammut-Aufgabe“, brachte es Walter Rahtkens von der Bezirksförsterei Nordfriesland in Leck auf den Punkt. Er ist von der Landwirtschaftskammer angestellt und betreut ausschließlich Privatwald. Von den 3600 Hektar in seinem Verantwortungsbereich sind 500 Hektar zerstört. Schadensschwerpunkte sind vor allem das Gebiet am Stollberg, Horstedt und Schwesing. „Hier sind riesige Mengen an Holz angefallen“, zieht er Bilanz.

Als die Aufräumarbeiten begannen, stellte sich heraus: Der Orkan hatte noch viel mehr Schaden angerichtet, als anfangs geschätzt. Walter Rahtkens: „Ich konnte den Anblick am Anfang kaum ertragen.“ Aus der Erfahrung nach „Anatol“ weiß er auch, dass es keinen Sinn macht, die letzten Bäume stehen zu lassen, wenn schon 90 Prozent des Waldes flach liegen. „Bei einem so zerzausten Wäldchen muss man damit rechnen, dass das weitergeht.“ Diese bittere Erfahrung mussten die Forstarbeiter jüngst in den Mausebergen bei Husum machen. Da hatte man einige Bäume stehen lassen, „und dann konnten wir beim nächsten Sturm gleich wieder hin.“

Zurzeit sind in Nordfriesland zehn Holzvollernter, so genannte Harvester, im Einsatz, seit gestern allein drei am Stollberg. Von den insgesamt 100 Hektar Wald der Forstgesellschaft Langenhorn liegt die Hälfte auf dem Rücken, und die Zeit drängt. Spätestens bis zum Mai, so das ehrgeizige Ziel, soll überall zumindest das Nadelholz ausgearbeitet sein. Denn mit der Wärme im Frühjahr kommen die Schädlinge. Rahtkens: „Wir wollen nicht auch noch eine Borkenkäfer-Kalamität dazu bekommen.“ Auf Bruchholz – und mit Vorliebe auf Fichtenbeständen – vermehren sich die Käfer explosionsartig und befallen dann auch stehende Bäume.

Zwar sind die Waldarbeiten im Langenhorner Beritt schon weit fortgeschritten, doch so manchem Zeitgenossen geht es nicht schnell genug. „Wir können da nur um Geduld bitten“, sagt der Förster. „Wir hatten eben auch Pech mit der Witterung.“ Durch die Nässe seien die Wege stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Frost sei natürlich viel besser, da hinterlassen die schweren Maschinen nicht so tiefe Spuren, und es sei ein zügigeres Arbeiten möglich. Dass Rahtkens zusätzlich Harvester aus Thüringen, Bayern und dem Sauerland geordert hat – „Wir haben hier ja sonst nicht so viele Maschinen“ – zeigt ebenfalls, mit wieviel Druck die Riesen-Aufgabe angegangen wird. Der Förster nennt Zahlen zum Vergleich: „In einem normalen Jahr schlagen wir 10 000 Festmeter Holz, jetzt müssen wir das 20-fache abarbeiten. Das ist eine irrsinnig große Menge.“ Und: „Das ist nicht so schnell zu schaffen und eine große, logistische Herausforderung.“

Eines ist klar: Die Waldbesitzer haben durch den Orkan erheblichen Schaden erlitten. Abgebrochene Bäume sind wertlos, die Mehrzahl der umgestürzten Bäume war noch viel zu jung. Rahtkens: „Ich versuche, für die Waldbesitzer das Beste in der Situation ’rauszuholen.“ Er hat von diversen Firmen Angebote eingeholt und die Aufträge an verschiedene Unternehmen erteilt. Das Holz muss aus dem Wald herausgeholt und zu einem der drei Verlade-Stationen der Bahn im Norden, nach Flensburg-Weiche, Jübek oder das dänische Pattburg transportiert werden. Je nach Qualität des Holzes wird es dann bei holzverarbeitenden Betrieben zu Balken, Paletten oder Spanplatten verarbeitet.

„Die Waldbesitzer in Nordfriesland verdienen sich keine goldenen Nasen“, stellt Walter Rahtkens fest, „sie sind Idealisten.“ Deshalb habe es ihn auch besonders gefreut, dass zum Beispiel die Langenhorner Forstgesellschaft bei der Frage: Wie geht es nun weiter? gleich gesagt hatte: Natürlich wird das wieder Wald. Noch warten alle darauf, wie das neue Förderprogramm des Landes ausfällt, aber eines steht für Walter Rahtkens fest: „Wir sollen auf jeden Fall auf Vielfalt setzen.“ Und das heißt: Mischwald.

Der Förster spricht damit Helmut Wree, dem Vorsitzenden der Forstbetriebsgemeinschaft Nordfriesland / Schleswigsche Geest aus der Seele. Wree: „Das Umwandeln von Nadelwald in Mischwald ist unser Programm.“ Jährlich habe man 50 bis 100 Hektar geschafft. Der Orkan habe nun aber dafür gesorgt, dass „uns die Arbeit für die nächsten zehn Jahre vor den Füßen liegt“. Sei früher im Verband alles ruhig abgelaufen, „spüren wir jetzt zum ersten Mal, dass wir 930 Mitglieder haben.“ Jeder habe ein Anliegen, und der Förster käme kaum nach.

Auch Helmut Wree bittet alle um Geduld. Sein eindringlicher Appell an die Landesregierung lautet: „Wir brauchen dringend Förderung.“ Die Aufforstung von einem Hektar Wald kostet rund 10 000 Euro, das mache bei 500 Hektar fünf Millionen Euro. Gerade in der waldarmen Region Nordfriesland sei es um so wichtiger, diese grünen Lungen zu hegen und möglichst noch auszuweiten. Wree: „Der Wald ist von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Er hat eine Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion.“

In Horstedt gilt es, rund 24 Hektar Wald – zum Teil in Privatbesitz, zum Teil Gemeindeland – durchzuarbeiten. „Das wird wohl bis Sommer dauern“, schätzt Jens-Peter Hansen. Der Bauausschuss-Vorsitzende koordiniert die Arbeiten in den gemeindlichen Flächen. Auch hier muss die Frage entschieden werden: Wird man zwischenpflanzen oder flächendeckend neue Waldstücke anlegen?

Dass Wald mehr ist als nur eine Ansammlung von Bäumen zeigt die Geschichte eines älteren Horstedters. Von Kindheit an hat er „seinen“ Wald wachsen und gedeihen gesehen. Und jetzt ist von dem Stück nichts mehr übrig als ein paar Baumstümpfe. Für den Senior ein Schicksalsschlag, den er kaum verwinden kann. Manche mögen darüber lächeln, aber Helmut Wree weiß gleich Ähnliches zu erzählen. Er kennt Familien, die zwar kein eigenes Hausgrundstück haben, dafür einen Wald. Und die jeden Sonntag mit Kind und Kegel in „ihren“ Wald fahren, um sich daran zu freuen und dort Kraft zu tanken.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen