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Landwirtschaft im Spannungsfeld : Bauernhöfe statt Agrarfabriken

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Für die bäuerliche Landwirtschaft macht sich Agrar-Experte Eckehard Niemann stark. Der ehemalige Landwirt und frühere Berater der Hamburger Regierung sprach in Husum vor gut 150 Zuhörern. Es ging dabei auch um den geplanten Schweinemaststall in Simonsberg.

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erstellt am 16.Feb.2014 | 18:00 Uhr

Vor einer Verdrängung der bäuerlichen Landwirtschaft, wie wir sie kennen, und einem immer größeren Einfluss der Agrarkonzerne warnt Eckehard Niemann, Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Er sprach auf Einladung der Bürgerinitiative „Gute Luft für Finkhaus“ über die Probleme und Zukunftschancen der Landwirtschaft. Das Thema stieß auf großes Interesse, rund 150 Bürger waren in die Husumer Gaststätte Kielsburg gekommen. Der Saal war rappelvoll. Die AbL setzt sich für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft ein. Außerdem engagiert sich Niemann in dem bundesweiten Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“.

Die BI hatte sich Ende 2013 aus Protest gegen die geplante Erweiterung eines Mastschweine-Betriebs in Simonsberg gegründet. Geplant sind 2986 Mastplätze. Bewohner des benachbarten Wohngebiets sorgen sich um ihre Lebensqualität. Güllegestank, Keimbelastung, Gewässerverschmutzung und Tierwohl sowie ein Wertverlust ihrer Immobilien führen sie als Gegenargumente an.

Niemann ging sowohl auf den konkreten Fall ein, als auch auf die Nöte der modernen Landwirtschaft im allgemeinen. Er legte großen Wert auf eine sachliche Diskussion. Niemann riet dem Simonsberger Bauern davon ab, zu erweitern. Er werde nicht mehr verdienen. Seit zehn Jahren sei die Schweinemast ohne vernünftige Rentabilität, da es ein Überangebot gebe. Die Hoffnung liege im Export nach Russland und China. Doch Russland baue derzeit riesige Kapazitäten für die Selbstversorgung. In fünf Jahren werde dieses Ziel erreicht sein. Gleichwohl hatte er Verständnis für den Wunsch des Landwirts, zu wachsen, um seinen Betrieb zu erhalten. Niemann sah den Bauernverband und die Politik in der Pflicht. Sie müssten sich für Förderprogramme und ein Preiswachstum einsetzen. Sonst wären in zehn Jahren nur noch zehn Prozent der Landwirte vorhanden. Zu den von Hans Friedrichsen, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Husum-Eiderstedt, angesprochenen Weltmarktzwängen sagte Niemann, dass die deutschen Landwirte eh nicht mit der USA und Kanada konkurrieren können.

Der Experte ging auch auf eine mögliche Verhinderung der Erweiterung ein. Laut Novelle des Bundesbaugesetzbuchs vom September 2013 sind Schweineställe mit mehr als 1500 Plätzen nicht mehr landwirtschaftlich privilegiert, sondern gewerblich. Für sie ist ein Bebauungsplan notwendig. Die Gemeinde könne ablehnen, einen solchen aufzustellen. Sie müsse also prüfen, ob es eine bäuerliche oder gewerbliche Anlage sei. Dabei sei auch die langfristige Flächengrundlage des Betriebs zu bewerten. Pachtland müsste noch mindestens zwölf Jahre zur Verfügung stehen.

Er betonte die Bedeutung der Tierhaltungsform – auch für den Menschen. Denn nicht artgerecht gehaltene Schweine seien gestresst und damit anfällig für Krankheiten. Hier kommt dann Antibiotika ins Spiel. Derzeit seien die multiresistenten Keime noch ein Problem der Krankenhäuser und der Humanmedizin. Die in der Tierhaltung seien noch lange nicht so gefährlich. „Doch die Frage ist, wann verbinden sich die beiden?“ Zudem würde in manchen Betrieben bereits auf die Reserve-Antibiotika zurückgegriffen – also auf die Wirkstoffe, die eigentlich nur für ganz bestimmte Infektionen zugelassen sind. „Da braut sich etwas zusammen.“

Zum Stressabbau beim Schwein trägt das Stroh im wesentlichen bei, wie Niemann erklärte. Und so ist es ab 2016 in Deutschland in der Schweinehaltung vorgeschrieben. Ab 2016 ist ferner das Kupieren von Ferkelschwänzen verboten. Beides schreibe eine EU-Richtlinie seit 2004 vor.

Niemanns Fazit: „Eine Landwirtschaft, die nicht Anwohner verträglich ist, Antibiotika verwendet und der großen Masse der Landwirte Schaden zufügt, ist nicht zukunftsfähig.“ Er forderte eine Diskussion zwischen Bauern und Bürgern. Die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft sei gut, weil es eine kraftvolle Bürgerinitiativ-Bewegung gebe. Aber er mahnte beide Seiten, dabei stets sachlich zu bleiben.

 

 

 

 

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