Im Fokus: Westerhever : Dank Touristen mehr Gottesdienste

Ein beliebter Ort zum Heiraten, auch für Auswärtige: die Kirche von Westerhever.
Ein beliebter Ort zum Heiraten, auch für Auswärtige: die Kirche von Westerhever.

In Westerhever wird die Kirche immer stärker von Urlaubern und Tagesgästen genutzt – auch für Taufen und Hochzeiten.

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29. Januar 2018, 10:00 Uhr

Westerhever | Die St.-Stephanus-Kirche thront über Westerhever auf einer fast fünf Meter hohen Warft. Der fast 650 Jahre alte Turm ist der älteste auf Eiderstedt und wird von massiven, steinernen Stützen gesichert. Er ist von Weitem zu sehen und diente den Seefahrern – vor dem Bau des Leuchtturms – als Orientierungspunkt. Früher war die Kirche nicht nur Mittelpunkt des dörflichen Lebens, sondern sie bot den Einwohnern auch Schutz vor Sturmfluten. Heute ist sie ein beliebter Ort zum Heiraten für Paare aus aller Welt.

In unserer Dorfserie werfen wir einen genauen Blick in drei Ortschaften. Im Norden Ockholm, im Süden Westerhever und in der Mitte Viöl. Wie gestaltet sich das Dorfleben heute oder war früher alles besser? Heute zum Abschluss der Serie über Westerhever geht es um das kirchliche Leben dort und seinen Wandel.

„Der Anblick von St. Stephanus ist besonders eindrucksvoll, wenn zur Christmette in der Kirchengemeinde alles dunkel ist und es nur aus den Kirchenfenstern hell leuchtet“, schildert Pastor Thomas Knippenberg. Er ist seit 2016 zuständig für die Kirchengemeinde Heverbund, zu der die Dörfer Osterhever, Poppenbüll und Westerhever gehören. „Die St.-Stephanus-Kirche hat ein besonderes Flair, das Dorf hat Hallig-Charakter und ist sagenumwoben.“ Der Überlieferung zufolge dienten Steine der zerstörten Wogemannsburg um 1370 zum Bau des ersten Kirchenschiffes. Die Burg war ein Unterschlupf von Räubern und Piraten, den Wogemännen, die in Westerhever ihr Hauptquartiert aufgeschlagen hatten.

Historie: Der verlorene Taufstein

Der Turm von 1307: Oft kaputt und nie zerstört

Der Westturm ist in gotischer Bauweise errichtet worden, gut zu erkennen am Spitzhelm. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Turm unter Wind und Wetter gelitten. Das ist an den nachträglich eingefügten Steinen gut zu erkennen. Mit den Reparaturen war die Kirchengemeinde oftmals finanziell überfordert. 1733 war der Kirchturm „heruntergefallen“ und ein Jahr später wütete ein starkes Gewitter über dem Dorf und beschädigte das Gebäude.

Eine massive Abstützung des Turms ist notwendig.
Helfmann/Wikipedia

Eine massive Abstützung des Turms ist notwendig.

Der Neubau des Kirchenschiffs 1804

Das Kirchenschiff war bereits lange baufällig. 1655 löste sich ein verrotteter Deckenbalken und stürzte auf die Sitzbänke hinab. Der Pastor soll daraufhin Gott gedankt haben, dass der Balken nicht während einer predigt hinabgestürzt ist, so steht es in der Dorfchronik von Westerhever.

1766 beklagte sich dann der Pastor, dass es durch die Decke regnet. Einige Monate später wurde der Neubau beschlossen.

Der Taufstein, der über 100 Jahre verschwand

Der Taufstein stammt aus dem 12. Jahrhundert. Er ist der älteste und der einzige romanische Taufstein in Eiderstedt. Er verschwand über 100 Jahre. Der Taufstein soll nach dem Neubau der Kirche wieder im Gotteshaus abgestellt worden sein, allerdings in einer Ecke im Kirchturm. Für die Taufzeremonie wurde zu dem Zeitpunkt ein von der Decke herabhängender Taufengel genutzt. Im Kirchturm wurde der Taufstein wahrscheinlich unter allerleich Gerümpel vergraben und geriet bis 1900 in Vergessenheit.

Der Innenraum der St. Stephanus Kirche mit Taufbecken und Taufengel.
Sigurd Betschinger

Der Innenraum der St. Stephanus Kirche mit Taufbecken und Taufengel.

