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Bahn-Gipfel in Niebüll : Bahn-Verkehr zwischen zwischen Niebüll und Sylt soll bald wieder normal fließen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Lokomotiven verstärkt, Kupplungen repariert, Kommunikation zentralisiert: Probleme Punkt für Punkt abgearbeitet – und freie Fahrt für Berufspendler.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Ab Mitte November sollte die Krise im Nahverkehr auf der Marschbahn beendet sein: Dann werden alle 90 Waggons mit reparierten Kupplungen wieder fahren, und genügend Loks stehen ebenfalls zur Verfügung. Die zuständigen Unternehmen haben drei Loks mehr als geplant im Einsatz, um die Lücken auszugleichen, die durch die vier Wochen dauernde „Rollkur“ entstehen, der sich jede Lok unterziehen muss. Das berichtete Kreissprecher Hans-Martin Slopianka gestern nach dem Arbeitsgespräch, zu dem der Kreis nach Niebüll eingeladen hatte – und fasste alle weiteren Ergebnisse zusammen.

Alle Verantwortlichen in der vertraulich tagenden Runde waren der kurzfristigen Einladung gefolgt, um Probleme zu erläutern und Schlussfolgerungen
für die Zukunft zu ziehen: die Nah.SH GmbH, das Land Schleswig-Holstein, die Deutsche Bahn (DB) Regio, die zur Paribus Capital gehörende Northrail und der Lok-Hersteller Bombardier.

Auch Sprecher der Leidtragenden und Vertreter der Region waren erschienen: die Pendler-Initiative, der Verein Sylter Unternehmer, der Dehoga und die Gemeinde Sylt, das Amt Südtondern und die Stadt Niebüll sowie mehrere Abgeordnete des nordfriesischen Kreistages. Die Sitzungsleitung übernahm Burkhard Jansen, der Leiter des Fachbereiches Kreisentwicklung, Bau, Umwelt und Kultur des Kreises.

348 Tage Ersatzkonzept

Zu Beginn schilderte der Sprecher der Pendler-Initiative, Achim Bonnichsen, die sowohl menschlich als auch finanziell kaum zu ertragende Situation der Betroffenen und ihrer Familien am mittlerweile 348. Tag des Ersatzkonzeptes. Die Unternehmer Karl-Max Hellner und Claas-Erik Johannsen stellten die Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaftsbetriebe der Insel dar. Wie die betroffenen Urlaubsgäste langfristig reagieren werden, sei noch nicht absehbar.

Die Loks

Thomas Dönges von der Firma Bombardier erläuterte die technischen Probleme der Lokomotiven: Ihre jeweils vier Dieselmotoren haben sich weltweit in Baumaschinen und Bergwerken bewährt. Die Idee, sie auch in Lokomotiven einzusetzen, entstand aus dem Wunsch nach umweltfreundlicheren Diesel-Aggregaten, die in den Bahnhöfen weniger Abgase ausstoßen.

Erst im Betrieb auf mehreren Strecken in Deutschland stellte sich heraus, dass selbst vier hintereinander geschaltete Motoren den im Eisenbahnverkehr längeren Betriebsdauern und Belastungen nicht vollständig gewachsen sind. Die Folge waren Öl-Leckagen und defekte Zylinderkopf-Dichtungen. Ingenieure von Bombardier und dem amerikanischen Hersteller verbesserten die Motoren an den anfälligen Stellen. Die ersten Loks mit den so überarbeiteten Motoren laufen seit acht Monaten einwandfrei.

Bis September 2018 sollen alle 15 Lokomotiven der Marschbahn in der sogenannten Rollkur mit den überarbeiteten Motoren ausgestattet werden. Bis dahin halten die Unternehmen sicherheitshalber 18 Loks an der Westküste vor, um eventuelle Ausfälle der noch nicht überarbeiteten Maschinen ausgleichen zu können.

