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Beim Höker gab es auch Stacheldraht : Aus drei wurden 250 Käsessorten

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Von der Hökerei zum Supermarkt war das Thema im Museum St. Peter-Ording. Alte Kaufleute, darunter die 85-jährige Christa Marwig und der 75-jährige Karl-August Johst, erzählten aus vergangenen Zeiten.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 09:30 Uhr

Der Alltag hat sich in den vergangenen 60 Jahren rasant gewandelt - auch die Einkaufsmöglichkeiten haben sich völlig geändert. Hatte früher jedes Dorf seinen Tante-Emma-Laden oder seine Hökerei, fahren die Einwohner heute zum Supermarkt in den nächstgrößeren Ort oder in die Stadt. Auch auf Eiderstedt ist das so.

Dem Thema „Von der „Hökerei zum Supermarkt – Einkaufen gestern und heute“ widmete sich nun die Reihe „Museum im Gespräch“ des Kulturtreffs in St. Peter-Ording. In der Loo des Museums Landschaft Eiderstedt erzählten die 85-jährige Christa Marwig, der 75-jährige Karl-August Johst und als jüngster Marco Pioch, geboren 1977, über den Wandel im Einzelhandel.

Sigrid Nolte-Schefold aus Osterhever, zuständig für diese Veranstaltungsreihe, erläuterte in der Einführung, dass der dänische König vor 290 Jahren die Landhökerei gestattet hatte. Damit erst bekamen die Lebensmittelwaren einen Geldwert. Aber Tauschhandel war ebenfalls noch üblich. Wer wissen möchte, wie so ein Landladen eingerichtet war, kann das im Museum Haus Peters in Tetenbüll sehen.

Christa Marwig hatte die Landhökerei in Tümlauer-Koog 1957 von ihrer Mutter Frieda Hinrichs übernommen. Seit Besiedlung des Kooges 1935 gab es den Laden. Eine Lehre hatte sie dafür nicht absolviert. An Lebensmitteln war eigentlich alles da, von Zucker und Mehl über Graupen, Sirup, Senf und Rollmöpsen im Blecheimer. An Käse gab es drei Sorten: Tilsiter, Edamer und Kümmelkäse. Ferner versorgte sie die Einwohner mit Back- und Puddingpulver, Hirschhornsalz, Kümmel, Pfeffer, Nelken und Muskat sowie Bohnenkaffee. Es gab auch Nägel und Nähnadeln, sogar Stacheldraht. 100 Liter Köm wurden im Monat verkauft. Viele ließen anschreiben, bezahlten dann am Monatsende oder eben später, wie sich Christa Marwig erinnerte. Man kannte sich ja. Dafür gab es das Kontobuch. Verpackt wurden die Waren in Papiertüten und Pergamentpapier. Zeitungspapier diente als Umverpackung.

Zeit für einen Klönschnack gab es auch. Ladenöffnungszeiten kannte man nicht. Es war ja immer einer da, auch am Sonntag. Der Ladenraum hatte rund zwölf Quadratmeter. Lebensmittellieferant war Bartels & Langness aus Heide. „Der kam alle vier Wochen“, so Christa Marwig. „Und wir hatten sogar einen Apothekerschrank.“ Hühneraugenpflaster, Glaubersalz und das Allerweltsschmerzmittel Pyramidon waren unter anderem erhältlich. 1975 gab sie die Hökerei auf.

Karl-August Johst hat bei Thams & Garfs in Garding gelernt, unter anderem stand Warenpflege auf dem Ausbildungsplan. Flaschen mussten gewaschen und gespült werden, denn Rum, Kümmel und Essig wurden in ihnen abgefüllt verkauft. „Das Schließen von Tüten war eine Kunst“, berichtet Johst. Gewürze wurden in Pergamenttüten verpackt. Mit Eiklar wurden sie „zugeklebt“. Montag und Freitag war Landtour nach Vollerwiek über Borsthusen und Welt sowie nach Katharinenheerd, alles mit dem Transportfahrrad. Je nach Wind- und Wegeverhältnissen dauerte eine Tour bis zu vier Stunden. Schaufenster wurden der Jahreszeit gemäß dekoriert. „Deshalb lernten wir Dekoration und Plakatschrift.“ Der dritte und vierte Advent hießen „silberner“ und „goldener“ Sonntag. Da wurden nur Weihnachtssachen gekauft.

Ganz anders war es 1996, als Marco Pioch seine Lehre in Büsum absolvierte. Der Laden war zwar 400 Quadratmeter groß, aber in der Saison doch zu klein. Sein heutiger Edeka-Markt in Garding hat 1500 Quadratmeter Fläche. Es gibt 30 000 Artikel. Darunter sind 250 verschiedene Käsesorten. 4000 könnte man bestellen. Der Laden ist wegen der Warenanlieferung rund um die Uhr besetzt. Neben dem Dachlieferanten EDEKA-Nord gibt es extrem viele Fremdlieferanten, darunter beispielsweise die Osterhusumer Meierei Witzwort. Mit einem gewissen Bedauern stellte er fest, dass sie heute mit vier Leuten im Büro neben der Warenbeschaffung hauptsächlich mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt sind. Zeit für Klönschnack ist eigentlich gar nicht.

Es war in diesem Jahr der letzte „Gesprächsabend“ im Museum Landschaft Eiderstedt. Im Frühjahr 2015 wird die Reihe fortgesetzt, deren Ziel es ist, Menschen im Museum zu historischen und zeitgeschichtlichen Themen miteinander ins Gespräch zu bringen.

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