 

Doch zurück in die Gegenwart: Auch im Gemeindeleben Westerhevers spiegelt sich der Wandel der Zeit, der Wandel vom Bauerndorf zum Ausflugs- und Ferienziel. So ist die Kirche, neben dem bekannten Leuchtturm, ein bei Einheimischen und Auswärtigen beliebter Ort zum Heiraten. „Viele wünschen sich in Westerhever aber auch eine Strandhochzeit“, weiß der Pastor. Die erste steht 2018 im Mai auf dem Plan. „Ob dann wirklich draußen geheiratet werden kann oder das Wetter zu schlecht ist, wissen wir natürlich erst kurz vorher. Da ist Flexibilität gefragt.“ Auf jeden Fall steht die Kirche bereit. Meistens hätten die Heiratswilligen von außerhalb eine besondere Verbindung zum Dorf oder zu Eiderstedt, so der Pastor. 2017 war ein Paar dabei, sie Mitte 50 und er Anfang 60, das sich vor Jahrzehnten auf einer Jugendfreizeit in St. Peter-Ording kennengelernt hatte. „Sie haben den Kontakt nie ganz verloren, aber sich erst vor einigen Jahren wieder getroffen und neu verliebt.“

Ein anderes Paar kam extra aus den Niederlanden angereist, um in Westerhever zu heiraten. „Sie waren hier beide als Jugendliche im Naturschutz aktiv. Für sie war Eiderstedt ein Stück Heimat und der Ort ihrer ersten Begegnung“, erinnert sich der Pastor. Vor der Hochzeit sei überlegt worden, die Niederländer auf Plattdeutsch zu trauen. „Die Sprachen sind sich ja recht ähnlich.“ Letztendlich war aber vieles für das Brautpaar und seine Gäste auf Platt zu unverständlich und sie haben sich für einen zweisprachigen Gottesdienst entschieden.

Taufe oder die Speisung der 5000

Auch für Taufen sei Westerhever beliebt. Allerdings weniger die Kirche als der Strand. „Das Wichtigste ist, das Wasser da ist“, sagt der Pastor und lächelt verschmitzt. „Die Taufen am Meer erinnern manchmal an die Speisung der 5000. Mit dem Unterschied, dass es – statt Fisch und Brot – Kaffee und Kuchen gibt.“ 200 bis 300 Personen versammeln sich dazu am Strand.

Und dass es in der Kirche im Sommer wieder mehr Gottesdienste gibt, auch dafür habe die Nachfrage der Urlauber und Tagesgäste gesorgt. „Eigentlich ist in jeder Kirche des Heverbunds einmal im Monat ein Gottesdienst. Im Sommer gibt es in Westerhever seit 2011 aber alle zwei Wochen einen“, so Knippenberg. Damit sei auf die erhöhte Nachfrage durch Touristen zwischen Mai und September reagiert worden. Diese Gottesdienste werden von pensionierten Pastoren, Pröpsten und Kirchenmusikern gestaltet.

Konfirmation in der Heimatkirche

Doch pflegen auch die Eiderstedter ihr Kirchenleben, und arbeiten dafür auch zusammen, wie beispielsweise bei den Konfirmationen. Die Mädchen und Jungen der Kirchenregion Mitte haben gemeinsam Unterricht in Garding, können sich aber in ihrer Kirche konfirmieren lassen. Dieses Jahr gibt es auch eine Konfirmation in Westerhever. „Wir machen im Unterricht immer eine Fahrradtour von Kirche zu Kirche. Damit sie möglichst viele kennenlernen, und für das Gemeinschaftsgefühl.“

Wer zum Gottesdienst ins nächste Dorf will, muss aber nicht zwangsweise aufs Rad umsteigen oder das Auto nehmen. „Wir bieten zwar keine Fahrdienste an, aber es gibt den Ruf-Bus Mittleres Eiderstedt. Der wird viel genutzt, ob von Schüler, Senioren oder Touristen.“ Für Pastor Thomas Knippenberg ist die Abgelegenheit der Gemeinden nichts Ungewohntes. „Ich bin in Nordfriesland geboren worden. Und was hier wichtig ist und uns ausmacht, ist der Zusammenhalt unter den einzelnen Kirchengemeinden.“

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