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Kontrolliertes Brennen in Lütjenholm : Aus Zerstörung wächst neues Leben

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Spezialisten haben gestern im Naturschutzgebiet Lütjenholmer Heidedünen kontrolliert 1,4 Hektar abbrennen lassen. Die Heidelandschaft soll so verjüngt werden.

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erstellt am 05.Apr.2017 | 11:00 Uhr

„Es klingt paradox, aber aus Vernichtung entsteht neues Leben“, sagt Alex C. Held von „working on fire“. Der 42-Jährige aus Freiburg ist eigentlich Förster. Nach seinem Studium hat er sich auf das breitgefächerte Feld der Feuerökologie spezialisiert. Gemeinsam mit seinem aus den USA stammenden Kollegen Lindon Pronto (28) von „Global Fire Monitoring Center“, der etwa sieben Jahre lang in Kalifornien Brände gelöscht hat und seit zweieinhalb Jahren in der Bundesrepublik lebt, legt der Spezialist heute hier im Naturschutzgebiet Lütjenholmer Heidedünen Feuer – ganz legal und zu einem guten Zweck. Denn was wie Brandstiftung aussieht, dient der Verjüngung der Heide und ersetzt unter anderem die schon lange nicht mehr praktizierte Beweidung der Heidelandschaft. Alex Held: „Durch diese Störung erhält sie eine neue Dynamik und neue Struktur.“ Es sei für die Heide wie ein Neustart. Die oberirdische Vegetation verschwindet, ebenso die Moospolster, die überall zu finden sind, wo kein Licht hinfällt. Zum Keimen braucht die neue Heide viel Licht, bekommt einen neuen Anschub.

Den Nutzen unterstreicht auch Antje Walter (Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, Molfsee). Sie ist verantwortlich für die Durchführung der Brennung und hat die Organisation übernommen. „Geplant hatten wir diese Maßnahme schon 2011.“ Nun ging alles ganz schnell. Nur wenige Tage hatte sie dafür Zeit, die Spezialisten aus Freiburg zu holen, die Maßnahme mit den Landeigentümern (dazu gehören neben dem Kreis Nordfriesland auch Privatpersonen) abzustimmen, deren Genehmigungen sowie die von Seiten der Naturschutzbehörden einzuholen, Rettungsleitstelle, die Gemeinde Lütjenholm, die örtliche Feuerwehr, die Polizei Bredstedt und das Ordnungsamt zu informieren.

Das Wetter muss mitspielen. Heute ist es ideal. Und auch die Jahreszeit – der ausgehende Winter – stimmt. Alex Held: „Die Heide ist trocken, Bodenbrüter gibt es noch nicht, und die Organismen befinden sich noch im Winterschlaf.“ Aus Erfahrungen im In- und Ausland weiß der Experte, wie „erstaunlich schnell sich die Tierwelt anpasst“. Schon nach wenigen Minuten kehre auf den ausgebrannten Boden Leben zurück.

Dann ist es soweit. Angesetzt sind insgesamt vier Stunden. In dieser Zeit werden drei Inseln mit einer Gesamtfläche von etwa eineinhalb Hektar (insgesamt ist das Areal etwa 36 Hektar groß) entzündet. Entfacht wird das Feuer mit Brennstoffkannen, wie sie in Australien und den USA benutzt werden. Gefüllt sind sie mit einem Diesel-Benzin-Gemisch im Verhältnis von etwa 80 : 20. Held: „Es tropft über einen Brenner.“ Gemeinsam mit Lindon Pronto bedient Antje Walter die Brennstoffkannen, legt auf Anweisung Feuer, das sofort mit Wasser wieder eingedämmt wird. „Die Heide unten anzünden, nicht von oben her“, ruft Alex Held ihr zu. Antje Walter hat kein mulmiges Gefühl bei dem Zündeln: „Ich warte schon seit sechs Jahren auf diesen Moment. Ich freue mich darauf, wie es hier anschließend aussehen wird. Ich habe eine Hochachtung davor, was die Experten leisten, aber Angst, dass etwas passieren kann, habe ich nicht.“

Alex Held gibt ihr Recht: „Ich sehe es gelassen. Das Feuer kann nirgendwo hin.“ Rund um das Areal befinden sich Äcker und Gewässer. Dem Feuer ist zusätzlich mit von einem Traktor oder von Hand gezogenen Schneisen eine Grenze gesetzt. Schlimm sei nur, „wenn es nicht an der Schneise ausgeht“, so Held. Aber es werden immer nur kleine Bereiche angezündet – und genügend Wasser ist auch vor Ort. Die Freiwilligen von der Stiftung Naturschutz sind ausgerüstet, tragen auf ihren Rücken Wasserrucksäcke, die jeweils 20 bis 25 Liter fassen – und die dazugehörenden Spritzen. Mit Feuerpatschen werden die Flammen zusätzlich ausgeschlagen. Wasserreserven gibt es genug: Sie kommen aus zwei Wassertanks mit 400 und 600 Litern Fassungsvermögen. Außerdem ist auf dem Gelände ein Schlauch ausgelegt, der das Wasser aus einem nahen Gewässer zieht. Held: „Das Feuer wird sich nicht bis auf die letzten Glutnester löschen lassen. Aber das macht nichts. Morgen werden wir noch einmal zur Kontrolle hier sein, und sie ausgraben.“

Wertvolles Fachwissen liefert vor Ort Georg Hoffmann. Der 72-Jährige ist ehemaliger Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde Nordfriesland, hat unzählige Brände durchgeführt. „Seit neun Jahren ist es das erste Mal, dass wir wieder auf dem Festland brennen.“ Warum wird die einst gängige Praxis so selten angewandt? Den Grund dafür sieht Hoffmann in der Gesellschaft: „Angst, Vorbehalte – bei Verwaltungen, Behörden, Gemeinden und auch Feuerwehren.“ Er werbe für den Nutzen, doch kaum jemand wisse den Wert der Maßnahme einzuschätzen, beklagt er. „Das Rad muss immer wieder neu erfunden werden. Naturschutz interessiert heute kaum noch jemanden. Sie hat die geringste Lobby.“

 

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