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Abrissbagger vor Ort : Aus für das Haus voller Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In der Nacht zu Dienstag ist der 50 Tonnen schwere Abriss-Bagger im Husumer Erichsenweg eingetroffen. Nun wird die Irene-Thordsen-Kongresshalle in den kommenden zwei Wochen dem Erdboden gleichgemacht. Mit ihr verschwindet auch ein Stück Stadtgeschichte.

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erstellt am 09.Apr.2014 | 07:00 Uhr

Laute Motorengeräusche haben gestern in den frühen Morgenstunden die Nachtruhe der Anlieger im Erichsenweg gestört. Ursache war ein Schwerlasttransporter, der einen Bagger für den heute beginnenden Abriss der Irene-Thordsen-Kongresshalle brachte. Die soll innerhalb der nächsten zwei Wochen dem Erdboden gleichgemacht werden. Von der Maßnahme erhofft sich die Stadt ein größeres Interesse bei potenziellen Investoren. Seit das mehr als 50 Jahre alte Gebäude im August 2010 durch das Nordsee-Congress-Centrum ersetzt wurde, hat sich kein ernsthafter Interessent für eine Nachnutzung gefunden (wir berichteten).

Mit der Irene-Thordsen-Kongresshalle verschwindet auch ein lebendiges Stück Stadtgeschichte von der Bildfläche. Namensgeberin Irene Thordsen feierte hier ihren 100. Geburtstag. Und auch die Poppenspäler fanden in ihr eine – zuletzt allerdings bitterkalte – Bleibe, bevor sie ins Schloss vor Husum umzogen. Abiturienten feierten im Erichsenweg ihre Abschlussbälle. Und auch sonst ging in der Thordsen-Halle manches rauschende Fest über die Bühne.

Es gab aber auch andere Zeiten für das Gebäude mit dem spröden Charme der 60er Jahre. Während eines Sängerballs, mit dem am 8. März 1969 die Vereinigung der Männerchöre von 1844 und 1870 gefeiert werden sollte, stand bei dem Lied „Himmel und Erde müssen vergeh’n“ zunächst der „Himmel“, sprich die Decke, und kurz darauf das gesamte Gebäude in Flammen. Es brannte bis auf die Grundmauern nieder, doch wie durch ein Wunder kam keiner der 400 Sängerball-Besucher zu Schaden. Als mögliche Brandursache nannten die Husumer Nachrichten eine defekte Lichtleitung. Der Schaden wurde auf eine Million D-Mark geschätzt. Erst kurz zuvor war die Halle – einst Teil des stattlichen Parkhotel-Komplexes – für 700 000 D-Mark von der Stadt gekauft worden.

Auch Otto Waalkes dürfte an den Erichsenweg eher unangenehme Erinnerungen haben und froh gewesen sein, dass das Krankenhaus nur einen Steinwurf entfernt lag. Zu Beginn seiner steilen Komiker-Karriere erlitt der ostfriesische Blödel-Barde auf der Bühne der Kongresshalle einen Stromschlag. Bundesweite Aufmerksamkeit erzielte die Kongresshalle Jahre später, als Cornelius Kohl hier per Losverfahren zum Bürgermeister gewählt (?) wurde.

Als dann zu Beginn des neuen Jahrtausends bekannt wurde, dass es das geplante Congress-Centrum nur geben wird, wenn die Kongresshalle im Gegenzug für immer ihre Türen schließt, stieß das nicht bei allen Husumern auf Gegenliebe. Ähnlich wie bei den Diskussionen um einen Umzug der Volkshochschule wollten viele ihr Kultur-Zentrum im Zentrum behalten und nicht nach Kielsburg – auf die grüne Wiese – verlegt sehen.

Das alles und noch viel mehr ist also bald Geschichte. Ab heute herrscht der Abriss-Bagger über das Gelände am Schlosspark, und die Kongresshalle wird verschwinden. Ein Verlust unter vielen, denn wenn man so will, ist das NCC nicht nur eine Konversionsmaßnahme für die Irene-Thordsen-Kongresshalle, sondern selbst auch ein Konversionsobjekt – für den geplatzten Offshore-Hafen. So greifen nicht nur Schaufeln ins historische Mauerwerk, sondern auch eins ins andere.

 

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