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Besondere Mission : Aus Husum als Wahlbeobachter in die Türkei

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Husumer Ehepaar Marianne und Siegfried Carstensen reist als Wahlbeobachter für die Gesellschaft für bedrohte Völker in die Türkei. Bei ihrem letzten Einsatz erlebte Siegfried Carstensen eine Bombenexplosion mit.

Husum | In einer Seitenstraße lag eine Fahne der Demokratischen Partei der Völker (HDP) auf dem Weg – Siegfried Carstensen hob sie auf. Plötzlich wurde er von mehreren Soldaten gepackt. Geistesgegenwärtig sprach er sie auf Türkisch an und registrierte erst in diesem Moment, dass er vor einer Kaserne stand. Durch seinen Akzent wurde seinen Angreifern klar, dass sie es mit einem Ausländer zu tun hatten. „Das war mein Glück, sonst wäre ich sicher im Gefängnis gelandet. Sie ließen mich los – und ich bin schnell abgehauen.“

Dieser Vorfall ereignete sich am 5. Juni in Diyarbakir nach einer großen Abschlusskundgebung der HDP vor der Wahl am 7. Juni. In der Menge befand sich auch der Husumer. Plötzlich explodierten zwei ferngezündete Bomben. „Bei diesem Anschlag gab es vier Tote und etwa 350 Verletzte. Ich war erstaunt, wie ruhig die Leute blieben. Sie hatten einen Korridor gebildet, damit Verletzte abtransportiert werden konnten. Doch der Krankenwagen kam sehr spät – und es kam dann wirklich nur einer. Dafür waren ganz schnell Wasserwerfer an Ort und Stelle – auch Tränengas wurde versprüht. Dann strömten alle zum Wahlbüro der AKP, der Partei des Präsidenten Erdogan. Ich war dabei, als sich HDP-Anhänger vor das Gebäude stellten und verhinderten, dass Fenster eingeworfen wurden.“

Damals war Siegfried Carstensen zum ersten Mal als Wahlbeobachter für die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), die er seit Jahrzehnten als Mitglied unterstützt, in den Schwarzmeer-Staat gereist. Dass es in der Türkei bei Wahlen immer wieder zu Fälschungen, Behinderungen und Manipulationen kommt, ist ein offenes Geheimnis und Motivation für die GfbV, eigene Beobachter in den Südosten des Landes zu entsenden, wo viele Kurden leben. „Es ist bekannt, dass Leute Geld bekommen haben, damit sie der AKP ihre Stimme geben“, weiß der 74-Jährige. „Dreimal wurden wir aus einem Wahllokal hinausgeworfen – sogar die Polizei war gerufen worden. Der Wahlleiter behauptete einfach, dass es eine neue Verordnung gäbe, nach der unser Einsatz verboten sei. Das stimmte natürlich nicht, aber wir konnten nichts machen.“

Im Juni waren auch viele Freiwillige von türkischen Nichtregierungsorganisationen und Vereinen unterwegs gewesen. Sie verbrachten Stunden in Wahllokalen, um sicherzustellen, dass keine Wähler abgewiesen oder vorgefertigte Stimmzettel in Urnen gelegt wurden. Denn die prokurdische HDP, die verschiedenste religiöse und ethnische Gruppierungen eint, trat erstmals an.

Und es gelang der Partei auf Anhieb, die hohe Zehn-Prozent-Hürde zu bewältigen und in das türkische Parlament einzuziehen. Damit war eine Alleinherrschaft der AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht mehr möglich. Die Suche nach einem Koalitionspartner scheiterte – und damit eine Regierungsbildung. Deshalb müssen die Türken am 1. November ihre Stimmzettel erneut in die Urnen werfen.

An diesem Tag werden Marianne und Siegfried Carstensen im Südosten des Landes gemeinsam als Wahlbeobachter in einer Gruppe der GfbV unterwegs sein. Auch Marianne Carstensen kann sich wie ihr Ehemann auf Türkisch verständigen. Die beiden Soziologen pflegen einen großen türkischen Freundeskreis – auch der frühere kurdische Pflegesohn hält engen Kontakt zu dem Paar – und haben das Land oft bereist. Die Situation der Minderheiten – der Kurden und der Armenier – beschäftigt sie besonders.

Beide schwärmen in unserem Gespräch von der Gastfreundschaft der Menschen in der Türkei. Die erlebte Siegfried Carstensen das erste Mal im Jahr 1961 während seiner Zeit bei der Marine. Marianne Carstensen entdeckte ihre Liebe zu dieser Kultur, als sie 1979 in Norderstedt türkische Mädchen in Deutsch unterrichtete. In ihrer Wahlheimat Husum hat die 68-Jährige diese Aufgabe für die Volkshochschule und damit für Migranten und Flüchtlinge übernommen. Nordfriesland hatte auf der persönlichen Landkarte des Paares zuerst einen Platz durch das Schullandheim in Westerhever, dass das Paar 15 Jahre lang betrieb und dann verkaufte.

Beunruhigt sind beide durch die jüngsten Nachrichten aus der Türkei: „Die Bürgermeisterin von Cizre ist einfach abgesetzt worden. Verschiedene Regionen befinden sich im Ausnahmezustand.“ Deshalb wissen die Husumer auch nicht genau, in welcher Stadt sie eingesetzt werden.

Beim Tee, der, wie es beide in der Türkei genießen gelernt haben, im Hause Carstensen mit einem Samowar zubereitet wird, geht es auch um Furcht – schließlich hätte Siegfried Carstensen bei dem Anschlag im Juni zu den Opfern gehören können. Er antwortet zuerst: „Wir wollen Mut machen – und sind durch unsere Anwesenheit ein gewisser Schutz für die Menschen.“ Marianne Carstensen: „Wir haben allen Freunden Bescheid gesagt und uns bei der Deutschen Botschaft in Ankara gemeldet.“

Mehr Worte verliert das Paar, das eine sanfte Freundlichkeit ausstrahlt, nicht. Marianne und Siegfried Carstensen gehören zu den Menschen, die einfach handeln müssen, wenn sie etwas als ungerecht empfinden. Die Frage, ob ihr Engagement überhaupt etwas bringt, stellen sie sich öfter. Aber dann denken sie an einen Ozean, der aus vielen Tropfen besteht und nicht an den heißen Stein  .  .  .

 

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erstellt am 24.Okt.2015 | 12:00 Uhr

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