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Ort der Inspiration : Besonderes Künstlerhaus steht in Aventoft

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Aventoft war sein Ort der Inspiration: Der bekannte Berliner Maler Rolf Dietrich Schmidt (1929 bis 1989) schuf einen Großteil seiner Werke in dem früheren Küsterhaus des Dorfes, das er erworben hatte. Das soll nun zum Gedenken an ihn saniert werden.

„Komme gleich wieder“ – ein Zettelchen mit dieser oder ähnlich lautender Nachricht würde keinen Besucher verwundern, der das ehemalige Küsterhaus von Aventoft betritt, das in den 1970er- und 1980er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem Berliner Künstler Rolf Dietrich Schmidt (1929 bis 1989) als Ort der Inspiration diente. Die Pinsel stecken in Glasgefäßen neben einer Dose Terpentin, die Farbtuben liegen griffbereit auf dem Ateliertisch und die Farbpalette wirkt so frisch aufgetragen, als hätte der Künstler kurz mal das Haus verlassen, um nach Niebüll zum Einkaufen zu fahren.

Dort – in der nordfriesischen Abgeschiedenheit, weit abseits des geschäftigen, quirligen Großstadtbetriebes – entstand ein Großteil seiner Werke, die von einer abstrakten, konstruktiven Form- und Farbgebung geprägt sind; Bilder, aber auch plastische Arbeiten, die Schmidt als „Raumbilder“ bezeichnete. Seit seinem frühen Tod 1989 hat sich kaum etwas verändert in dem Künstlerhaus, als sei die Zeit einfach stehengeblieben.

Seit geraumer Zeit ist das reetgedeckte Atelierhaus verwaist. Schmidts Witwe und langjährige künstlerische Begleiterin Ruth Schmidt-Hilbert war zum letzten Mal 2006 in Aventoft. „Die Reise dorthin fällt mir wegen altersbedingter körperlicher Defizite zunehmend schwer“, sagt die
88-jährige Berlinerin gegenüber unserer Zeitung und fügt mit einem Unterton der Wehmut hinzu: „Außerdem würden dann zu viele Tränen rollen.“ Damit spielt sie auf die gemeinsamen Jahre in Nordfriesland an, die ihr als glückhaft in Erinnerung geblieben sind. „Aventoft bedeutet mir viel.“

Es war aber auch eine Phase der Herausforderung, gelegentlich sogar der Zweifel. Denn das mehr als 330 Jahre alte backsteinerne Küsterhaus, in das sich die Schmidts auf der Suche nach einem Rückzugs- und Inspirationsort spontan verliebt und sich 1973 für den Kauf entschieden hatten, war zum großen Teil marode und dringend sanierungsbedürftig, eine streckenweise zermürbende Aufgabe, die viel Zeit, Kraft und Finanzmittel erforderte. Die Mängel reichten vom Plumpsklo bis zu gefährlich korrodierten Elektroleitungen.

Die Richtung der Restaurierungs- und Ausbauarbeiten gab Rolf Dietrich Schmidt vor, der einstige Meisterschüler von Karl Schmidt-Rottluff, als Architekt in namhaften Berliner Planungsbüros beschäftigt. Freunde und Nachbarn packten mit an, vor allem seine Frau, die handwerkliche Talente entwickelte. Einen Brief an ihren Mann, der in Berlin gerade seinem Brotberuf nachging, unterzeichnete sie mit „Dein kleiner Polier Ruth“. Im Dachgeschoss wurde dem Maler und Architekten ein Atelier mit zwei lichtspendenden Gauben eingerichtet.

Im Aventofter Hausgarten entstanden unter den gestalterischen Händen seiner Frau farbenprächtige Blumenrabatten: „Mein Noldegarten: Rot, Weiß, Blau.“ Emil Noldes Seebüll liegt gerade mal fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Die leuchtenden Farben der Blüten übten auf Schmidt – wie Nolde ein Mensch der Farben – eine besondere Faszination aus. Denn, so der Maler: „Farben wirken auf mich wie ein Rausch. Wenn ich einen richtigen Farbton suche und mische – das ist so aufregend. Wenn ich dann den richtigen Ton gefunden habe, laufe ich durchs Atelier und bin wie berauscht.“

Rolf Dietrich Schmidt wollte Farben aus sich heraus wirken lassen – stilles Blau, helles Grün, sonniges Gelb. Mit ihnen komponierte er Werke, die meist von geometrischen Gestaltungselementen wie Kreisen, Dreiecken und Quadraten bestimmt waren und die er selbst als „konkrete Malerei“ charakterisierte. Dazu Ruth Schmidt-Hilbert: „Er spielte mit den Farben, erforschte ihre unterschiedliche Intensität.“ Die eingesetzten konstruktiven Formen auf der Fläche führten über das Relief zur Beschäftigung mit dreidimensionalen „Raumbildern“. „Aus den Kreisen wurden Kugeln, aus den Quadraten Würfel, denen er bestimmte Farben zuordnete.“

Schmidt hat ein beeindruckendes künstlerisches OEuvre hinterlassen, geschaffen im Wesentlichen in Aventoft. Es wird behütet von seiner Witwe, die es gelegentlich der Öffentlichkeit zugänglich macht, wie jüngst in der Berliner Galerie Petra Lange. Gezeigt wurden dort im Kabinett erstmals auch einige Werke Ruth Schmidt-Hilberts, die in Begleitung zu Rolf Dietrich Schmidt entstanden sind. Um auch das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende nordfriesische Refugium, das ihrem Mann und ihr selbst so viel bedeutete, zu bewahren, hat sie unter dem Dach der renommierten Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn die Rolf-Dietrich-Schmidt-Stiftung gegründet.

Während sich vor Ort der pensionierte Postbeamte Richard Ingwersen als Gewährsmann der Stiftung um Haus und Garten kümmert, arbeiten die Experten in Bonn an einem Sanierungs- und Nutzungskonzept mit dem Ziel, das Künstlerhaus langfristig zu sichern. Das Interieur mit Wohnbereich und Künstleratelier bildet in seiner Schlichtheit und Farbgestaltung nach Einschätzung der Fachleute die perfekte Ergänzung zu den einfachen, klaren Formen des traditionellen Reetdachhauses in der Fischerstraße. Gemeinsam mit den Bildern, Skulpturen und Zeichnungen verbänden sich diese Elemente zu einem Gesamtkunstwerk.

Wie Rolf Dietrich Schmidt und seine Frau Ruth in den 1970er-Jahren stehen jetzt professionelle Denkmalschützer vor der Aufgabe, dringend erforderliche Sanierungs- und Reparaturarbeiten am Gebäudeensemble vorzubereiten.

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