Weißes und schwarzes Öl : Auf der Suche nach kleinen Klumpen

Spülsaumkontrolle: Alle zwei Wochen werden im Winter ausgewählte Küstenabschnitte nach Ölvögeln und Paraffin abgesucht. Foto: lkn
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Spülsaumkontrolle: Alle zwei Wochen werden im Winter ausgewählte Küstenabschnitte nach Ölvögeln und Paraffin abgesucht. Foto: lkn

Der Biologie David Fleet leitet das neue Forschungsprojekt zu Strandverschmutzungen.

shz.de von
27. März 2013, 08:18 Uhr

Nordfriesland | Zwischen Federn, Muscheln, Reet und etlichen Plastikteilen liegt ein faustgroßer weißer Klumpen am Strand. "Das ist es hier", sagt David Fleet und zieht ein paar Schutzhandschuhe aus seiner Tasche: "Paraffin". Der Klumpen ist fest, geruchlos und gilt als ungiftig, doch der Biologe von der Nationalparkverwaltung des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein fasst ihn nicht mit bloßen Händen an. Mithilfe eines Spatels füllt er ein Stückchen davon in ein fingerhutgroßes Probengläschen und beschriftet es. "Es wird immer gesagt, dass Paraffin umweltneutral sei - wir wollen gucken ob alles, was aussieht wie Paraffin, auch tatsächlich nur Paraffin ist."

Denn das Mineralwachs, das in Kerzen, Kosmetik, Grillanzündern und vielen weiteren Produkten steckt, ist in gereinigter Form ungiftig - als Rohparaffin, wie es in Schiffen transportiert wird, enthält es aber noch Verunreinigungen der Mineralölverarbeitung. Im neuen Forschungsprojekt, das Fleet leitet, will er solche Ladungsrückstände aus Paraffin untersuchen, die mit dem Waschwasser ins Meer entsorgt und als Klümpchen an Land gespült werden.

Auch nach schwarzen Klumpen sucht Fleet - oder lässt suchen, besser gesagt. Denn für seine Forschung hat der Wissenschaftler die Naturschutzverbände als Mitstreiter. "Unter suchungen über verölte Seevögel und Strandverschmutzungen" lautet der Titel des Projekts, und damit schließt es an drei Vorhaben an, die in den 1980er und -90er Jahren an der Nordseeküste liefen und international viel beachtet wurden. Drei Jahre lang werden nun Strandverschmutzungen dokumentiert und ausgewertet: verölte Vögel, Mineralöl placken, Paraffin und pflanzliche Öle. Zudem sollen die Analysen zeigen, ob die eingeführten Maßnahmen zur Senkung des Schwefelgehaltes in Brennstoffen wirklich eingehalten werden.

"Wir wollen jetzt gucken: Wie hat es sich entwickelt?", sagt der 58-Jährige mit englischem Akzent. Als junger Biologe kam er 1979 für ein Praktikum aus Mittelengland nach Helgoland. An der dortigen Vogelwarte war bereits in den 1920er Jahren der markante Begriff "Ölpest" geprägt worden. Und 1960 wurde auf der Insel die erste Dauerzählstrecke in Deutschland für Ölvögel im Spülsaum eingerichtet. "Dort waren wir sehr mit dem Thema beschäftigt", sagt Fleet, zumal die Zahl der Ölopfer in den 80er-Jahren immer größer wurde: "Im Winter waren jeden Tag verölte Vögel zu finden", erinnert er sich, "das war ekelhaft, einfach erschreckend."

Damals begann auch die Auswertung der Proben am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Dort legte der Chemiker Dr. Gerhard Dahlmann eine Öl-Datenbank an. Inzwischen ist der Pionier weltweit führend auf dem Gebiet der Identifizierung von Ölverschmutzungen. Denn jedes Öl hat seinen individuellen chemischen "Fingerabdruck", mit dem sich die Herkunft zweifelsfrei feststellen lässt. Vor allem bei Verschmutzungen durch Rohöl sind seine Erkenntnisse - ist es arabisches, russisches oder Nordsee-Rohöl? - oft der entscheidende Hinweis auf die Quelle oder den Verursacher. Handelt es sich um Schweröl, das als Schiffsbrennstoff verwendet wird, überführt eine Gegenprobe aus den Bunkertanks verdächtiger Schiffe den Umweltsünder. Denn tatsächlich sind die Ursachen von Ölverschmutzungen nicht in erster Linie explodierende Ölplattformen, brennende Tanker oder andere Unfälle. "Es sind illegale Einleitungen von Brennstoffrückständen", sagt David Fleet, "das gibt es leider immer wieder." Obwohl das Verklappen von Öl für jeden Kapitän ein Risiko bedeutet: Marineflieger der Bundeswehr heben täglich ab, um das Meer nach illegalen Einleitungen abzusuchen, es gibt Überwachungen per Satellit, und zusammen mit den Proben vom Strand, der Ölanalyse und Driftberechnungen zieht sich ein immer engeres Verfolgungsnetz um die Ölsünder.

Die gute Nachricht schon zu Beginn des Projekts: Die Zahl der verölten Tiere ist stark zurückgegangen. "In den 80er-Jahren waren 80 Prozent der Trottellummen, die man an der Küste fand, verölt. Heute liegt die Verölungsrate bei weniger als 10 Prozent. Das ist eine sehr große Verbesserung", sagt David Fleet. Er packt sein Probenpäckchen zurück in die Jackentasche und kehrt um. "Für heute reicht es", sagt er. "Einen verölten Vogel zu finden, ist sehr unwahrscheinlich."

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