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Archäologische Untersuchung in Husum : „Auf der Shopping-Center-Baustelle wurde der bürgerlicher Wohlstand von einst sichtbar“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Auf dem Gelände des geplanten Shopping-Centers in Husum haben Forscher aufschlussreiche Funde gemacht, um die es auch beim Tag der Archäologie in Schleswig gehen wird.

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erstellt am 31.Okt.2017 | 09:13 Uhr

Dr. Stefanie Klooß studierte Ur- und Frühgeschichte, Botanik und Geologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dort absolvierte sie auch die Ausbildung zum archäologischen Forschungstaucher. Seit 2016 ist sie im Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein für die praktische Archäologie in den Kreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg sowie für die Bereiche der Nord- und Ostsee zuständig. Am Sonnabend, 4. November, spricht Klooß am Tag der Archäologie in der Brockdorff-Rantzau-Straße 50 in Schleswig über ihre Ausgrabungen auf dem Gelände des geplanten Shopping-Centers in Husum. Beginn: 15 Uhr. Den Husumer Nachrichten stand sie schon vorher Rede und Antwort.

Welche Bedeutung haben Großbaustellen wie diese für die Archäologie im Land?

Diese Baustelle liegt im Stadtzentrum. Die hier aufgedeckten Strukturen sind daher bedeutend für die Stadtgeschichte. Durch Bautätigkeiten, die in den Boden eingreifen, gehen unweigerlich archäologische Quellen verloren. Daher gilt es die Informationen von bedrohten archäologischen Fundstellen zu sichern und für die Geschichtsschreibung auszuwerten. Das kann in Schleswig-Holstein überall der Fall sein, denn es leben seit Tausenden von Jahren Menschen hier und hinterlassen ihre Spuren. Durch das Denkmalschutzgesetz des Landes ist geregelt, dass der Verursacher, also der Investor oder Bauherr, die Kosten für die Ausgrabung, Bergung und Dokumentation der Funde und Strukturen zu übernehmen hat. Denn Forschungsinstitutionen wie die Universitäten oder das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig arbeiten an bestimmten Fragestellungen und in einem internationalen Kontext. Aber die regionale Vorgeschichte ist genauso spannend.

Und wie erfahren Sie davon? Sind Bauherren verpflichtet, sich bei Ihnen zu melden, oder erhalten Sie solche Informationen von anderen Behörden?

Da gibt es verschiedene Wege. Die Bauherren sind gesetzlich verpflichtet, Bodeneingriffe bei den Denkmalschutzbehörden zu melden. Dafür gibt es bei den Kreisen die Untere Denkmalschutzbehörde. Meistens erfolgt die Beteiligung des Archäologischen Landesamtes über die zuständigen Bauämter.

Aber das Interesse ist bei vielen Bauherren sicher nicht gerade groß. Immerhin verzögern archäologische Ausgrabungen ja letztlich auch die Bauzeit. Bringt das manchmal Ärger mit sich?

Wenn das Archäologische Landesamt wie vorgesehen als Träger Öffentlicher Belange beteiligt wird, kommt es zu keinen Verzögerungen. Die archäologischen Belange werden dann im Vorfeld der Planungen wie andere Themen, beispielsweise naturschutzrechtliche Auflagen, Boden- oder Gewässerschutzmaßnahmen, abgearbeitet. Das heißt, falls Ausgrabungen nötig sind, werden diese vor Baubeginn vorgenommen oder im Bauablauf mit eingeplant. So ist die Planungssicherheit gegeben, und es kommt nicht zu Überraschungen.

Hat es schon Baustellen gegeben, von denen Sie erst erfahren haben als es schon zu spät war? Und wenn ja, was hat das für Konsequenzen?

So etwas kommt selten vor. Aber das gab es schon. Sind ernsthaft wichtige archäologische Befunde in Gefahr, wird schon einmal ein Baustopp verhängt. Das ist dann unangenehm und ärgerlich für alle Seiten, denn die Archäologen müssen unvollständige und teils zerstörte Strukturen dokumentieren und ungeplant einspringen, um die Funde zu bergen. Und für die Bauherren bedeutet das dann eine kostenintensive Verzögerung. Ganz abgesehen davon, dass bei Nachweis der Pflichtverletzung eine Straftat vorliegt.

Es gibt Funde, die elektrisieren ganze Nationen, teilweise über Jahrzehnte hinweg. Was war Ihr wichtigster Fund hier oben an der Westküste?

Im vergangenen Jahr hatten Spaziergänger an der Nordseeküste ein angespültes Holzstück mit einem eingesetzten Geweih gefunden. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein 9000 Jahre altes Gerät aus der Mittelsteinzeit handelt. Dieses Beil aus Elchgeweih und Kiefernholz, also sehr vergänglichen Materialien, war sensationell gut erhalten. Da ich mich besonders für die Epoche der Steinzeit und für Geräte aus Holz interessiere, hat mich dieser Fund sehr fasziniert.

Was lässt sich aus den Funden in Husum herauslesen?

In Husum wurden Brunnen und Zisternen aus den Hinterhöfen der neuzeitlichen Bebauung des 16. bis 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Solche Strukturen zur Trinkwasserversorgung wurden nach der Nutzung mit Abfällen aufgefüllt. Daher und weil die Feuchtigkeit für sehr gute Erhaltungsbedingungen sorgt, sind zahlreiche Funde von Keramiken, Fayencen, Gläsern, Metallschmuck, Nahrungsreste und Werkstattabfälle geborgen worden. Der bürgerliche Wohlstand des kurzfristig bedeutenden Hafenortes Husum und der späteren Residenzstadt werden sichtbar. Handelsbeziehungen in ferne Länder, eingeführtes sowie heimisches Obst und qualifizierte Handwerkstätigkeit lassen sich nachweisen, um nur einiges zu nennen.


>Weitere Info unter www.archaeologie.schleswig-holstein.de

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