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Kraftklub zu Gast in Husum : Brachial-Romantik im knuffigen Klub

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kraftklubs kraftvoller Überraschungsauftritt im Husumer Speicher brachte die Fans in Ekstase.

von
erstellt am 24.Jul.2017 | 07:00 Uhr

Man nehme das wohl bekannteste Lied der Band Ton Steine Scherben, ersetze den 13. Buchstaben im Alphabet an passender Stelle durch den 14. – und fertig ist der Titel der neuen Scheibe: So kann „Keine Macht für Niemand“ auch aussehen. Ob sich der Frontmann von Kraftklub, Felix Brummer (Jahrgang 1989), nun als legitime Ossi-Ausgabe von Rio Reiser sieht, ist nicht wirklich überliefert. Fakt ist dagegen, dass sich die fünf Chemnitzer mit „Keine Nacht für Niemand“ laut Plattenlabel vor „erklärten Helden“ wie den Beatles, Deichkind und den Ärzten verneigen. Und kurzfristig auch vor dem Husumer Publikum.

„Schön klein und eng hier“, begrüßt Rampensau Brummer die Menge in der Sardinenbüchse Speicher – jene Kraftklub-Fans, die das Glück hatten, auf verschlungenen Wegen rechtzeitig eine Karte für diesen Überraschungsgig am Vorabend des Auftritts beim Deichbrand-Festival in Cuxhaven zu ergattern. Der erkleckliche Rest muss an diesem lauschigen Sommerabend von draußen lauschen. Nach etwas mehr als einer Stunde wird das ausgesperrte Partyvolk an der Hafenkante belohnt: Brummer, längst bis auf die Hosenträger durchgeschwitzt, gönnt sich auch vor der Tür ein Bad in der Menge.

Dabei dürfte er eigentlich gar nicht hier sein, gesteht der über die Bühne fegende Sachse – und man könnte auch von weiter hinten meinen, ein schelmisches Grinsen hinter dem Mikro zu sehen. „Ich steh’ mit einem Bein im Knast“, ruft er. „Vollidiot und Fick-Finger“ habe er gerade bei einem Konzert in der Heimatstadt zu Rechtspopulisten von Pro Chemnitz gesagt. Und von denen habe ihn einer dafür angezeigt. Egal – der Knast kann warten. Hier und jetzt ist erstmal Speicher. Und da geht der beherzte Deutschrap von Kraftklub aber mal so richtig ab.

Des berühmten Funkens, der sofort überspringt, bedarf es gar nicht erst: Fantastisch sägende Gitarrenriffs und ein Bassdrum-Dauerfeuer verleihen dem ausgeprägten Wortwitz der Band ein mitunter aberwitziges Tempo. Kraftklub-Mucke ist Schwerstarbeit – auch fürs Publikum, das sich an diesem Abend ebenso textsicher wie tanzfreudig zeigt. Apropos Arbeit: Der gesellschaftssatirische Ohrwurm „Sklave“ – der neueste Geniestreich der Gruppe, mit dem alle Arbeitgeber dieser Welt verhohnepiepelt werden – lässt nicht lange auf sich warten: „Hundert Jahre Vertragslaufzeit – ich will immer auf Arbeit bleiben... Lass mich dein Sklave sein!“. Felix und Till Brummer, Karl Schumann, Max Marschk und Steffen Israel ist der Spaß an ihrer Arbeit anzumerken. Sie hauen so ziemlich alles raus, was sie bekannt gemacht hat: von „Fenster“ („Spring aus dem Fenster für mich!“) über „Schüsse in die Luft“ bis hin zu „Randale“ in der Stadt: „Im Ernst! Glaub’ mir, Alter, du willst keinen Stress mit mir. Ich mach’ einen Anruf und schon ist meine Schwester hier.“

Die singenden Loser („Ich komme aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby...“) sind extrem gut drauf, haben richtig Bock auf diesen „kleinen, knuffigen Klub“ mit dem großen Chor: „Ein schönes Gefühl, schon nach dem zweiten Song durchgeschwitzt zu sein“, kokettiert der Leadsänger mit den Ausdünstungen der engen Location. Wahrlich „Keine Nacht für niemand“ in Husum – aber eine, die nicht so schnell vergessen wird, wer hautnah dabei war. Bis zum Schlussakkord, den „Songs für Liam“, an denen auch der selbsternannte König von Deutschland Rio Reiser seine Freude gehabt hätte: „Und wenn du mich küsst, dann ist die Welt ein bisschen weniger scheiße...“. Brachial-Romantik. Kraftklub eben.

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