Kreis Nordfriesland : Ausgrabungen in Viöl: Wikingerfund begeistert Archäologen

Vorder- und Rückseite der Scheibenfibel.
Vorder- und Rückseite der Scheibenfibel.

Bei Bauarbeiten in einem Hinterhof wurden Reste eines Grubenhauses aus der Wikingerzeit entdeckt.

shz.de von
23. Januar 2018, 13:00 Uhr

Viöl | Was hier gefunden wurde, ist ein wahrer Leckerbissen für alle, die sich für Geschichte interessieren: Bei einer archäologischen Voruntersuchung in Viöl (Kreis Nordfriesland) wurden Reste eines Grubenhauses aus der Wikingerzeit entdeckt. Grund für die Untersuchung sind die Vorbereitungen auf das Bauvorhaben „Ortsmitte“. Und so kam es, dass Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig Holstein (ALSH) auf einem Hinterhof des Grundstücks im Kirchenweg 1 die Reste des knapp fünf mal fünf Meter großen Grubenhauses freilegten.

Siedlungshäuser dieser Art sind ganz oder teils in die Erde eingelassene Gebäude, bei denen nur das Dach oder Teile der Wände aus dem Boden ragen. Das Haus und die bei der Freilegung gesicherten Keramikreste sowie Handwerkszeug, Fragmente von Mayener Basalt und eine Schmuckbrosche ähneln laut Dr. Stefanie Klooß von der Oberen Denkmalschutzbehörde am ALSH den in Schuby gesicherten Siedlungsbefunden: „Neben der Gefäßkeramik, die bei Ausgrabungen fast überall auftaucht und für die Datierung von großer Bedeutung ist, sind für uns die Webgewichtsbruchstücke und die Spinnwirtel sehr interessant. Die Funde charakterisieren das Grubenhaus als wikingerzeitliche Spinnstube. In der Vorgeschichte war die Textilherstellung ein aufwendiges Handwerk.“

Auf einem Hinterhof im Kirchenweg 1 wurden historische Funde gesichert.
Heinrich Jensen
Auf einem Hinterhof im Kirchenweg 1 wurden historische Funde gesichert.
 

Die Vermessung des Grubenhauses erfolgte durch die Archäologin Doris Köther. Unter ihrer Aufsicht wurde in einer Ecke eine aus hochkant gestellten, unbearbeiteten Feldsteinen konstruierte Feuerstelle freigelegt. „Einige im Boden befindliche, runde Vertiefungen könnten von Sitzschemeln stammen, deren Beine sich in den weichen, sandigen Untergrund gedrückt haben“, so ihre Vermutung.

Das Gelände rundum ließ sie mit Metalldetektoren absuchen und den Aushub sorgfältig sieben. Dabei kam besagte Gefäßkeramik zutage, die sich aufgrund der Randformen in die Zeit um 1000 beziehungsweise ins 10. Jahrhundert datieren lässt: „Die Scherben aus Irdenware variieren in der Farbe zwischen hell-cremefarben, und rötlich bis bräunlich. Die Ware wurde mit Steingrus gemagert, die Oberflächen sind glatt abgestrichen, jedoch nicht geglättet. Das Typenspektrum wurde noch nicht analysiert, es handelt sich vermutlich um zum Teil handgefertigte Koch- und Vorratsgefäße“, schreibt Doris Köther in ihrem Bericht.

Reste von Gefäßkeramik.
Archäologischen Landesamtes Schleswig Holstein
Reste von Gefäßkeramik.
 

Groß war auch die Begeisterung, als eine Scheibenfibel aus Bronze geborgen wurde. Broschen dieser Art waren in der Wikingerzeit begehrte Schmuckstücke. „Die runde, leicht gebogene Fibel ist ein Nachguss einer Terslev-Fibel und mit ziemlicher Sicherheit eine kostengünstigere Variante der damals sehr beliebten Fibelform“, so die Archäologin, deren Team auch zahlreiche Bruchstücke von Webgewichten bergen konnte, außerdem ein Kugelzonengewicht aus Blei, mehrere Spinnwirtel (Handspindeln) und ein eisernes Messer.

Vor allem die Lage des Grubenhauses in unmittelbarer Nähe zur Kirche scheint bemerkenswert zu sein: Das Gotteshaus stammt aus dem 11. Jahrhundert. Ein Vorgängerbau ist nicht bekannt, und die Friedhöfe aus dem 10. Jahrhundert lagen auch nicht zentral in der Siedlung, sondern außerhalb. „Daher“, so Doris Köther, „liegt die Vermutung nahe, dass in der Nutzungszeit des Grubenhauses um 1000 nach Christus noch kein Friedhof und möglicherweise auch noch keine Kirche in dieser auffällig nahen Nachbarschaft bestanden haben.“ Sie geht davon aus, dass auf den benachbarten Grundstücken ähnliche Siedlungsspuren anzutreffen sein werden.

Auf das geplante Bauvorhaben werden die Funde aber keinen Einfluss haben: „Die Bauplanungen können weiter fortgeführt und umgesetzt werden. Zum Friedhofswall wird gemäß Absprache mit der Denkmalschutzbehörde des Kreises Nordfriesland ein gebührender Abstand eingehalten“, sagt Viöls Bürgermeister Heinrich Jensen, der bei den Ausgrabungen zeitweise dabei war und begeistert über die unerwarteten Funde ist.

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