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Film-Premiere in Husum : Auf der Suche nach dem ostdeutschen Klischee

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vier Monate lang drehte der auf Eiderstedt lebende Regisseur André Schäfer im brandburgischen Zehdenick – auf der Suche nach dem „wilden Osten“. Was er fand, war teilweise ganz anders. Am 2. April hat sein Film im Husumer Kino-Center Premiere.

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erstellt am 01.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Vier Monate lang hat sich Regisseur André Schäfer (Jg. 1966) mit seinem Team in die ostdeutsche Kleinstadt Zehdenick begeben. Wie der Autor Moritz von Uslar vor ihm wollte der Wahl-Eiderstedter herausfinden, ob die gängigen Ost-Klischees auch nach einem Vierteljahrhundert Wiedervereinigung noch zutreffen. Was er entdeckte, war in vielerlei Hinsicht erstaunlich und ist am 2. April ab 19.30 Uhr in einer Sondervorführung im Kino-Center auf der Neustadt zu sehen. Schäfer selbst wird seinen Film „Deutschboden – eine teilnehmende Beobachtung“ dort präsentieren.

 

Was hat Sie gereizt, ausgerechnet diesen Film zu drehen?

Schäfer: Ich habe ja schon eine ganze Reihe von Literaturverfilmungen gemacht – über John Irving zum Beispiel oder auch Richard David Prechts „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“. Als ich von Uslars Buch las, hatte ich sofort Bilder im Kopf. Außerdem wollte ich nachprüfen, was er geschrieben hatte. Also bat ich ihn, mich da einzuführen und drehte vier Monate lang. Im Kern geht es in Buch und Film um eine Band. Die hat einen Trinkspruch: „Auf den ersten Song im Radio.“ Das haben sie wohl nicht zuletzt dank des Filmes inzwischen geschafft. Aber sonst schaffen die nicht viel. Ich wollte einfach wissen, wie das Leben dort ist – gerade auch im Vergleich zum Westen.

 

Aber reichte nicht das Buch? Warum mussten die Bilder denn auch noch laufen lernen?

Da geht es auch um eine Gegenüberstellung von Literatur und Realität. Von Uslar hat die Namen seiner Protagonisten teilweise geändert. Bei mir sind sie authentisch. Ich denke, mein Film ist eine Art teilnehmende Beobachtung und am Ende auch anders geworden als das Buch. Ich finde, beides hat seine Berechtigung. Nach der Premiere in Berlin hat mich eine Frau angesprochen, die sich durch das Buch verletzt gefühlt hat und jetzt durch den Film versöhnt worden ist.

 

Decken sich Ihre filmischen Erfahrungen mit denen Moritz von Uslars? Ist Deutschland im provinziellen Osten also kein Superproll, sondern ein feiner Kerl?

Beides. Das sind ganz schon schön schräge Gestalten da – die Männer halten sich ganztägig im Fitness-Studio auf und sind teilweise komplett tätowiert. Viele Frauen übrigens auch. Aber es sind auch feine Kerle. Sie haben halt nur einen anderen Wertekanon. Ich komme selbst aus einer Kleinstadt. Das kann ich ihnen also nicht vorwerfen. Aber ich kann mich auf sie einlassen. Und in der ortseigenen Kneipe wurde ich schon am zweiten Tag mit Handschlag begrüßt. Klar, da sind ein paar erschreckende Exemplare deutscher Wirklichkeit darunter, aber wenn man sich mit ihnen befasst, tun sie nichts.

 

Was sagen uns Film und Buch über den nunmehr schon ein Vierteljahrhundert währenden Einigungsprozess?

Das ist anders da. Es gibt enorme Unterschiede zwischen meinem und ihrem Leben. Aber das gilt auch für Bayern. Ich stell’ mir manchmal auch die Frage: Muss das wirklich zusammenwachsen, muss das gleich werden? Bürgerliche Werte, wie wir sie kennen, gibt es dort nicht, aber dafür andere, die bei uns zu kurz kommen: So hat die Familie einen hohen Stellenwert – und auch die Qualität von Freundschaft. In Köln gibt es einen solche Zusammenhalt nicht. Aber dort gibt es keine Jobs und ein Riesen-Bildungsproblem. Die meisten jungen Leute rennen geradewegs in Hartz IV hinein. Andererseits ist es gut, dass sie eine eigene Identität haben und in gewisser Weise behütet sind, weil sie so nicht durch den Rost fallen.

 

Stadt und Land driften immer weiter auseinander. Die Metropolen saugen die Landbevölkerung auf. Ist Ihr Film vor diesem Hintergrund schon eine Art Abgesang?

Das ist alles schon sehr morbide, ja. Eigentlich hat es keine Überlebenschance. Und doch kriegen derzeit gerade alle Kinder dort. Aber auch deshalb wird sich da weder Industrie noch Dienstleistungsgewerbe ansiedeln. Ja, kann sein, dass es wirklich schon ein Art Abgesang ist. So habe ich – ehrlich gesagt – noch nie darüber nachgedacht.

 

Und was können die hippen Großstädter von den Hackepeterbrötchen futternden Zehdenickern lernen?

Ich finde toll, wie unaufgeregt diese Leute sind, wie cool. Es ist wichtig, einen Ort zu haben, wie die Gaststätte Schröder, die schon morgens um 9 Uhr auf hat und wo sich alle treffen und miteinander reden. Das hätten wir zum Beispiel im Ruhrgebiet so nicht erlebt. Da wären die Leute wahrscheinlich eher stumm gewesen, hätten sich von uns, aber auch voneinander abgewendet.

 

Vielleicht ein letztes Wort zum Titel. Warum heißt der Film „Deutschboden“? Deutsch und Boden sind ja Begriffe, die in dieser Kombination eher unangenehme Assoziationen heraufbeschwören?

Nun, die Jungs von der Band hatten alle mal einen rechtsradikalen Hintergrund. Die finden zum Beispiel die Bundeswehr klasse, aber keiner durfte hin. Und den Ort gibt es wirklich. Wir haben ihn gefunden. Drei Häuser gibt es da. Und die Jungs kommen immer daran vorbei, wenn sie zum Proben fahren.

 

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