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Der Super-Orkan : „Christian“ zog Spur der Verwüstung

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Feuerwehr verzeichnete mehr als 100 Einsätze allein in Husum und Schobüll. Zum Teil mussten ganze Straßenzüge abgesperrt werden, weil herabstürzende Dächer eine Gefahr für Passanten darstellten. Besonders betroffen waren auch Eiderstedt und Nordstrand.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2013 | 20:16 Uhr

Es war ein gespenstisches Bild, das sich gestern in Husum bot: Die Straßen menschenleer, viele Geschäfte geschlossen, Trümmer und Äste auf Fahrbahnen und Gehwegen, überall Blaulicht von Polizei und Feuerwehr. Schuld daran war Orkan „Christian“, der für katastrophale Verhältnisse sorgte. Mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 160 Stundenkilometern fegte er über das Land – und traf auch die Storm-Stadt mit voller Wucht. Mindestens ein Mensch in Husum wurde durch herabfallende Trümmer verletzt.

„Wir bekommen fast im Minutentakt Alarmmeldungen“, erzählte eine Feuerwehrfrau, die in der Großstraße zusammen mit ihren Kameraden im Einsatz war. Alleine die Freiwillige Feuerwehr Husum musste im Stadtgebiet und im Ortsteil Schobüll mehr als 100 Einsätze abarbeiten, zog Wehrführer Jürgen Jensen am Abend Bilanz. Reihenweise wurden Dächern abgedeckt – auch in der Innenstadt. „Sie können hier nicht weitergehen“, hieß es von den Einsatzkräften zu den wenigen Passanten, die noch unterwegs waren. Um Schlimmeres zu verhindern, wurden die Straßen abgeriegelt. „Hier fallen ständig Ziegel herunter, das ist viel zu gefährlich für Fußgänger“, so ein Feuerwehrmann. Ein großes Fachgeschäft musste wegen der Sturmschäden evakuiert werden.

Auch in der Hohlen Gasse wurden die Passanten zurückgehalten, weil hier ein Giebel abzubrechen drohte. Schlimm sah es in der Asmussenstraße aus, wo mehrere Bäume samt Wurzeln von „Christian“ umgerissen worden waren. Am geschichtsträchtigen Torhaus und der Einfahrt zum Schloss bot sich ein Bild der Verwüstung. Mehrere Bäume versperrten die Straße. Zwei Grundstücke waren besonders betroffen, doch hier hatten die Eigentümer Glück im Unglück: Um Haaresbreite hatte eine Eiche beim Umstürzen ihr Haus verfehlt. In anderen Straßen jedoch fielen Bäume tatsächlich auf Gebäude. Märkte im Gewerbegebiet Ost wurden teilweise abgedeckt. Ein Einkaufszentrum war so stark betroffen, dass die Kunden zunächst im Innern bleiben mussten, um nicht gefährdet zu werden. Das Hochhaus in der Adolf-Brütt-Straße büßte einen Teil seines Daches ein.

Ohrenbetäubende Windgeräusche erlebte Hasso von Dammann, der Geschäftsführer der Flughafen Husum GmbH, in seinem Tower. Da gegen den Wind gestartet und gelandet wird und der Orkan von Südwesten her einsetzte, war die für diese Richtung günstig liegende Bahn zunächst sogar noch benutzbar. Doch kein Pilot wollte den Kampf mit dem aufbrausenden „Christian“ aufnehmen, der schließlich sogar den Bahn- und Busverkehr komplett zum Erliegen brachte.

Doch auch, nachdem sich „Christian“ ausgetobt hatte und langsam abzog, gab es für die Einsatzkräfte keine Entwarnung. „Wir werden wohl noch sehr lange mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt sein“, sagte ein Feuerwehrmann. Insgesamt waren von den Feuerwachen Husum und Schobüll 70 Leute mit neun Fahrzeugen im Einsatz, so Wehrführer Jensen. Unterstützt wurde die Feuerwehr vom Technischen Hilfswerk Husum, das sich mit 20 Helfern und verschiedenen Fahrzeugen und Spezialgerät im Einsatz befand.

Eine Schneise der Verwüstung hinterließ „Christian“ auch im südlichen Nordfriesland. Zwischen St. Peter-Ording und Ostenfeld, zwischen Langenhorn und Friedrichstadt wurden Bäume von den Windböen entwurzelt und Dächer abgedeckt. Lastwagen wurden entlang der Bundesstraße 5 von der Fahrbahn geweht. Auf der Eiderbrücke bei Tönning kam es zu einem Unfall mit einem unbeladenen Lkw. Der Fahrer wurde verletzt. Einige Brummifahrer warteten vor Tönning sowie auf dem Parkplatz Platenhörn das Schlimmste ab. Der Strom fiel über Stunden aus. Die Feuerwehren und das Technische Hilfswerk Tönning waren pausenlos im Einsatz – auch ohne die Alarmierungen der Leitstelle in Harrislee. Denn wie vielerorts zu hören war, gab es gestern Nachmittag dorthin keinen Kontakt weder per Handy noch per Festnetz.

