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Keine Angst vor fremden Kulturen : Cowboystiefel gegen Praktikumsplatz

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Margit Jensen aus dem Viöler Ortsteil Kragelund hat drei Flüchtlinge in ihrer Dachgeschosswohnung aufgenommen. Die anfängliche Skepsis der Dorfbevölkerung ist schnell gewichen.

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erstellt am 01.Okt.2015 | 13:00 Uhr

Berührungsängste mit fremden Kulturen hat Margit Jensen aus dem Viöler Ortsteil Kragelund noch nie gehabt. Schon als junge Frau begleitete sie häufig ihren vor 19 Jahren verstorbenen Mann, der als Schiffsingenieur die Welt bereiste. Und auch vor den Slums, beispielsweise in Rio oder Kapstadt, hat sie nicht Halt gemacht, ist mit ihrem Mann mitten hinein in die für Europäer so fremde Welt. Diese Erfahrungen haben sicherlich mit dazu beigetragen, dass sie sich immer für die Probleme anderer Menschen interessiert hat.

Kein Wunder also, dass sie seit vielen Jahren den Vorsitz des Ortsverbandes Viöl des Sozialverbandes Deutschland inne hat. Auch kein Wunder, dass sie seit die Flüchtlingswelle nach Europa rollt, sich für die Belange der Asylsuchenden einsetzt. „Und von sicheren Herkunftsländern will ich gar nicht sprechen, denn was mit den Roma in den Balkanstaaten, Rumänien und Ungarn geschieht, hat nichts mit Sicherheit zu tun“, klagt sie.“ Daher hat die 59-Jährige auch sofort die Dachgeschosswohnung in ihrem Haus geräumt, als sie davon erfuhr, dass das Amt Viöl Wohnraum für Flüchtlinge suchte. Seither wohnen bei ihr ein Paar und ein Single aus dem Kosovo. Anfangs, erzählt sie, war die Skepsis bei den Dorfbewohnern doch deutlich zu spüren, zumal es gleich hieß: „Bei Margit ziehen zwölf Asylsuchende ein.“ Doch es waren ja nur drei. „Und kaum waren sie da, habe ich zu einer Kennenlernparty eingeladen, da ist das Eis sehr schnell gebrochen“, berichtet die Kragelunderin.

Nicht zuletzt ihren guten Kontakten ist es zu verdanken, dass alle drei, Gezim, Wallon und Egzona, den ganzen Tag beschäftigt sind. So bereitet sich beispielsweise die 22-Jährige Krankenschwester Egzona gegenwärtig darauf vor, dass ihre Ausbildung auch in Deutschland anerkannt wird. Das dafür notwendige Praktikum vermittelte die Kragelunderin – besser erreichte sie durch ein Tauschgeschäft. „Ich hatte noch ein paar Cowboystiefel von meinem Mann. Auf die war ein Arzt ganz scharf. Also überließ ich ihm die Stiefel – und die Bezahlung war der Praktikumsplatz für Egona“, sagt sie lachend. Und solche Stiefel hat natürlich eine begeisterte Westernreiterin im Schrank, denn dieses Hobby pflegt sie seit mehr als 30 Jahren. Teilweise hielt sie mehr als 15 Westernpferde auf ihrem Anwesen und hat mehr als 20 Jahre lang Paint Horses gezüchtet und sogar eine eigene Reithalle unterhalten.

Margit Jensen ist für die jungen Kosovaren Ansprechpartnerin und Vertrauensperson, fast schon wie eine Mutter. Sie kümmert sich um sie, nimmt sie quasi an die Hand, wenn es um Behördengänge und andere förmliche Dinge geht. Da der Kosovo als sicheres Herkunftsland gilt, sorgt sie sich um die Zukunft ihrer drei Mieter. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, ob es die Möglichkeit einer Adoption gibt“, sagt die Mutter von vier Kindern.

Probleme hat es bislang mit den drei Kosovaren noch nicht gegeben. Margit Jensen erwartet auch künftig keine. Auch ihr Fahrzeug, einen Pick-Up, stellt sie ihnen bei Bedarf zur Verfügung. Sie will auch anderen Menschen Mut machen, Fremde im eigenen Haus aufzunehmen. „Wir müssen offen auf andere Menschen zugehen, mit ihnen in Kontakt treten. Dann stellen wir ganz schnell fest, sie sind gar nicht so viel anders als wir, auch wenn sie aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen“, sagt die Kragelunderin. Allerdings legt sie schon Wert darauf, dass sich auch beide Seiten bemühen müssen. „Wir als reiches Land sollten aber in der Lage sein, den Flüchtlingen zu helfen. Denn wir leben in einem Land des Überflusses und klagen oftmals auf sehr hohem Niveau.“

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