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Betrugssucht vor Gericht : Aus lauter Sucht andere betrogen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Eine Angeklagte bot reihenweise Smartphones an und lieferte nicht eines aus. Das Gericht verlangt jetzt eine Therapie.

Da staunten selbst Richterin, Staatsanwältin und Verteidiger am Husumer Amtsgericht: Vor den erfahrenen Juristen saß eine 25-jährige Angeklagte, die aus lauter Sucht andere betrügt – und das schon über etliche Jahre. Mit diesem Phänomen kannte sich sichtlich keiner so recht aus.

Aktuell wurde ihr vorgeworfen, auf dem Online-Marktplatz Ebay unter anderem mehrere Smartphones im Wert zwischen 400 und 700 Euro sowie ein gebrauchtes Sofa angeboten und nie ausgeliefert zu haben. In jedem Fall hatten die Käufer gutgläubig ihr Geld überwiesen. In einem anderen Fall soll sie selbst ein Pferd gekauft, aber nie bezahlt haben.

Weil sie sich durch diese Aktionen nicht nur vorübergehend eine Einnahmequelle verschafft habe, klagte die Staatsanwältin sie wegen gewerbsmäßigen Betruges an. Sie machte deutlich, dass das Strafmaß dafür zwischen sechs Monaten und sieben Jahren liege, die Angeklagte also nicht länger damit rechnen könne, mit einer Geldstrafe oder Auflagen davonzukommen. Frühere Betrügereien im selben Muster waren nämlich nicht angeklagt, sondern gegen einen mit Auflagen verbundenen Strafbefehl eingestellt worden. So waren ihr mittlerweile 660 Stunden gemeinnützige Arbeit aufgebrummt worden, wobei allen im Saal klar war, dass die kaum in überschaubarer Zeit abzuleisten wären.

Auch ihre Familie begreift nicht so richtig, warum die Frau die Taten begeht. Dass sie sich bereichern wolle, wurde wegen des bürgerlichen Umfelds und der guten wirtschaftlichen Verhältnisse ausgeschlossen. Sie lebt mit ihrem Kind und einem Freund zusammen, der als Elektriker ein gutes Einkommen hat. Sie selbst jobbte schon als Kellnerin, Babysitterin und als Putzfrau. Mit Sozialleistungen, die sie bezieht, kommen die jungen Leute auf über 2000 Euro netto. Außerdem ist ihre Familie für manchen Schaden aufgekommen. Detailliert wurde aufgeschlüsselt, wann und bei wem Wiedergutmachungen geleistet worden sind. Ihr Eingeständnis, die Reue und der Ausgleich offener Forderungen – mit allem wollten sie und ihr Verteidiger deutlich machen, dass es hier eher um eine krankhafte Neigung denn um vorsätzliche Bereicherung gehe.

Geduldig erforschte das Gericht die Motive des fortgesetzten Betrugs. Die Angeklagte sagte, dass sie sich das selbst und ihren Angehörigen nicht erklären könne. Wegen psychischer Probleme sei sie in therapeutischer Behandlung. Und in der werde nun nach den tieferen Ursachen dieser Handlungsweisen gesucht.

Das deckt sich mit Auskünften von Suchtberatern, die unsere Zeitung im Nachgang zu dem Prozess um Erklärungen bat. Da es hier weder um süchtig machende Stoffe wie Alkohol oder Drogen noch um stoffungebundene Kauf- oder Spielsucht gehe, sei eher von Symptomen einer Krankheit auszugehen. Bei solchen Auffälligkeiten werde in der Regel zu einer psychosomatischen Behandlung geraten.

„Entscheidend ist, dass Sie nicht wieder straffällig werden“, betonte die Richterin, als sie das Urteil begründete. Die Angeklagte wurde zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis verurteilt – ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Die Zeit muss für eine Therapie genutzt werden. Die darf ohne Zustimmung des Bewährungshelfers und des Therapeuten nicht abgebrochen werden. Und die Zeit gemeinnütziger Arbeit wurde auf 150 Stunden herabgesetzt.

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erstellt am 08.Aug.2017 | 12:00 Uhr

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