St. Peter-Ording erlebte die heftigsten Böen im Land mit einer Windstärke von bis zu 173 Stundenkilometern. Dort ging zeitweise nichts mehr, da die Hauptverkehrsstraßen von umgestürzten Bäumen blockiert waren. Viele Dächer wurden in Mitleidenschaft gezogen. In der im Umbau befindlichen Dünen-Therme wurde ein Oberlicht eingedrückt. Ihr Betrieb und der des benachbarten Gesundheits- und Wellnesszentrums wurde eingestellt.

In Tönning wurde das Gebäude der Firma Sihi, das direkt an der Eider liegt und damit dem Sturm voll ausgesetzt war, stark beschädigt, wie Vize-Gemeindewehrführer Wolfgang Clasen berichtete. Ein Großteil der Dachfront wurde abgedeckt, eine Fensterfront und ein Tor eingedrückt. Der Werksleiter hatte die Mitarbeiter vorsorglich nach Hause geschickt. So wurde niemand verletzt. Außerdem wurde in Tönning das Dach der Gemeinschaftsschule beschädigt. In Kating fielen 20 Bäume auf die Landstraße, im Norderheverkoog sechs, wie der stellvertretende Amtswehrführer Matthias Trapp erklärte. Die Ortsdurchfahrt in Garding wurde wegen herabfallendem Dachmaterials gesperrt. Außerdem deckten die Windböen Teile des Kirchendachs in Garding und Welt ab. Zwischen Garding und Welt wurde ein Möbeltransporter auf die Seite gedrückt. Kritisch war die Situation für einen Herzpatienten in Kotzenbüll. Ein lebenswichtiges Gerät funktionierte wegen des Stromausfalls nicht mehr. Außerdem blockierten umgestürzte Bäume die Zufahrt. Die Feuerwehr konnte ihm rechtzeitig helfen, so Trapp.

Windstärke 12 am Eidersperrwerk, der Wind peitschte das Wasser in die Luft, dass es wie Schneetreiben aussah – Volker Sönksen, Leiter des Bollwerks, hat so etwas in seinen sieben Jahren Dienstzeit noch nicht erlebt. „Zum Glück haben wir jetzt Nipptide (Tide bei Halbmond), da läuft das Wasser nicht so hoch auf. Aber immerhin: 2,20 Meter über Normalnull hatten wir heute Nachmittag zur halben Tide.“ Und trotz der orkanartigen Böen tummelten sich einige unerschrockene Schaulustige am Eidersperrwerk.

In Friedrichstadt trieben Boote und Bäume auf Grachten und Treene. Zeitweise mussten die Straßen wegen Dachschutts und umgestürzter Bäume gesperrt werden, wie Bürgermeister Eggert Vogt berichtet. In Schwabstedt riss der Sturm unter anderem das Dach einer ehemaligen Tankstelle los. Es versperrte die Straße vor dem Feuerwehrgerätehaus. Mildstedt war zeitweise komplett abgeschnitten, da Bäume die Zugangsstraßen blockierten. Auch im Amt Viöl hatte die Feuerwehr kräftig zu tun. „Wir haben uns darauf konzentriert, die Rettungswege freizuhalten und Personen in Not zu retten“, sagte Amtswehrführer Rolf Schadwald. Wie alle Wehrführer ist er stolz auf seine Aktiven.

Auch in Bredstedt waren teilweise die Straßen von umgestürzten Bäumen versperrt. Am Stollberg wurden zwei Lkw in den Graben gedrückt, es gab zwei Leichtverletzte. Für 60 Bahnreisende war gestern zwischen Bredstedt und Langenhorn die Reise zu Ende. Der Zug war gegen einen umgestürzter Baum geprallt. Dabei sprang eine Achse des Zuges aus dem Gleis, wie die Bundespolizei mitteilt. Die Feuerwehr Langenhorn und das THW Niebüll waren im Einsatz.

Hart getroffen hat es die Halbinsel Nordstrand. Teilweise rissen die Bäume beim Fallen die Fahrbahn mit auf und Stromkabel heraus, wie Bürgermeister Werner-Peter Paulsen berichtete. Die Wände großer Scheunen wurden von den Böen eingedrückt, Dächer abgedeckt und das darunterliegende Stockwerk beschädigt. „Die Gebäude sehen teilweise aus wie nach der Sturmflut 1962.“ Die große Deichbaustelle im Westen der Insel kam dagegen glimpflich davon. „Zum Glück kam der Sturm von Südwesten und traf den Deich dort nicht voll. Und wir haben Nipptide, da ist der Wasserstand nicht so hoch.“ Das ganze Ausmaß der Schäden wird sich erst heute und in den kommenden Tagen zeigen.

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