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Fleischer in der Krise? : Beim Schlachter geht es um mehr als die Wurst

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Schlachter in Husum und Umgebung erklären, warum es bei ihnen nun auch vegetarischen Brotaufstrich gibt und wie sie sonst mit der wachsenden Konkurrenz durch Discounter umgehen.

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erstellt am 04.Mai.2016 | 08:00 Uhr

„Das war wie ein Schlag in die Magengrube, als ich das gelesen habe“, sagt Michael Jannsen, Obermeister der Fleischer-Innung Westküste: Das Insolvenzverfahren der Flensburger Traditionsschlachterei Claus Jepsen hat auch bei den Fleischermeistern in Nordfriesland Betroffenheit ausgelöst. Die Husumer Nachrichten haben sich umgehört, wie es den Schlachtereien in und um Husum geht.

Einheitlich beantworten ließe sich das für die rund 50 Betriebe nicht, die in seiner Innung vertreten werden, erklärt Jannsen. Doch viele Schlachtereibetriebe stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Fehlende Nachfolger, immer stärkere Konkurrenz durch Supermärkte und Discounter, und manch ein Meister sieht auch den rückläufigen Fleischkonsum kritisch. Doch obwohl die Zahl der Fleischereibetriebe landesweit in den vergangenen zehn Jahren um 100 geschrumpft ist, wie es vom Fleischerverband heißt, ist Jannsen optimistisch, dass sich der größte Teil der übrigen 140 Betriebe im Land halten wird. „Unsere Qualität und Regionalität wird immer Kunden finden“, ist er überzeugt.

Um etwaige Einbrüche im klassischen „Fleisch- und Wurst-Geschäft“ auszugleichen, erweitern viele Betriebe ihr Angebot. So wie Björn und Arne Kinsky: Zusätzlich zu den Fleischerei-Fachgeschäften der Bredstedter mit acht Filialen sowie zwei Verkaufswagen hat sich das Unternehmen mit einem kombinierten Party-Service und Zeltverleih und einem mobilen Imbiss- und Grillbetrieb breiter aufgestellt. 125 Mitarbeiter beschäftigt Kinsky Fleischwaren insgesamt. Die beiden Cousins betreiben ein ähnlich strukturiertes Familienunternehmen wie Jepsen in Flensburg.

Es habe ihm unheimlich leid getan, als er von der Insolvenz gehört habe, sagt Björn Kinskys Vater Wolfgang. Der ehemalige Geschäftsführer der Kinsky Fleischwaren GmbH hatte seinen Betrieb vor sechseinhalb Jahren in die Hände seines Sohns und seines Neffen übergeben, die diesen jetzt in dritter Generation führen. „Wir kaufen unser Vieh selbst, haben eine eigene Schlachtung, Zerlegung und Produktion unter einem Dach“, sagt Geschäftsführer Björn Kinsky. Mit dem Label „Qualität aus Nordfriesland“ habe sich das Unternehmen gut am Markt etabliert. Doch auch er weiß um die Risiken des Preisdrucks der Discounter: „Daher ist es umso wichtiger, die Qualität des Handwerks und die große Bedeutung der regionalen Herstellung immer wieder hervorzuheben.“

Etwas kleiner ist mit 20 Mitarbeitern das Fleischer-Fachgeschäft Nehlsen in Friedrichstadt. Auch an der Prinzenstraße wird noch selbst geschlachtet, weitere Filialen gibt es aber nicht mehr. Nehlsens Zusatzangebot, um das das Kerngeschäft erweitert worden ist: Das Unternehmen bietet Mittagstisch an und beliefert Schulen und Markttreffs, so Inhaber Frank Nehlsen. 1991 hatte er die Firma vom Vater übernommen, der sie 23 Jahre geleitet hatte. „Zu Zeiten meines Vaters gab es in Friedrichstadt noch sechs oder sieben Schlachter, vor zehn Jahren waren es drei. Heute sind wir die einzigen“, sagt Nehlsen. „Vor allem, wenn Kunden Beratung und Qualität suchen, kommen sie zu uns.“

Davon berichtet auch Fleischermeisterin Annika Claußen-Eggers, Inhaberin des Stadtschlachters Claußen mit Filialen in Husum und St Peter-Ording. Unter anderem der Boom der Fernseh-Kochshows habe den einen oder anderen (wieder) dazu gebracht, den örtlichen Schlachter aufzusuchen. Denn über die Fernsehköche würden die Menschen lernen, welche Vielfalt sie beim Metzger überhaupt bekommen können. Und auch sie setzt auf die Qualitäts-Karte: „Bei uns bekommen die Menschen Fleisch aus der Region, mit weniger Zusatzstoffen und viel kürzeren Transportwegen als bei den Produkten, die im Discounter angeboten werden.“ Ihrem Unternehmen, sagt Claußen-Eggers, die den Betrieb in dritter Generation führt, gehe es gut. Sie habe allerdings auch den Vorteil, dass sie Eigentum besitze und so um hohe Pachtzahlungen für die Husumer Filiale herum kommt. Um sich angesichts der bekannten Schwierigkeiten ihrer Branche und steigender Kosten weiterhin am Markt behaupten zu können, müsse ein Fleischereibetrieb am Puls der Zeit bleiben, ist sie überzeugt. Ihre Nische: „Das Thema Essen als Rundum-Paket begreifen.“ Heißt: In ihrem Geschäft gibt es beispielsweise Quiche für die Mittagspause, Salate oder auch vegetarischen Brotaufstrich. Denn auch Vegetarier kann und will der Schlachter heute bedienen. Zusätzlich bietet Claußen-Eggers Shopping-Möglichkeiten für Touristen: Neben selbst produzierten Fleischkonserven im Glas können sie bei ihr beispielsweise Porzellan, Servietten oder Gewürze kaufen. Solche Nischen zu bedienen sei sinnvoll, ist auch Innungs-Vorstand Michael Jannsen überzeugt. Und um das Standing des Schlachters generell sorgt er sich auch nicht. Die Krux sei nur: „Die Leute wissen schon, was sie an uns haben – sie kommen nur nicht immer zum Einkaufen zu uns.“

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