Husums Plattenladen : Auf Platt über AC/DC schnacken

Indische Filme, seltene Platten und Comics: Viele Sammler werden bei Swen Christiansen fündig.
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Indische Filme, seltene Platten und Comics: Viele Sammler werden bei Swen Christiansen fündig.

Ins Rocks Off in der Schulstraße kommen Musikliebhaber aus aller Welt. Den Laden gibt es seit 1983 – es ist kein Ende in Sicht.

shz.de von
18. Januar 2018, 13:00 Uhr

Links unten Comics, darüber DVDs, zur rechten Hand Vinyl-Platten. Swen Christiansen betreibt das Rocks Off seit 35 Jahren. Der Laden liegt ein wenig versteckt in der Schulstraße und ist ein Geheimtipp unter den Sammlern. „Die wollen noch etwas in der Hand haben und suchen nach Besonderem, das sie sonst nirgendwo finden.“

Im Laden beschleicht den Besucher das Gefühl, im großzügigen begehbaren Schrank eines Musik- und Filmliebhabers gelandet zu sein. Die Comic-Bücher und CDs stapeln sich fast bis zur Decke. Jazzmusik ist zu hören.

Christiansen macht sich um sein Geschäft wenig Sorgen, obwohl CD-Läden und Videotheken „langsam aussterben“. Die Sammler werde es immer geben, sagt er lächelnd. „Das sind die Leute, die das Geschäft am Laufen halten.“

Als er 1983 das Rocks Off in Husum eröffnete, waren sie noch nicht seine Zielgruppe. „Damals habe ich überlegt, was die Leute neben Musik noch unterhält. Da boten sich Comics an.“ Kinder seien damals auf dem Schulweg häufig vorbeigekommen.

Als dann die CD auf den Markt kam, habe er nicht lange gezögert und sie ins Sortiment aufgenommen. Andere Geschäfte hätten nicht daran geglaubt, dass sie sich als Trägermedium etabliere und seien daran kaputt gegangen, so Christiansen.

Er ist mit der Zeit gegangen, nur auf einen Online-Shop verzichtet er. Im Internet finden sich Telefonnummer und Öffnungszeiten. „Der direkte Kontakt mit dem Kunden ist mir wichtig. So kann ich von ihnen lernen, der Sammler kennt sein Genre.“

Hip Hop sei dafür ein gutes Beispiel. „Damit konnte ich nichts anfangen.“ Deshalb fragte Christiansen einen 14-jährigen Besucher seines Ladens, warum er die eine Hip Hop-Platte gut fände und die andere nicht. „Dabei habe ich auch erfahren, das rappen von rapportieren kommt, also vom Bericht erstatten“, schildert Christiansen. „Ich muss die Musik nicht mögen, doch am Ball bleiben ist wichtig.“

Das ginge dem ein oder anderen Kunden ganz ähnlich. „Bei mir gibt es keine Kopfhörer, wenn sich einer ein Lied anhören möchte, müssen die anderen mithören.“ Das hätte schon zu angespannten Diskussion unter Besuchern des Rocks Off geführt, aber mancher habe so auch eine neue Band für sich entdeckt.

Einige Kunden kommen täglich in den Laden, andere wöchentlich oder einmal im Jahr. Sie reisen aus ganz Deutschland an, aber auch aus dem Ausland. „Ein Sammler aus Singapur kommt jährlich. Erst fährt er zu einem Plattenladen in Rotterdam dann kommt er zu mir, und dann geht es für ihn weiter nach England.“ Andere kommen aus der Schweiz und Österreich. Sie machen in Husum Urlaub und kommen je nach Wetterlage – „also fast jeden Tag bei all dem Regen“.

Die Kunden fragen Christiansen direkt, ob er ein bestimmtes Stück da hat oder wühlen sich durch die Plattensammlung. „Dann schreit im hinteren Raum einer auf. Ich frage, was passiert ist und er antwortet, dass er das eine Album, dass er schon ewig sucht, endlich gefunden hat.“ Auch um diese Glücksmomente zu erleben, verkaufe er nicht im Internet.

„Diese Begeisterung für einen Künstler oder ein Album wird heute immer seltener“, sagt Christiansen. Musik sei nicht zuletzt durch Streaming-Anbieter zu etwas Selbstverständlichen geworden, wie der Strom aus der Steckdose.

„Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Die heranwachsende Generation weiß doch kaum mehr wie ein Plattenladen aussieht.“ Früher sei das anders gewesen. Er habe als Jugendlicher ewig für den einen Langspieler gespart. „Und dann bin ich mit dem Fahrrad 14 Kilometer von Winnert nach Husum zum Musikgeschäft gefahren.“

In seinem Heimatdorf vor dem Fernseher der Eltern begann seine Liebe zur Musik. „Damals lief der Beat-Club. Erstmals waren Lieder von englischen Interpreten zu sehen. Das waren diese Typen mit langen Haaren – ganz anders als die Volksmusikanten. Die waren wie von einem anderen Stern.“ Die Sendung lief von 1965 bis 1972.

Swen Christiansen ist Winnert und Nordfriesland sehr verbunden. Einer der Gründe dafür hat auch mit seiner Liebe zur Musik zu tun „Wo kann man sonst auf Plattdeutsch über AC/DC reden?“

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