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Pro Familia : Beziehungs-Tüv statt Rache-Kalender

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Diplom-Pädagoginnen Irmgard Hoenck und Angela Reinhard von Pro Familia beraten Menschen aus dem gesamten Kreis Nordfriesland.

Angela Reinhard (49) und Irmgard Hoenck (62) empfehlen ihn: den Beziehungs-Tüv. Die Diplom-Pädagoginnen wissen warum. Sie sind die Fachfrauen in der Einrichtung Pro Familia, die es seit 28 Jahren in Husum gibt. Und die Beratung von Paaren ist einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit.

Die beiden Frauen teilen sich eine volle Stelle. Zu ihnen kommen Menschen aus dem ganzen Kreisgebiet, um sich in allen Lebensfragen – dazu gehört bei Pro Familia auch das Thema Sexualität – beraten zu lassen. Im vergangenen Jahr waren es knapp 500. „Wir fassen den Familienbegriff sehr weit. Bei uns sind auch Alleinerziehende willkommen“, merkt Irmgard Hoenck an. Dass jemand jahrelang die Beraterinnen aufsucht, sei eher die Ausnahme, berichten Reinhard und Hoenck im Gespräch. „Wir bieten aber auch übergangsweise Hilfe an, wenn noch kein Therapieplatz gefunden ist.“

Zurück zum Beziehungs-Tüv: Hoenck und Reinhard raten dazu, sich öfter grundlegend über die Partnerschaft auszutauschen. Aneinander vorbei oder gar nicht miteinander zu reden, oder nur über die Organisation des Alltags, sind bereits Kommunikationsprobleme, die sich irgendwann auch auf den körperlichen Bereich auswirken, wissen sie. Irmgard Hoenck unterstreicht, dass sich bei Beziehungen nichts von allein regele. „Liebe muss gepflegt werden.“ Bereits zwei bis drei Kränkungen würden für Abstand zum anderen sorgen – „wir tragen alle einen kleinen Rache-Kalender in uns“.

Wichtig sei es, sich feste „Qualitätszeiten“ für die Partnerin, den Partner oder die Kinder zu nehmen, „um zu reden und etwas zusammen zu unternehmen“. Hoenck: „Leider gibt es in der Schule noch nicht die Fächer Kindererziehung und Beziehungspflege.“ Sie und ihre Kollegin erfahren bei ihrer Arbeit häufig, unter welchen Druck viele Menschen stehen: „Wir haben im Job viel zu leisten – und das führt zu Stress, der sich auch auf unsere Beziehungen auswirkt. Wir müssen funktionieren und kommen dadurch weniger ins Fühlen.“ Irmgard Hoenck: „Wir würden es toll finden, wenn Paare nicht erst fünf vor zwölf zu uns kommen.“ Ist eine Trennung dennoch unvermeidbar, kann Angela Reinhard mit ihrer Kompetenz als Mediatorin ein Paar begleiten, damit alle Angelegenheiten auf faire Weise geklärt werden.

Die Frage, ob sich eher Frauen bei Pro Familia melden würden, verneint Angela Reinhard. „Das hat sich verändert. Es rufen auch viele Männer wegen eines Termins an.“

Eine Aufgabe bei Pro Familia, die über das schleswig-holsteinische Sozialministerium finanziert wird, ist die Schwangerschaftskonfliktberatung, die vor einer Abtreibung erfolgt sein muss. Angela Reinhard: „Gegen den Bundestrend hatten wir 2016 mit 134 Frauen im Alter zwischen 14 bis 50 Jahren weniger Beratungen in diesem Bereich, obwohl auch zu uns verstärkt Flüchtlingsfrauen kommen.“ Sie betont, dass offen und „ohne erhobenen Zeigefinger“ über das Thema gesprochen werde. Irmgard Hoenck weiß, dass viele mit einem „relativ starken Nein“ kommen würden und manche „dramatische Entscheidungsprobleme“ hätten.

Mit Blick auf Mädchen und junge Frauen sagen beide unisono, dass diese über Verhütung nicht unbedingt aufgeklärter seien und sich „viel zu früh“ sexualisieren ließen. Es gehe darum, Mädchen stark zu machen, damit sie lernten, Grenzen zu setzen. Und das Märchen vom Prinzen auf dem weißen Pferd sei immer noch aktuell    .  .  . Sexualpädagogische Veranstaltungen – beispielsweise für Schülergruppen oder angehende Erzieher – würden über das Flensburger Team von Pro Familia auch in Husum angeboten. Und über den Mädchentreff in Trägerschaft des Landesverbandes finden Jugendfilmtage und Schulkinowochen statt.

„Verhütung ist ein Menschenrecht“, findet Angela Reinhard. Sie hofft, dass ein dreijähriges Modellprojekt des Bundes, das im Herbst 2016 in sieben Städten angelaufen ist, zu dem Ergebnis führt, dass die Kosten für Verhütungsmittel gegebenenfalls übernommen werden. „Lübeck ist die einzige Stadt in Schleswig-Hostein, die ausgewählt worden ist – wir hatten uns auch beworben.“


Eine telefonische Anmeldung bei Pro Familia im Husumer Schlossgang 8 ist unter 04841/3671 montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr sowie montags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr möglich (E-Mail-Kontakt: husum@profamilia. de). Eine Telefonsprechstunde wird montags von 12 bis 13 Uhr angeboten. Die Husumer Einrichtung finanziert sich über die Beratungshonorare, die einkommensabhängig erhoben werden. Vom Kreis Nordfriesland und der Stadt Husum gibt es jährlich jeweils 1500 Euro und vom Amt Viöl 50 Euro.

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