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Festival-Auftakt : Bis an die Grenzen des Puppenspiels

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mit dem Stück „Wunderkammer – Betrachtungen über das Staunen“ eröffnen Alice T. Gottschalk, Raphael Mürle und Frank Soehnle am Freitag, 18. September, das 32. Internationale Figurentheater-Festival in Husum.

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erstellt am 16.Sep.2015 | 09:00 Uhr

Was für ein Auftakt! Der Pforzheimer Raphael Mürle gehört zu den Urgesteinen des Internationalen Figurentheater-Festivals und trat in Husum schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit seiner Examensarbeit als Puppenspieler auf. Doch die preisgekrönte Inszenierung „Wunderkammer“, für die er sich mit zwei Kollegen zusammengetan hat, sprengt die Grenzen des Figurentheaters gleich in mehrfacher Hinsicht. In einem Experiment mit offenem Ende, das Theater mit Elementen der Bildenden Kunst verbindet, lotet das Trio die Möglichkeiten des Marionettenspiels aus und nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise des Staunens (Freitag, 18. September, 20 Uhr, in der Aula der Hermann-Tast-Schule).

 

Die „Wunderkammer“, mit der Sie, Alice Therese Gottschalk und Frank Soehnle das diesjährige Figurentheater-Festival eröffnen, trägt den Untertitel „Betrachtungen über das Staunen“. Worum geht es dabei?

Mürle: Es geht um die Faszination der Marionette, also der Figur am Faden, die auch heute in unserer hochtechnisierten Welt nichts von ihrer Magie verloren hat. Im Gegenteil, ihr Spiel versetzt sowohl uns Spieler als auch die Zuschauer immer wieder in Erstaunen.

Sie haben ja schon immer gern experimentiert. Ich denke da nur an Ihre Abschlussarbeit zu Franz Kafkas „Gruftwächter“, mit der Sie vor annähernd 30 Jahren in Husum debütierten. Immer wieder suchten sie dabei auch die Verbindung zu anderen Künsten. Aber in der „Wunderkammer“ gehen Sie noch einen Schritt weiter, oder?

Zunächst war es ein tolles Angebot der Kollegen, im Trio an dem Thema und den Möglichkeiten der Marionette zu arbeiten. Wir waren ja alle drei Schüler des berühmten Marionetten-Virtuosen Professor Albrecht Roser. Jeder von uns hat seine Erkenntnisse und Erfahrungen über diese Figuren-Art eingebracht und im Team weiterentwickelt. Dadurch sind wir zu wunderbaren Ergebnissen gelangt. Aber auch die Zusammenarbeit mit dem Musiker Bradley Kemp und seinen maßgeschneiderten Kompositionen haben uns ungeheuer inspiriert.

 

Sie sprechen vom Zusammenhang aller Dinge, der Einheit von Geschichte, Kunst, Natur und Wissenschaft. Das ist brandaktuell. Nobelpreisträger Paul Crutzen hat unserer Zeit den Namen Anthropozän, Menschenzeitalter, gegeben, weil wir nicht mehr nur Teil der Natur sind, sondern diese von Grund auf manipulieren. Unsere Entscheidungen haben Einfluss auf die Zukunft des gesamten Planeten: Klimawandel, Energiewende und Umweltverschmutzung sind dafür nur drei von vielen Begriffen. Ist das auch ein Teil Ihrer Botschaft?

Eigentlich geht es um ein ganzheitliches Sehen und Erleben. Die Marionette ist nicht nur eine mechanische Figur mit vielen Gelenken, sie ist auch ein Emotionsträger, sie steht außerdem in Beziehung zu einem Kunstraum und strahlt etwas Geheimnisvolles oder Magisches aus. Wenn man so will, spricht sie alle Sinne des Menschen an – und wenn der sich darauf einlässt, wird er sich in einer anderen Welt wiederfinden.

 

Das Ganze ist ja auch für Sie ein Forschungsprojekt. Sie reizen Grenzen und Möglichkeiten des Marionettenspiels aus. Ein Experiment, an dem Puppenspieler aus aller Welt mitwirken können. Ist diese Vernetzung, dieser Austausch mit Kollegen, ein zusätzlicher Anreiz?

Ja, wir stehen da noch am Anfang. Wir hatten im vergangenen Jahr ein sehr schönes Projekt in Connecticut (USA). Wir konnten 20 Teilnehmer in unsere Arbeitsweise einführen und mit Ihnen das Werkstattprojekt „Wunderkammer Vol 2“ zur Aufführung bringen. Wichtig dabei ist, dass das Material – in diesem Fall die Marionette – den Spieler führt und nicht umgekehrt.

 

Wie sehr die Dinge ineinander übergehen, zeigt sich auch im Zusammenwirken von Marionette und Mensch. Manchmal hat man tatsächlich den Eindruck, die Figuren spielten mit den Menschen und nicht umgekehrt. Wie stark kann die Botschaft des Puppenspiels noch sein – in Zeiten fortschreitender Virtualisierung?

Die einzigartige Magie, die von den Figuren ausgeht und uns in Staunen versetzt, ist nur live und in 3-D wirklich nachzuvollziehen und wird deshalb jede Digitalisierung und Virtualisierung unserer Welt überdauern. Ich glaube, das ist überhaupt das Interessanteste am Figurentheater. Inwieweit führt die Figur den Spieler. Wir haben in der „Wunderkammer“ ein paar Szenen, wo wir zu dritt eine Figur spielen. Dabei ist die Figur so dominant, dass der Zuschauer das Gefühl bekommt, wir Spieler wären nur gelegentliche Zuarbeiter für eine Szene, die scheinbar wie von selbst abläuft.

 

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