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Husumer Nachrichten

19. Oktober 2017 | 00:20 Uhr

Beobachtungen vom Rande der Welt

vom

Neuer Band mit Erzählungen der Marschendichterin Thusnelda Kühl erschienen / Buchreihe damit abgeschlossen

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Oldenswort | "Wir haben das Projekt lange vor uns hergeschoben, doch jetzt ist es vollbracht", sagte der Vorsitzende der Tusnelda-Kühl-Gesellschaft, Günter Propfe, zur Vorstellung eines neuen Buches der Marschendichterin. Es enthält eine Sammlung ihrer beliebtesten Kurzgeschichten. "Das war eine Sisyphus-Arbeit über einen langen Zeitraum", erklärte er den Besuchern im Herrenhaus Hoyerswort. Damit habe man jetzt alles erfasst, was die Schriftstellerin, die viele Jahre in Oldenswort gelebt hatte, hinterlassen hat. Die Neuerscheinung aus dem vereinseigenen Verlag zeigt auf dem Einband eine Küstenlandschaft nach einem Gemälde ihres Bruders Carsten Kühl. Das Buch trägt den Titel "Am Rande der Welt".

"Das darf durchaus doppeldeutig verstanden werden", erklärte Prof. Dr. Arno Bammé. Der Grund: Thusnelda Kühl arbeitete in ihrem Heimatdorf abseits des Weltgeschehens und beschrieb in ihren Romanen häufig Menschen am Rande der Gesellschaft. Besonders wegen des regionalen Bezugs ihrer Eiderstedt-Romane sei die Dichterin auch als Soziografin anzusehen, stellte der Professor der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt fest. In ihren Werken beschreibe sie "dicht an der sozial historischen Realität" die Auswirkungen der Umbrüche in ihrer Umgebung infolge politischer Veränderungen und der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts. Als Lehrerin gewann sie viele Eindrücke von dem Leben in den Familien, denn: "Kinder sind Plaudertaschen." Im Gegensatz zu ihrem Oldensworter Zeitgenossen, dem Soziologen Ferdinand Tönnies, waren ihre Texte nicht wissenschaftlich fundiert, sondern mit viel Lokalkolorit konkret und lebensnah verfasst. Dadurch erfreuen sie sich bis heute anhaltender Beliebtheit.

Thusnelda Kühl gehörte zu ihrer Zeit zum Kreis von zehn Frauen aus Nordfriesland, darunter Franziska zu Reventlow, die als Autorinnen überregional bekannt wurden. Viele waren gleichzeitig Lehrerinnen, denn das war für "höhere Töchter" die einzige Möglichkeit, sich beruflich zu verwirklichen, solange ihnen der Zugang zum Gymnasium und zu Hochschule verwehrt war, so Bammé. Emanzipatorisch geprägt schrieb sie außerdem reine Frauenromane und Erzählungen.

Eine Kostprobe trug Bernd-F. Kraus vor. Die Geschichte "Mutter" schildert, wie eine Mutter ihren Sohn erwartet, der aus dem Krieg heimkehrt und dessen Zuneigung jetzt nicht mehr ihr, sondern einem Mädchen gehört. Mit viel Applaus dankten die Zuhörer dem Niebüller, der Mitglied des Vereins ist und sich auch im Bundesgaarder Archiv um den Erhalt norddeutscher Literatur kümmert. Ihm und dem Ehrenmitglied Prof. Bammé dankte Propfe für ihre Beiträge. Der Gast aus Österreich erhielt zudem für seine Mitwirkung bei allen Publikationen des 1992 gegründeten Vereins eine Farbradierung und ein Heft mit "Janosch"-Figuren, denn für die scheint er eine weitere Vorliebe zu haben, wie sein Brillen-Etui beweist.

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