Rechtsextremismus als Thema : Bericht eines Aussteigers

Gebannt lauschen die Schüler den Worten von Manuel Bauer.
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Gebannt lauschen die Schüler den Worten von Manuel Bauer.

Bei einem Aktionstag „Gegen Rechts“ der Hermann-Tast-Schule in Husum erzählte ein ehemaliger Neonazi über sein früheres Leben. Weiterhin gab es ein Theaterstück und Workshops.

shz.de von
13. Juni 2014, 12:00 Uhr

Es waren erschreckende Zahlen und schockierende Berichte, die die Schüler der Hermann-Tast-Schule auf dem Aktionstag „Gegen Rechts“ – organisiert von der zwölften Klassenstufe des Gymnasiums – zu hören bekamen. Das Vorbereitungs-Team hatte eine Umfrage in den achten und neunten Klassen durchgeführt und dabei erfahren müssen, dass 38 Prozent meinten, es gebe in Deutschland zu viele Ausländer. Vier Prozent wollten diese sogar kennzeichnen lassen. Und 17 Prozent gaben an, dass Ausländer im Bundestag nichts zu suchen hätten.

Gleich zu Beginn bekamen die 250 Schülerinnen und Schüler aus den achten und neunten Klassen das Theaterstück „Die Welle“ zu sehen. Unter dem Slogan „Stärke durch Disziplin und Gemeinschaftsgeist“ führt darin ein Lehrer ein Experiment durch, das völlig außer Kontrolle gerät. Das Experiment, das 1967 in Kalifornien tatsächlich stattfand, zeigte, wie schnell Schüler ihre Individualität aufgaben und kritiklos einem Anführer folgten. „Hätten die Schüler gleich klar gestellt, dass sie nicht mitmachen, wäre es nicht zu dem Drama gekommen“, so ein Mitglied der Theatergruppe. Doch die Geschichte habe gezeigt, dass der Wahn eines Einzelnen ein ganzes Volk in die Irre führen kann.

Zum Tagesprogramm gehörten auch zehn Workshops, bei denen es um das Thema Rechtsextremismus ging. Ein Vortrag klärte zunächst die Frage, was das eigentlich genau sei. Weitere Themen waren Rechtsextremismus und Musik, Frauen in der rechten Szene oder auch Rechtsextremismus und Fußball.

Erschreckende Informationen über den Aufbau und die Machenschaften von rechtsextremistischen Gruppen lieferte Manuel Bauer, ehemaliges NPD-Mitglied und Aussteiger aus der Szene. Der 35-Jährge aus Torgau in Sachsen klärt seitdem in Schulen auf und führt Lehrgänge bei Polizei, Justiz und Bundeswehr durch. Über sein früheres Leben hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel „Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene“.

Als Aussteiger sei er zwar vorsichtig, aber dennoch gelassen, sagte er. Was er dann aus seinem früheren Leben berichtete, verschlug den jungen Zuhörern die Sprache. Bauer hatte die „Wehrsportgruppe Racheakt“ geleitet und den „Bund Arischer Kämpfer“ gegründet. „Bis 2006 war ich in Sachsen ein gefürchteter Neonazi, der Feiern aufmischte und Ausländer zusammenschlug – bis mich meine Kameraden fallen ließen.“ Freunde habe er dann unter seinen früheren Feinden gefunden. Doch bis zu seiner Lebenswende habe er eine Spur von Gewalt und Zerstörung hinterlassen. Mit zehn Jahren sei er in die Szene geraten. „Und ab meinem 14. Lebensjahr war ich mindestens einmal im Jahr im Gefängnis.“ Den Workshop-Teilnehmern gestand er: „Ich hielt mich damals für einen Helden, dabei war ich ein großes Arschloch.“ Und angefangen hatte alles mit einer Musikkassette, die er von einem Schulkameraden bekam. „Musik wirkt emotional und stiftet zum Handeln an“, so seine Warnung.

In seinem Vortrag übernahm er Worte aus der Nazi-Szene, die so manchen Zuhörer erschaudern ließen. Um diese brutale Welt zu verdeutlichen, schilderte er einige seiner Straftaten. „Als 14-Jähriger hörte ich zum ersten Mal, wie eine Holzplatte auf ein Gesicht knallt – das war für mich ein schockierendes Erlebnis.“ Seine Angst habe ihn allerdings am Wegrennen gehindert. „Wenn ich das gemacht hätte, hätten mir die Kameraden die Fresse poliert.“ Sie waren es, die ihn dreizehn Jahre lang für Schläge, die er austeilte, immer belohnten. Selbst vor einer schwangeren Frau und seinen eigenen Eltern habe er nicht halt gemacht. „Heute tut es mir unendlich leid und ich bereue, was ich den Menschen angetan habe.“ Zu seinem Freundeskreis gehörten inzwischen viele seiner früheren Gegner, darunter Juden und Migranten. „Und ich bin froh, solche Freunde zu haben.“ Einige seiner Opfer, zu denen er Kontakt aufgenommen hatte, hätten seine Entschuldigung zwar angenommen. „Aber verzeihen konnten sie mir nicht.“

Am Ende zeigten sich alle tief betroffen und waren beeindruckt von dem gelungenen Aktionstag. „Ich hoffe sehr, dass wir es schaffen, diesen jährlich durchzuführen, damit das Thema konstant an unserer Schule im Gespräch bleibt“, so ein Teilnehmer.



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