Die Kupplungen

Christoph Ströh von der DB Regio überbrachte die Botschaft, dass zurzeit zwölf und demnächst alle 15 Original-Züge der Marschbahn mit neuen Kupplungen wieder auf der Strecke sein werden. Das Gutachten zum Kupplungsproblem werde für Mitte November erwartet. Um absolut sicher zu gehen, werde die DB Regio für den Fall, dass neue Probleme auftreten, noch für einige Zeit 30 Ersatzwaggons an der Westküste bereithalten.

Das Gutachten soll Aussagen zur Haltbarkeit der neuen Kupplungen machen. Können sie, da sie alle gleich alt sind, wieder alle zur gleichen Zeit ausfallen? Auf diese Frage antwortete Christoph Ströh, die DB Regio werde – abhängig vom Ergebnis des Gutachtens – in der normalen Wartung mit dem Austausch beginnen, um eben dies zu verhindern.
 

Die Kommunikation

Heftig kritisiert wurde die über Monate hinweg mangelhafte Kommunikation zwischen Bahn und Pendlern. Unzureichende Auskünfte an den Bahnhöfen und deutlich verspätete Lautsprecher-Durchsagen entstanden insbesondere durch das teils hakelige Miteinander der verschiedenen Tochterunternehmen der Bahn AG.

Zugausfälle und Verspätungen wurden zu spät oder gar nicht gemeldet, so dass tausende Pendler ungezählte Stunden vergebens an den Bahnhöfen warten mussten. Ohne die von den Pendlern selbst betriebene Facebook-Seite wäre es noch schlimmer gewesen. Mittlerweile informiert die DB Regio die Pendler ohne Umwege ganz direkt. Trotzdem werde man weiter an dem Thema arbeiten, versprach Ströh.

Abfahrt: 4:31 und 5:31 Uhr

Christoph Ströh versicherte, dass die Züge, die sonnabends und sonntags um 4:31 Uhr und 5:31 Uhr ab Niebüll nach Sylt fahren, nicht gestrichen werden. Ein entsprechendes Gerücht sei durch eine fehlerhafte Angabe in der Internet-Datenbank der Bahn entstanden.

Nachmittags-Fernzug

Pendlerin Martina Schulz berichtete über einen Nachmittagszug des Fernverkehrs, den die Pendler laut einer Zusage des Landes nutzen dürfen, was ihnen durch Bahnpersonal allerdings mehrfach verwehrt worden sei. Nah.SH und DB Regio sagten zu, das Problem noch in dieser Woche zu lösen.

Lernen aus der Krise

Bernhard Wewers – der Geschäftsführer der Nah.SH ist ein erfahrener Experte – erklärte, dass die Probleme die größte Eisenbahn-Krise darstellten, von der er jemals gehört habe. Man habe viel daraus gelernt: Erstens werde in künftigen Ausschreibungen von Strecken mehr Ersatzmaterial gefordert. Zweitens müssen zwischen Niebüll und Sylt mehr Trassen freigehalten werden, um kurzfristig reagieren zu können. Drittens muss die Strecke langfristig zweigleisig ausgebaut werden. Achim Bonnichsen forderte, in Niebüll ständig einen kompletten Ersatzzug mit Lok und zehn Waggons bereitzuhalten, um künftige Ausfälle sofort ausgleichen zu können.

Ersatz für Lohnausfall

Nach der Sitzung erläuterte Burkhard Jansen Pendlern, die mit Trommeln und Plakaten vor dem Gebäude demonstrierten, die Ergebnisse des Gespräches. Mit großem Nachdruck forderten die Pendler Schadenersatz des Landes für ihre in den letzten Monaten ausgefallenen und deshalb auch nicht bezahlten Arbeitsstunden ein. Sie kündigten an, diese Forderungen auch in der Einwohnerfragestunde zu stellen, die der am 27. November um 10 Uhr im Husumer Kreishaus beginnenden Sondersitzung des Kreistages vorausgehen wird. Landesverkehrsminister Dr. Bernd Buchholz hat seine Teilnahme zugesagt.

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