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Zeitzeuge bei Konzert vor 50 Jahren : Berlin: Als Rolling-Stones-Fans die Waldbühne zerlegten

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vor 50 Jahren gab es nach einem Konzert der Rolling Stones Krawall um die Berliner Waldbühne – der Struckumer Olaf Leitner spielte damals mit seiner Band im Vorprogramm.

Struckum/Berlin | Ruhig ist es bei Olaf Leitner zu Hause. Unweit der Bundesstraße 5 lebt der 72-Jährige im reetgedeckten ehemaligen Müllerhaus von Hannes Wader in Struckum. Nebenan steht die Mühle, auf einer Weide gegenüber grasen Pferde.

Keinen so ruhigen Tag hatte Leitner am 15. September vor 50 Jahren. Zusammen mit seinen „Team Beats Berlin“ stand er vor 22.000 Menschen in der Berliner Waldbühne, nach ihm kamen die Rolling Stones und danach nahmen die Zuschauer das komplette Areal auseinander. Gerade 22 Minuten hatten Mick Jagger, Keith Richards, Bill Wyman, Brian Jones und Charlie Watts auf der Bühne gestanden, da war ihr Konzert auch schon wieder beendet. „Zuerst klang das wie das Knistern eines Feuers“, erinnert sich Leitner an das Ende des Rolling Stones-Auftritts. „Doch dann bemerkten wir, dass es die Holzbänke waren, die da systematisch zerknackt wurden.“

„Als ein „Leckerbissen für alle Beatfreunde “ wurde das Konzert 1965 angekündigt.
„Als ein „Leckerbissen für alle Beatfreunde “ wurde das Konzert 1965 angekündigt. Veranstalter Foto: Veranstalter

Was war passiert? Leitners Team Beats waren eine von vier Gruppen, die das Vorprogramm der damals als „härteste Band der Welt“ angekündigten Stones bestritten. Eigentlich spielten er und seine Bandkollegen damals in Clubs zum Tanzen auf – „aber wir hatten so einen smarten, immer gut gekleideten Manager, der uns auch gut verkaufen konnte“, sagt er. „Der hat es dann irgendwie geschafft, uns im Vorprogramm unterzubringen.“

Niemand wusste an dem Abend so recht, was ihn erwarten würde. „Eine richtige Beat-Szene gab es damals in West-Berlin noch nicht“, sagt Leitner. Und auch die Veranstalter hatten wenig Erfahrung mit Konzerten in einer solchen Größenordnung. „Vorher dachte ich noch, danach könnte man ja vielleicht ein Bierchen mit denen trinken gehen“, erinnert sich Olaf Leitner. „Aber daran war danach nicht mehr zu denken.“ Bevor die Londoner die Bühne betraten, warteten die Team Beats geduldig in den Katakomben, um den berühmten Kollegen ganz nah zu sein. Doch die rannten nur vorbei – und rempelten den Organisten ihrer Vorgruppe dabei auch noch fast um. „Ich bin mir sicher, dass es Mick Jagger war“, erinnert sich Leitner und grinst. „Oder war es Brian Jones?“

1965 spielten die Rolling Stones zum ersten Mal in  der Berliner Waldbühne.
1965 spielten die Rolling Stones zum ersten Mal in der Berliner Waldbühne. picture alliance Foto: dpa

Die Stones begannen ihren Auftritt mit „Everybody needs somebody to love“, einer Coverversion des Soul-Sängers Solomon Burke, spielten unter anderem ihren in dem Jahr veröffentlichten Titel „Satisfaction“ und beendeten das Konzert nach acht Titeln, spielten keine Zugabe – und fuhren zurück in ihr Luxus-Hotel. „Der erste Fehler des Veranstalters war dann, dass er das Licht ausgemacht hat“, erinnert sich der heutige Struckumer, der zu dem Zeitpunkt auf einem der Ränge der Waldbühne stand. Und dann begann das, was der hauptberufliche Kulturjournalist wenige Wochen darauf im Berliner Telegraf als „Organisierten Krawall“ bezeichnete.

Zwischen sechs und acht Mark Eintritt hatten die 22.000 Zuschauer für diesen Abend bezahlt. Nachdem sie dafür nicht bekamen, was sie möglicherweise erwartet hatten, zerlegten sie zunächst die Waldbühne und machten dann in der S-Bahn weiter. Diese verkehrte zwar in West-Berlin, wurde aber von der DDR betrieben – und während die Rolling Stones wohl schon wieder im Flugzeug saßen, wurde das Konzert zum Politikum.

Schon im Vorfeld war die Veranstaltung nicht gut in den Medien weggekommen. „Fünf junge Männer, die die Haare länger tragen als Mädchen und eine erbärmlich einfallslose primitive Musik zum Besten geben“, schrieb damals beispielsweise die FAZ. Und besonders die Zeitungen des Springer-Verlags, die damals einen Großteil der Berliner Printmedien beherrschten, hatten ihren Spaß daran, die Stimmung schon Tage vor dem Konzert aufzuheizen. Und jetzt waren sie wieder weg, die Stones, und die Waldbühne war erst Jahre später wieder bespielbar.

Olaf Leitner in den 1960er Jahren (r.) mit seinen Team Beats.

Olaf Leitner in den 1960er Jahren (r.) mit seinen Team Beats.

Foto: Leitner

Leitner selbst hat sich danach nicht mehr zu sehr mit dem Konzert beschäftigt. Er wechselte beruflich vom Telegraf zum Radiosender RIAS, dem von der US-amerikanischen Militärverwaltung gegründeten „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, und fand seine Bestimmung dort weniger in der Beat-, mehr dafür in der DDR-Musikszene. „Anfangs hatte ich gar keine Ahnung, was drüben für Musik läuft“, erinnert er sich. „Und das war irgendwie nicht in Ordnung.“ Er fand einen Kontaktmann in Ost-Berlin, der ihn mit Platten von DDR-Bands versorgte und spielte sie im RIAS-Programm wohl zum ersten Mal im West-Radio. „Ich mochte die Musik. Und so konnte ich ein bisschen Missionar spielen“, sagt er. Mehr und mehr vertiefte er sich in die Szene und begann nach Büchern zu suchen. Doch die gab es nicht. Um das zu beheben, stellte der Rowohlt-Verlag für Leitner einen offiziellen Recherche-Antrag bei dem Außenministerium der DDR – und bekam eine Ablehnung.

Also ging es nur auf anderem Wege. Er suchte wieder Kontakt zu seinem Kollegen in Ost-Berlin, las Zeitschriften, sammelte im Laufe der Zeit mehr als 1000 Kassetten mit Aufnahmen aus dem DDR-Radio und schrieb auf, was er rausfinden konnte. 1975 begannen die Arbeiten, 1983 erschien „Rockszene DDR. Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus“.

Nach Struckum kam Olaf Leitner 1992, als Hannes Wader einen Käufer für sein Haus suchte. Und die Rolling Stones? Die spielten erst am 8. Juni 1982 ihr nächstes Konzert in der Berliner Waldbühne – die allerdings danach noch bespielbar blieb.

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erstellt am 16.Sep.2015 | 19:00 Uhr

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