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Nordfriesland und die Strategie 2100 : Damit das Wattenmeer nicht ertrinkt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Längerfristig hat der Klimawandel für das Wattenmeer dramatische Folgen. Wie man ihnen gemeinsam begegnen kann, gibt die Strategie 2100 vor.

Husum | Wir schreiben das Jahr 2099: Auf der Knudswarft der Hallig Gröde steht das Wasser bis zu 90 Zentimeter an den Türschwellen. Und Vogelarten wie Zwergseeschwalbe oder Sandregenpfeifer sind gänzlich verschwunden, weil ihr angestammtes Brutgebiet nicht nur deutlich wärmer geworden ist, sondern sich auch geomorphologisch drastisch gewandelt hat. Kein Schreckensszenario, sondern eine logische Vision, die das Zeug zur Realität hat – wenn, ja wenn der Mensch angesichts des von ihm verursachten beschleunigten Meeresspiegelanstiegs nicht endlich gegensteuert. Passt er sich dieser selbstverschuldeten Entwicklung nicht umgehend an, ergreift er keine wirksamen Klimaschutzmaßnahmen, wird sich das Wattenmeer grundlegend verwandeln – und zwar zum Negativen. Zunehmende Sediment-Defizite beeinträchtigen die Sicherheit der Küstenbewohner und verändern die charakteristischen Eigenschaften – und damit die Grundlagen für die Anerkennung als Nationalpark und Weltnaturerbe. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute: Ein gemeinsames Verständnis von Küsten- und Naturschutz, das ebenso sensible wie wunderschöne Fleckchen Erde vor unserer Haustür zum Wohle der Natur und der Menschen zu erhalten und zu entwickeln, ist vorhanden. Das habe – von den ersten Ideen im Juni 2012 bis zum Abschlussbericht knapp drei Jahre später – der Prozess gezeigt, der am Ende zur Strategie für das Wattenmeer 2100 geführt hat. Diese frohe Kunde macht unter dem Strich denn auch Hoffnung. Verbreitet hat sie Dr. Johannes Oelerich, Direktor des Husumer Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN), der jetzt nacheinander beim Nautischen Verein des Kreises und im Kuratorium der Stiftung Nordfriesland tiefer in die Materie eingestiegen ist.

„Wir müssen das Wattenmeer vor den Folgen des Klimawandels schützen, sonst ertrinkt es“, umriss Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck bei der Verabschiedung der Strategie durch das Kabinett im Sommer die Herausforderung, die sich an Zahlen des Weltklimarates der Vereinten Nationen von 2013 festmachen lässt: Je nach Szenario (gemäßigt, also bei einer weltweiten Reduzierung der Treibhausgasemissionen, oder gesteigert) und Zeithorizont (der erste Betrachtungszeitraum reicht bis 2050) ist davon auszugehen, dass es um ein bis vier Grad Celsius wärmer wird und der Meeresspiegel zwischen 20 und 80 Zentimeter ansteigt.

Aus dieser Hochrechnung und der Tatsache, dass die natürliche Anpassungsfähigkeit eines Öko-Systems irgendwo aufhört, stellt sich für den Umwelt- und Küstenschutz zwangsläufig die Frage nach den Folgen, die bei der Überschreitung von Grenzen zu erwarten sind. Die Antwort gibt besagte Strategie, die Fachleute sowohl aus der Nationalparkverwaltung des Landes als auch aus nichtstaatlichen Organisationen – Insel- und Halligkonferenz, Schutzstation Wattenmeer und World Wide Fund for Nature (WWF) – im Rahmen eines zweijährigen Projektes ausgearbeitet haben.

Als ein zentrales Instrument machten die Experten, deren Arbeit durch einen aus Mitgliedern von regionalen Institutionen und Wissenschaftlern bestehenden Beirat begleitet wurde, in diesem Zusammenhang ein Sediment-Management aus. Dabei geht es Oelerich zufolge darum, das durch den Anstieg des Meeresspiegels entstehende Sediment-Defizit auszugleichen. Das „Wachsen mit dem Meer“ spiele eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Hydromorphodynamik (Zusammenfassung von Formenschatz und Abflussdynamik) – und damit für den Naturhaushalt und die Stabilität der Küsten. Daher sei nach heutigen Erkenntnissen die wichtigste Option zur Anpassung, Sand aus der vorgelagerten Nordsee und gegebenenfalls aus weiteren geeigneten externen Quellen einzubringen, so der LKN-Chef.

Eine der Kernbotschaften der Strategie: Um das Wattenmeer mit seinen Funktionen für den Natur- und Küstenschutz sowie möglichst auch in seiner Größe zu erhalten, ist gemeinsames Handeln erforderlich. Ein größerer Aufwand und höhere Kosten lassen sich dabei nicht vermeiden.

Ein solches Konzept sei schon lange überfällig, waren sich die Mitglieder des Nationalpark-Kuratoriums bei ihrer jüngsten Sitzung im Husumer Kreishaus einig. Dennoch gab es auch kritische Stimmen. Zum Beispiel von Peter Ewaldsen, dem Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft schleswig-holsteinischer Muschelfischer: „Wir Muschelfischer machen uns ernsthafte Sorgen. Erst drängt Ihr uns in eine Ecke – und nun wollt Ihr die auch noch mit Sand vollkippen? Wo sollen wir denn hin? Ich habe das Gefühl, die Strategie richtet sich danach, uns das Licht auszupusten. Erst feiert Ihr unsere Verdrängung und nun treibt Ihr eine neue Sau durchs Dorf!“

Hintergrund von Ewaldsens verbalem Vorstoß: Über mehrere Jahrzehnte war die Miesmuschel-Nutzung im Nationalpark Wattenmeer ein großer Streitpunkt. In diesem Jahr haben sich Muschelfischer, Naturschützer und Minister Habeck auf gemeinsame Eckpunkte geeinigt. Die Kulturfläche der Muschelfischer wurde unter anderem laut unterzeichneter Vereinbarung von 2000 auf 1750 Hektar reduziert. Auf 250 Hektar dieser übrig gebliebenen Flächen dürfen Saatmuschel-Gewinnungsanlagen aufgestellt werden. In der Schutzzone I des Nationalparks darf gar nicht mehr nach Muscheln gefischt werden. 15 Jahre lang gilt die Vereinbarung, die den Muschelfischern Rechtssicherheit verschaffen soll. Von Anfang an war Ewaldsen jedoch davon überzeugt, dass dieser Kompromiss zu Lasten der Muschelfischer geht.

„Das ist ein großes Missverständnis!“, reagierte Dietmar Wienholdt vom Kieler Umweltministerium auf den Vorwurf. „Das Wattenmeer ist für uns alle elementar. Es geht doch darum, jetzt Grundlagen zu schaffen, um reagieren zu können, wenn es ernst wird – und das hat überhaupt nichts damit zu tun, jemandem den Garaus zu machen. Solche Konflikte brauchen wir nicht.“ Das sah LKN-Chef Dr. Johannes Oelerich genauso und stellte klar: „Es ist kein Maßnahmenprogramm, über das wir hier sprechen, sondern ein Rahmenkonzept – und wenn wir nicht alle gemeinsame Ziele verfolgen, hat das gar keinen Wert.“

 

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erstellt am 01.Dez.2015 | 18:34 Uhr

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