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Über 140 Jahre alt : Betagter Wagenheber für Schiffe

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Trockendock auf dem Gelände des LKN-Bauhofs ist in seiner Art einzigartig und hat noch lange nicht ausgedient. Im Gegenteil: Pro Jahr werden dort zwischen 25 und 35 „schwimmende Einheiten“ eingedockt.

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erstellt am 27.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Es ist 70 Meter lang und 33 Meter breit „und doch nur ein Werkzeug“, sagt Rüdiger Schultz augenzwinkernd. Aber eines, das nahezu jeder Husumer kennen dürfte – soweit er regelmäßig zum Dockkoog hinausfährt. Und als Werkzeug sehen es wohl auch nur diejenigen an, die ständig darin arbeiten. Wie Rüdiger Schultz. Beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN) ist er als Abteilungsleiter für die Instandhaltung und den Dockbetrieb zuständig. Dazu gehört – wie der Name schon sagt – auch das alte Trockendock auf dem Gelände des Bauhofs in der Dockkoogstraße 4. Dort herrscht zur Zeit rege Betriebsamkeit. Und das hat seinen Grund. „Wenn der Sommer dem Ende entgegengeht, dann ist hier Hochsaison“, berichtet Schultz.

Soll heißen: Wenn die Zahl der Arbeitsstunden draußen im Nationalpark Wattenmeer abnimmt, geht sein Team daran, sämtliche Geräte und Fahrzeuge, die zu Küstenschutz-Zwecken eingesetzt werden, zu durchleuchten und nötigenfalls zu reparieren. Dazu gehören natürlich auch die „schwimmenden Einheiten“ des Landesbetriebs. Klingt verklausuliert, dient aber nur der Unterscheidung – etwa zwischen Schiffen und Schuten; auch wenn im Trockendock am Ende alle gleich sind.

Das Dock selbst steht übrigens – wie das gesamte Gebäude-Ensemble des Bauhofs – unter Denkmalschutz. Doch das bereitet Schultz – anders als so manchem Eigentümer geschützter Bausubstanz – keinerlei Kopfzerbrechen, denn „dieses Denkmal lebt“. Und wie? Konkret liegen derzeit acht „schwimmende Einheiten“ in dem Gemäuer aus Kaisers Zeiten, der es in den Jahren 1874 bis 1877 errichten ließ. Sein Zweck ist bis heute weitgehend gleich geblieben. Ende vorvorigen Jahrhunderts stand es unter der Regie des kaiserlich-preußischen Marschenbauamtes, heute unter der des LKN. Und auch wenn dessen Zuständigkeiten inzwischen sehr viel weiter gefasst wurden, sind es im Kern noch immer dieselben. „Unsere Aufgabe ist es, die Beschiffbarkeit des Hafens und den Küstenschutz zu gewährleisten“, sagt Schultz. Na ja, und noch so einiges mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Einzigartige am Husumer Trockendock ist neben seinem Alter die Art der Konstruktion. „Wir hatten mal einen japanischen Wissenschaftler hier, der speziell über solche Bauwerke aus der Kaiserzeit geforscht und uns glaubhaft versichert hat, dass unser Dock europaweit – wenn nicht weltweit – einzigartig ist“, berichtet Schultz. Der Boden besteht aus Klinkern, die auf Heidekraut gesetzt wurden, darunter befindet sich Kleiboden. Die Schiffe selbst ruhen nicht auf Betonklötzen, sondern auf Pallen, die 80 Zentimeter aus dem Boden ragen und ihrerseits auf 120 Pfählen von 16 bis 18 Metern Länge gelagert sind.

Die eigentliche Besonderheit ist aber wohl, dass es sich um ein Gezeitendock handelt. Mit anderen Worten: Dieser „Wagenheber für Schiffe“ (Schultz) füllt sich mit der Tide und wird bei Ebbe wieder geleert. „Das hat Vor- und Nachteile.“ Die je neun Tonnen schweren Stemmtore sind nur manuell zu öffnen und zu schließen. Dafür hält der Wasserdruck sie automatisch zu. Zudem muss das Wasser – anders als in modernen Docks – nach dem Eindocken nicht wieder herausgepumpt werden. „Und aufgrund der besonderen Konstruktion können wir sechs bis acht ,Einheiten‘ gleichzeitig eindocken“, sagt Schultz. „Das schafft nicht einmal die Husum Dock und Reparatur GmbH & Co. KG.“

Das Zauberwörtchen im Positiven wie Negativen lautet „manuell“. Weil das Dock nicht wie eine feste Wanne, sondern – wegen seines durchlässigen Klinkerbodens – wie ein feines Sieb angelegt ist (Schultz spricht scherzhaft von „unserem Feuchtbiotop“), können Farben zum Beispiel nicht gespritzt, sondern müssen umweltgerecht per Hand aufgetragen werden. Und was nach einer Eindockung übrig bleibt, bedarf ebenfalls der Entsorgung durch Muskelkraft.

„Das Dock ist da – und deswegen wird es auch benutzt“, sagt Schultz zur Frage der Wirtschaftlichkeit. Für 2017 erwartet er 35 Dockvorgänge und macht folgende Rechnung auf: Ein Tag im Dock kostet zirka 1.000 Euro. 150 Tage im Jahr wären demnach 150.000 Euro. In die Dock-Sanierung wurden von 2014 bis 2016 rund 200.000 investiert. „Die hatten wir also schnell wieder raus.“ Das gilt erst recht, „als wir das Personal ja ohnehin bezahlen“, sagt Schultz.

Allerdings sind auch dem alten Trockendock Grenzen gesetzt. So beträgt die maximale Durchfahrtbreite 9,80 Meter, die maximale Tragfähigkeit pro Schiff 380 Tonnen und der maximale Tiefgang 1,80 Meter. Aber auch das hat sich bislang noch nie als ernsthaftes Problem erwiesen. Und jenseits aller Zahlen ist das Dock vor allem eine Augenweide. Kein Wunder also, dass auch die „Norddeutschen Realisten“ immer mal wieder vorbeischauen und es malen. Ein lebendiges Denkmal eben.

 

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